Gefangen in Raum und Zeit

Oper "Einstein on the Beach"

Alles ist relativ in der Oper "Einstein on the Beach" von Minimalkomponist Philip Glass und Regisseur Robert Wilson. Bei der Premiere Sonntag im Dortmunder Opernhaus gab es Zuschauer, die sich dreieinhalb pausenlose Stunden lang vom Bilderrausch faszinieren ließen und die Aufführung mit Riesenjubel feierten, und solche, die nach einer halben Stunde den Saal verließen.

DORTMUND

, 24.04.2017 / Lesedauer: 3 min

Dieses Werk - ein Beitrag zum 80. Geburtstag des Komponisten, das der Oper Dortmund internationale Aufmerksamkeit beschert - ist eigentlich gar keine Oper, sondern ein Szenenreigen, zusammengesetzt aus von sich ständig wiederholenden Ton- und Textfolgen. Der Inhalt ist völlig sinnfrei und hat mit Albert Einstein nichts zu tun.

Zombies und Zottelmonster

Keine leichte Kost und mehr ein Event als ein Werk, mit dem man Abonnenten lockt. Nur das Parkett war am Sonntag besetzt, und weil das Publikum kommen und gehen kann, wann es möchte, war zwischenzeitlich an den Bars im Foyer und im Parkhaus mehr los als auf der Bühne. Die Musik wird in die Foyers übertragen, die Bilder nicht.

Der Dortmunder Schauspielintendant Kay Voges hat in seiner Inszenierung (der ersten ohne Beteiligung von Wilson und Glass) starke Bilder für wenig Musik gefunden. Da tanzt ein Gehirn (Raafat Daboul), ein Affenmensch philosophiert vor einem Vorhang aus chirurgischen Schläuchen (Bühne: Pia Maria Mackert) über Farben, viele Einsteins singen im Chor (hervorragend: das Chorwerk Ruhr unter Leitung von Florian Helgath) und spielen im nur neun Musiker starken Orchester hinten auf der Bühne. Im Orchestergraben ist die Technik für die aufwendige Aufführung untergebracht.

Viel Licht und jede Menge Videos

Zombies torkeln durchs Parkett, später auch "Star Wars"-Zottelmonster. Viel Licht und Videos, die von Pixelbildern bis zu Riesenprojektionen von Sängern (wie sie auch in Voges’ "Tannhäuser" zu sehen waren) alles bieten, sorgen für Überraschungen und Abwechslung, die die Musik kaum aufweist.

Das Publikum braucht etwas Zeit, um sich einzuhören in die Wiederholungen der minimalen Tonfolgen. Dann kann die Musik meditativ wirken, aber über dreieinhalb Stunden trägt sie nicht. Etwa alle 15 Minuten wechselt die Szene: Es folgen neue Figuren, neue Lichtstimmungen und neue Tonfolgen, die in Wiederholungen in Endlosschleife gesungen werden. Das muss man aushalten können. Denen, die sich nur einen Eindruck von dieser Antioper verschaffen möchten, reicht auch eine Stunde.

Glanzleistung der Sänger

Hochachtung gebührt den Sängern Hasti Molavian, Ileana Mateescu und Hannes Brock, die die Gesangsnummern in Endlosschleifen und Längen, von denen Wagner nur träumen konnte, auswendig gelernt haben. Und den zwölf Sängern vom Chorwerk Ruhr, die mit der Präzision einer Atomuhr singen, und den Schauspielern Bettina Lieder, Eva Verena Müller und Andreas Beck, die zu Text-Marionetten in sinnfreier Konversation werden.

Einsteins Forschungen zu Materie, Raum und Zeit loten die Oper und diese Gesamtkunstwerk-Inszenierung aus. Und auch die Bereitschaft des Publikums, sich darauf einzulassen.

Karten: Tel. (0231) 5027222.