„Gestorben wegen Maske“: Wie Corona-Leugner Kinder instrumentalisieren

Coronavirus

Corona-Leugner verbreiten die Geschichte, dass mehrere Schüler wegen des Tragens einer Maske gestorben seien. Die Falschnachrichten sind kaum aus der Welt zu bekommen.

Hannover

21.10.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ein Schüler einer ersten Grundschulklasse hält im Klassenzimmer einen Mundschutz in den Händen.

Ein Schüler einer ersten Grundschulklasse hält im Klassenzimmer einen Mundschutz in den Händen. © picture alliance/dpa

Alles beginnt im September mit einem schockierenden Fall im Landkreis Germersheim in Rheinland-Pfalz. Lokale und überregionale Medien melden den plötzlichen Tod einer Schülerin in einem Schulbus. Das Mädchen war mit 32 weiteren Schülerinnen und Schülern auf dem Weg nach Hause, als es plötzlich zusammenbrach. Es verstarb später im Krankenhaus.

Wie kann das sein? Corona-Leugner haben umgehend eine Theorie parat. Sie verbreiten in Messengern und sozialen Netzwerken den Mythos, das Kind könnte gestorben sein, weil es einen Mund-Nase-Schutz trug. Bus, Maske, Tod. Es passt so wunderbar zusammen. Auch eine AfD-Politikerin postet die Geschichte auf ihrer Facebook-Seite - sie wird hundertfach geteilt. Inzwischen ist eindeutig klar: Sie stimmt nicht.

Am Dienstag meldet sich die Staatsanwaltschaft zu Wort - knapp anderthalb Monate nach dem Vorfall und nach Abschluss der Untersuchungen. Der Tod der Schülerin stehe nicht im Zusammenhang mit dem Tragen des Mund-Nasen-Schutzes. Ein normal getragener Schutz führe des Weiteren nicht zur übermäßigen Ansammlung von Kohlenstoffdioxid, wie oft im Netz behauptet wird. Eine Maske sei seitlich offen und der Stoff teilweise luftdurchlässig, heißt es in der Stellungnahme der Behörden vom Dienstag.

Geschichten verselbstständigen sich

Besänftigen wird das die Corona-Verschwörer vermutlich nicht. Denn die Geschichte mit den vermeintlich verstorbenen Kindern hat sich in der Szene längst verselbstständigt. Immer wieder tauchen neue vermeintliche Fälle auf. Und: Die erfundenen Geschichten tragen sich längst auch außerhalb der Verschwörungsszene in die sozialen Netzwerke. Sie aus der Welt zu bekommen, ist praktisch unmöglich.

Kurz nach dem Fall aus Rheinland-Pfalz macht ein angeblich zweiter Fall die Runde. Maßgeblich an den Gerüchten beteiligt ist der Sinsheimer Arzt Bodo Schiffmann. Er berichtet in einem Video von dem Tod eines Jungen. Auf RND-Anfrage erklärt Schiffmann damals, der Fall habe sich in Ostfriesland abgespielt - belegen kann er das jedoch nicht. Auch den Staatsanwaltschaften in Aurich und Oldenburg ist ein solcher Fall auf Anfrage nicht bekannt.

Inzwischen ist klar, von welchem Fall Schiffmann spricht. Und ebenso klar ist: Auch in diesem Fall hatte der Tod des Kindes nichts mit einer vermeintlichen Maske zu tun. Ein örtliches Bestattungsunternehmen sieht sich gezwungen, auf der Gedenkseite des verstorbenen Jungen eine Stellungnahme zu veröffentlichen.

Bestattungsunternehmen veröffentlicht Stellungnahme

Dort bittet das Unternehmen um Respekt gegenüber der Familie. „In der letzten Zeit wurden viele Falschmeldungen bzgl. M.s Tod (Name von der Redaktion gekürzt) in den sozialen Medien verbreitet“, heißt es in dem Schreiben. „M. hatte bei seinem Zusammenbruch keinen Mund-Nasen-Schutz getragen. Auch hat sich dies nicht wie häufig beschrieben in einem Bus zugetragen. Der Tod von M. hat rein gar nichts mit dem Coronavirus zu tun.“ Die Staatsanwaltschaft bestätigt die Darstellung dem Rechercheportal „Correctiv“.

Doch Schiffmann macht weiter. Wenig später berichtet er unter Tränen in einem Video von einem angeblichen dritten Fall. Die einzige Quelle dafür ist wieder einmal nur Schiffmann selbst. Auch ein Ort wird nicht genannt. Später spricht Schiffmann auf einer Demonstration von einem vermeintlichen Fall aus Schweinfurt. Das Kind sei nach einem Zusammenbruch in seinem Bett gestorben. Sowohl die Polizei Schweinfurt, eine Pressesprecherin der Stadt Schweinfurt als auch das Leopoldina Krankenhaus in Schweinfurt bezeichnen die Geschichte als Falschmeldung.

Und dann noch ein vierter Fall: In den sozialen Netzwerken verbreitet sich die Geschichte eines toten Kindes in Wiesbaden. Hier das gleiche Spiel: Die Polizei erklärt auf Anfrage des Online-Blogs „Volksverpetzer“, dass sie zu einem solchen Fall keine Erkenntnisse habe.

