„Gertrud“ ist ein Glücksfall für die Bochumer Bühne

Schauspielhaus Bochum

Umsetzung von Einar Schleefs Roman gelingt mit überraschendem Konzept.

Bochum

, 28.01.2018, 17:56 Uhr / Lesedauer: 2 min
Szene aus „Gertrud“ mit (v.l.) Wolfram Koch, Antonia Bill und Almut Zilcher Foto: Declair

Szene aus „Gertrud“ mit (v.l.) Wolfram Koch, Antonia Bill und Almut Zilcher Foto: Declair

Einar Schleefs Tausend-Seiten-Roman „Gertrud“ auf die Bühne zu bringen, ist eine dieser unlösbaren Aufgaben, die, wenn sie in fähige Hände geraten, doch gelingen können. Jakob Fedlers Inszenierung, die als Koproduktion des Schauspielhauses Bochum mit dem Deutschen Theater Berlin entstanden ist, ist solch ein Glücksfall.

Als der 1978 geborene Fedler seine ersten Schritte in der Theaterwelt unternahm, war Einar Schleef, der als Regie-Berserker und besessener Autor galt, längst verstorben. Trotzdem fand der Regisseur einen Zugang zu diesem einzigartigen Werk, hält es für so wertvoll, dass er es vor dem Vergessen bewahren möchte.

Exquisites Ensemble

Mit einem exquisiten Ensemble aus Antonia Bill und den alten Bochum-Bekannten Almut Zilcher (Dimiter Gotscheffs Witwe) und Wolfram Koch gelingt ihm ein kongenialer Nachvollzug von Schleefs Projekt: Der Autor zeichnete ein Bild seiner 60-jährigen, im ostdeutschen Sangershausen lebenden Mutter zwischen Realität und Fiktion. Er mischte Tagebuch- und Gesprächsaufzeichnungen mit erdachten Bewusstseinsströmen.

Wenn Zilcher, Koch und Bill sich die Rolle der Gertrud teilen, dann manchen sie damit diese Diskrepanz zwischen der realen und der fiktionalen Figur deutlich, zeichnen einen zerrissenen Charakter und springen zwischen den Zeiten.

Im Bühnenbild von Dorien Thomsen, das nur aus dem Sarg von Gertruds Mann Willy besteht, sprechen die drei Einar Schleefs rudimentäre, entschlackte Sprache. Kurze Maschinengewehrsätze sind das, aus denen ein ruheloser, scharfer Geist spricht, der alle Erscheinungen und Konventionen demaskieren möchte, der auf das Wesentliche blickt.

Raum für Gefühle ist da kaum. Die Zuschauer müssen die Innenwelt dieser Frau – wie sie war und wie ihr Sohn sie gesehen hat – in den Zwischenräumen suchen. So sind sie gezwungen, sich ebenso in diesen Strudel der Sprache zu werfen, wie es die Schauspieler mit jeder Faser ihres Körpers tun.

Vor allem Wolfram Kochs Spiel zwischen Einfühlung und Kommentar ist schlichtweg genial, die Inszenierung, die nur selten gespielt wird, unbedingt sehenswert.

Termine: 31.1., 4./16.2.; Karten: Tel. (0234) 55553333. www.schauspielhausbochum.de