Gesellschaft vor 100 Jahren im Hörspiel

Theater Mülheim

Vor der Gründung seines Mülheimer Theaters an der Ruhr war Roberto Ciulli von 1979-81 Regisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus. Jetzt kehrte er für eine Koproduktion mit seiner Bühne an die frühere Wirkungsstätte zurück.

DÜSSELDORF

, 15.02.2016, 14:03 Uhr / Lesedauer: 1 min
Gesellschaft vor 100 Jahren im Hörspiel

Verkrampft, nicht nur im Gebet (v.l.) Peter Kapusta (Bruno von Simon), Albert Bork (Eduard), Dagmar Geppert (Lieschen), Rosmarie Brücher (Charlotte Sonntag) und Petra von der Beek (Mutter Pius).

Im Central am Düsseldorfer Hauptbahnhof präsentiert Roberto Ciulli mit größtenteils eigenen Schauspielern die Premiere von Else Lasker-Schülers Stück "Die Wupper". Für Ciulli ist Lasker-Schüler "eine Lyrikerin, die keine Dramatikerin sein wollte". So nahm er sich auch die Freiheit, "Die Wupper" weitgehend auf die Sprache zu reduzieren.

Pantomime und Rezitation

Zu erleben ist eine Performance. Wesentliche Passagen sind nur aus dem Lautsprecher als Surround-Hörspiel zu erleben, während die Schauspieler (historisch kostümiert) statisch auf der Bühne verharren. Sinnstiftend eingefügt werden pantomimische Kommentare sowie Rezitationen von Gedichten.

Ciulli selbst tritt als alte Else Lasker-Schüler auf, die einen antiken Kinderwagen vor sich herschiebt, imaginäre Vögel füttert und auf dem in ihren Versen auftauchenden blauen Klavier spielt. Die jüdische, in Jerusalem gestorbene Autorin erlebt und erinnert so ihre "Wupper" und zugleich ihre eigene Kindheit in Wuppertal.

Sonderlinge der Gesellschaft

Am Beispiel der Industriellenfamilie Sonntag und der Arbeiterfamilie Pius zeigen Lasker-Schüler und Ciulli das Steife und Verklemmte der Gesellschaft vor hundert Jahren, die Sonderlinge hervorbringt: Heinrich Sonntag (Achim Buch) vergreift sich an Mädchen, die Beziehung zum armen, strubbligen Lieschen (Dagmar Geppert) wird ihm zum Verhängnis. Seine Schwester Marta (exotisch kostümiert: Katrin Hauptmann) lässt sich gern nackt fotografieren. Mutter Pius (Petra von der Beek) spielt sich als züchtigende Dompteurin auf. Andere gehen zur Triebbefriedigung hinter das blaue Klavier.

Bei der Premiere hielten nicht alle Zuschauer die pausenlosen zwei Stunden durch. Andere setzten angesichts des verplätschernden Endes zu früh mit ihrem Schlussbeifall ein.

Termine: 16./ 29.2., 2./ 20.3., Karten: Tel. (0211) 369911, Schauspielhaus Düsseldorf.
Premiere im Theater Mülheim: 25.2., Karten: Tel. (0208) 5990188.