Geiger Daniel Hope präsentiert eine vielseitige Residenz

Philharmonie Essen

Der südafrikanisch-britische Geiger Daniel Hope ist einer der interessantesten und vielseitigsten Musiker seiner Generation. In der Saison 2017/18 ist er als Residenzkünstler der Philharmonie Essen in einer bislang einzigartigen Vielfalt in acht Konzerten zu erleben. Julia Gaß sprach mit dem 44-Jährigen.

ESSEN

, 06.09.2017, 18:03 Uhr / Lesedauer: 4 min
Geiger Daniel Hope präsentiert eine vielseitige Residenz

Geiger Daniel Hope ist in der Saison 2017/18 Residenzkünstler der Philharmonie Essen.

Sie stellen sich in dieser Residenz mit einem sehr vielseitigen Programm vor. Haben Sie schon einmal in einem anderen Konzerthaus so ein abwechslungsreiches Programm präsentiert? Nein, das ist mit Abstand die Residenz mit den unterschiedlichsten Konzerten. Ich freue mich sehr, dass ich mich in Essen so frei entfalten kann. Aber die Residenz ist auch eine Herausforderung: Zum ersten Mal trete ich in Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ als Schauspieler in deutscher Sprache auf.  

Haben Sie das Stück schon auf Englisch gespielt? Ja, vor zwei Jahren bei einem Festival in Aspen in den USA. Mit dem Stück beschäftige ich mich seit mehr als 20 Jahren. Robert Wilson hat mich überhaupt erst auf die Idee gebracht, es aufzuführen. Meist wird es mit einem Schauspieler aufgeführt, der einen Geiger spielt. Andersrum macht es mehr Sinn.  

Mit Katja Riemann steht in dem Konzert neben Thomas Quasthoff als Erzähler eine weltberühmte Schauspielerin auf der Bühne. Macht Sie das ein bisschen nervös, mit ihr zusammen zu schauspielern? Absolut, zum Glück kennen wir uns sehr, sehr gut. Ich habe mit Katja Riemann schon einige Projekte zusammen gemacht, auch über Musik und Geld, über den Wert von Noten. Ich habe großen Respekt vor ihr, sie ist eine Weltklasseschauspielerin. Vor Thomas Quasthoff habe ich nicht weniger Respekt. Für mich bedeutet das üben, üben, üben.  

Sie präsentieren sowohl Ihr Barockprojekt „Air“ als auch die deutsche Erstaufführung des für Sie komponierten Violinkonzerts von Mark-Anthony Turnage. In welcher Epoche ist Ihre Heimat? Mehr und mehr ist die Melodie meine Heimat. Ich habe mich jahrzehntelang mit abstrakter Musik beschäftigt. Jetzt mag ich Komponisten, die mit Musik umgehen können. Turnage gehört für mich zu den Besten. Weil wir das tolle Borusan Istanbul Orchestra haben, hat er in dem Konzert für zwei Violinen und Orchester ethnische Instrumente einbezogen. Es gibt zwei Welten – eine westliche und eine östliche. Ich bin für dieses Auftragswerk der Philharmonie Essen sehr dankbar.  

Sie starten Ihre Residenz am 16. September mit einer Hommage an Joseph Joachim, den Geiger, für den Brahms sein Violinkonzert geschrieben hat. Ist Joachim für Sie ein Vorbild? Schon lange. Jeder Geiger hat wohl eine große Verbundenheit zu Joachim. Ich habe schon vor zehn Jahren begonnen, mich intensiv mit ihm zu beschäftigen. Er war Lehrer von mehr als 400 Schülern und hat die Musikwelt des 19. Jahrhunderts geprägt wie kein anderer.

Was können Sie von Joachim lernen? Auch viel über seine Programme. Ich habe mir 300 bis 400 seiner Konzertprogramme geben lassen. Er war sehr innovativ und hatte den Mut, in einem Orchesterprogramm ein Streichquartett spielen zu lassen. Auch von der Art, wie er auf Komponisten zugegangen ist, können wir lernen.