Vorbild: Qanon

„Erkenntnisse“ sind für die Szene der Corona-Verschwörer aber auch nicht wichtig. Denn die erfundenen Geschichten laufen auch von allein. Vor allem deshalb, weil Kinder darin involviert sind. Genau diesen Umstand nutzen die Aktivistinnen und Aktivisten inzwischen offenbar gezielt aus. Gelernt haben sie dabei offensichtlich von einer prominenten Verschwörungstheorie aus den USA: Qanon.

Auch dieser Mythos verbreitet nicht zuletzt deshalb so gut, weil er mit Kindern zu tun hat. Diese würden angeblich entführt und gefoltert, um an ihr Blut zu kommen - so die erfundene Geschichte. Vor einigen Monaten bereits saß der Sänger Xavier Naidoo tief schluchzend vor der Kamera, um seine Telegram-Follower über den Hokuspokus „aufzuklären“.

Auch Bodo Schiffmann bedient sich diesem Stilmittel. Vermeintlich weinend sitzt er vor der Kamera und berichtet von dem angeblich verstorbenen „dritten Kind“. „Kinder sterben, verdammte scheiße. Weil sie Masken tragen gegen eine Erkrankung, die es nicht gibt“, so der Arzt.

Kinderschutzbund übt deutliche Kritik

In diese Erzählungen reihen sich viele weitere Verschwörungstheorien ein, die mit Kindern im Zusammenhang stehen und sich in den Netzwerken verbreiten. Eine behauptet etwa, Bill Gates solle nach einer Impfaktion in Indien 490.000 gelähmte Kinder hinterlassen haben. Das ist falsch. Ein weiterer Mythos: In Wien lägen Kinder im Krankenhaus, weil sie durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes eine Lungenpilzinfektion erlitten hätten. Wiener Krankenhäuser dementieren das.

Angeblich führe das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen auch dazu, dass in den Krankenhäusern vermehrt Kinder mit Borkenflechte, einem ansteckenden Hautausschlag, behandelt werden müssten. Belege für diese Behauptung, vor allem auf Facebook, gibt es jedoch nicht. Und eine noch schockierende Geschichte: Die Kölner Diakonie suche angeblich Fachkräfte, um Kinder zur Quarantäne aus ihren Familien zu holen, sie also den Eltern wegzunehmen. Auch das, so die Diakonie selbst, stimmt nicht.

Die Instrumentalisierung der Kinder hat inzwischen auch den Deutschen Kinderschutzbund auf den Plan gerufen. Anfang Oktober veröffentlichte dieser ein längeres Statement auf Twitter. Darin heißt es unter anderem: „Wir sind erschüttert darüber, dass es in unserem Land eine Gruppe von Menschen gibt, die den Tod von Kindern für ihre eigenen politischen Zwecke instrumentalisiert. Diese Menschen haben vieles, aber ganz sicher nicht das Wohl der Kinder im Sinn.“

Kinder werden gezielt angesprochen

Doch nicht nur Todesfälle von Kindern werden von Corona-Leugnern instrumentalisiert. Inzwischen versuchen die Aktivistinnen und Aktivisten offenbar gezielt, auch Kinder für ihre Pläne einzuspannen.

Das Portal „t-online.de“ berichtet, dass Aktivisten aus dem Umfeld der „Querdenker“ im Kreis Groß-Gerau Flugzettel gegen Masken an Schulen verteilt haben sollen. Die Polizei erteilte vier Menschen daraufhin Platzverweise. Auch Merkur.de berichtet von Flugblättern, die im Bayerischen Oberland in diversen Briefkästen gelandet seien. Viele davon hätten sich explizit auch an Kinder gerichtet.

Auch über eine geheime Telegram-Gruppe berichtet „t-online.de“. Dafür soll ein Aktivist der Szene junge Leute für seine Überzeugungen rekrutiert haben. Inzwischen seien 140 Kinder und Jugendliche dort aktiv. Wer sich anmelden will, müsse vorab eine Videobotschaft samt Schüler- oder Personalausweis vorzeigen. Bei jugendschutz.net, der Stelle von Bund und Ländern zur Prüfung auf Verstöße gegen den Jugendschutz im Internet, seien diverse Hinweise und Beschwerden über den Kanal eingegangen.

Lachen über tote Kinder

Dass es die Corona-Leugner mit dem Kindeswohl derweil nicht ganz so ernst meinen, zeigen Aufnahmen aus ihren Livestreams. In einem Video ist zu sehen, wie sich der Arzt Bodo Schiffmann mit zwei Kollegen unterhält. Der Moderator druckst herum. Er schlägt vor, Menschen über die vermeintlich schädliche Maske aufzukären, indem man in der Öffentlichkeit ein Telefongespräch vortäuscht. „Und dann sagt man sowas wie: ‚Was, zwei Kinder sind gestorben wegen Masken? Das kann nicht sein.‘“

Von Trauer ist bei Schiffmann in dieser Szene nichts mehr zu spüren. Das Schluchzen über ein vermeintlich gestorbenes „drittes Kind“ offenbar längst vergessen. Schiffmann beginnt laut zu lachen und urteilt schließlich: „Super Idee.“

RND

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