Ihr Lehrer und Mentor war Lord Yehudi Menuhin. Was haben Sie von ihm gelernt? Alles, was ich tue, geht auf Menuhin zurück. Er war ein unglaublich toller Musiker und ein fantastischer Geiger, der mir auch erklärt hat, wie man mit Musik die Menschen erreicht. Er hat jungen Menschen die Möglichkeit gegeben, Bühnenerfahrung zu sammeln. Ich unterstütze gerne seinen Verein „Live Music Now“ , bei dem junge Musiker Konzerte in Krankenhäusern, Altenheimen, Waisenhäusern oder Gefängnissen geben. Da hilft man doppelt.  

Sie führen seine Arbeit fort, wenn Sie am 13. Mai 100 Kinder zum „Geigengipfel“ in die Philharmonie einladen. Was passiert da? Ich habe bei Aleksay Igudesman ein Werk in Auftrag gegeben, das wir zusammen einstudieren. Ich gebe viele Kinderkonzerte und finde Initiativen wie „Jedes Kind ein Instrument“ gut, die Kindern Instrumente in die Hand geben.

Im Familienkonzert am 8. Oktober sind Sie der Erzähler im Kinderbuch „Der Grüffolo“. Liegen Ihnen literarischen Projekte als Sohn eines Schriftstellers am Herzen? Ja, meine Verbindung zur Literatur ist sehr geprägt von meinem Vater. Ich habe auch früh angefangen zu schreiben, erst in der Schülerzeitung, jetzt schreibe ich ein Reisetagebuch und moderiere eine wöchentliche, zweistündige Musiksendung auf WDR 3. „Grüffolo“ habe ich vor einem Jahr mit meinem Sohn entdeckt. Der ist dreieinhalb, und wir haben jeden Tag aus dem Buch gelesen. Da kam mir die Idee, dass es schön wäre, wenn man das auf eine Bühne bringt.  

„Ein Sommernachtstraum: Heimat“ heißt das letzte Konzert. Sie sind in Südafrika geboren, haben in Paris gelebt und in England studiert und in ihrem ersten Buch Ihre Urgroßeltern in Berlin gesucht. Wo ist Ihre Heimat? Europa ist meine wahre Heimat und seit anderthalb Jahren Berlin. Seit drei Monaten bin ich auch deutscher Staatsbürger.

Im Konzerthaus Berlin haben Sie die Gesprächsreihe „Hope@9pm“. Kann man mit so einem Format anderes Publikum für klassische Musik begeistern? Ja, die Hälfte der Besucher sind jüngere Leute, die Atmosphäre ist locker. Ich lade jeden Monat einen Gast ein. Katja Riemann war schon da, Menaham Pressler, Götz Alsmann aber auch Wolfgang Schäuble – Menschen, die etwas zu sagen haben. Ich glaube, dass so ein Format Zukunft hat.  

Und in Ihre Residenz in Essen passte das nicht? Es wäre zu viel geworden, aber es gibt ein Gespräch: Vor dem „Sommernachtstraum“ interview ich zum ersten Mal meinen Vater.

Gibt es ein Lieblingskonzert unter den acht in Essen? Am spannendsten ist das Konzert mit dem Violin-Doppelkonzert von Turnage am 20. Oktober. Das Werk ist toll, Vadim Repin, mit dem ich das Konzert spiele, ist ein Weltklassegeiger, den ich mein ganzes Leben bewundert habe. Das Orchester aus Istanbul freut sich so sehr, dass es in Deutschland spielt, und Dirigent Sascha Goetzel muss man mal gesehen haben.

Die Konzerte im Überblick:

  • 16. September: Hommage an Joseph Joachim mit Simon Crawford-Phillips (Klavier).
  • 8. Oktober: Familienkonzert „Der Grüffolo“.
  • 20. Oktober: Violinkonzert von Turnage.
  • 26. November: Zücher Kammerorchester.
  • 20. Januar: „Air“, Kammerkonzert.
  • 13. Mai: Geigengipfel mit 100 Musikschülern und Aleksay Igudesman.
  • 17./18. Mai: „Hollywood“ mit den Essener Philharmonikern und dem Violinkonzert von Korngold.
  • 23. Juni: „Ein Sommernachtstraum: Heimat“ mit der „Geschichte des Soldaten“ von Strawinsky, Katja Riemann und Thomas Quasthoff.

Karten: Tel. (0201) 812 22 00 Ein Film über Daniel Hope ko kommt am 19. 10. in die Kinos. Filmpremiere ist am 8. 10. in der Lichtburg Essen.