Gewinnerstück „Spiegelblicke“ uraufgeführt

Westfälisches Landestheater

Malika ist ein gefeierter Star, ein Komet am Schauspielerhimmel. Klatschblätter gieren nach Details aus ihrem Leben. Was keiner weiß: Malika hat sich eine Legende zugelegt und verschleiert, dass ihr Vater Algerier ist. Als ein Jugendfreund auftaucht, droht das Geheimnis zu platzen.

CASTROP-RAUXEL

, 02.04.2017, 14:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
Gewinnerstück „Spiegelblicke“ uraufgeführt

Szene mit (v.l.) Ahmed (Bülent Özdil), Baba (Dimitri Tellis), Malika (Mirjam Radovic) und ihrer Freundin (Pia Seiferth)

"Spiegelblicke" heißt das Stück von Yasmina Ouakidi, das am Samstag am  Westfälischen Landestheater  (WLT) in Castrop-Rauxel uraufgeführt wurde. Es ist der Gewinner des Literatur-Wettbewerbs "In Zukunft III", der Autoren mit nichtdeutschen Wurzeln eine Stimme geben will.

Neun Autoren

Neun Autoren feilten in der Schreibwerkstatt an ihrer Arbeit, tauschten sich aus, diskutierten. Eine Jury kürte "Spiegelblicke" zum besten Text, der am WLT von Christian Scholze dramaturgischen Schliff bekam und von Katrin Herchenröther in Szene gesetzt wurde.

"In Zukunft" möchte unsere Bühnen um die Erfahrungswelt von Migranten und deren Kindern bereichern, "Spiegelblicke" tut genau das: Die Handlung bleibt überschaubar, sie lüftet aber den Vorhang vor einer Seelenlandschaft.

"Araber-Mädchen"

Yasmina Ouakidi (44), Kind deutsch-algerischer Eltern, erzählt am Beispiel ihrer Hauptfigur Malika, wie es ist, ständig als Fremde wahrgenommen zu werden, sich definieren und erklären zu sollen. Das "Araber-Mädchen" trägt den Stempel des Andersseins mit sich herum, und sie ist es unendlich leid.

Es gibt Mechanismen der Ausgrenzung, die sind so subtil, dass wir sie nicht als Diffamierung erkennen, doch die Betroffenen haben ein Radar dafür - das ist es, was "Spiegelblicke" uns vor Augen führt.

"Deutscher" Star

Malika (Mirjam Radovic) ist geprägt von ihrer Jugend in der Kleinstadt, wo es kaum Algerier gab, bloß ihren Vater (Dimitri Tellis) und den Dicken vom Imbiss. Und eben Malika und Ahmed (Bülent Özdil), Sohn des Dicken. Malikas deutsche Mutter wird geschnitten von den Verwandten, die Lügen über Malikas "Baba" streuen.

Er schlage seine Frau und liege den Deutschen auf der Tasche. Dann war Baba verschwunden, und Malika allein mit der depressiven Mutter, die sich das Leben nahm. All das hat sie hinter sich gelassen, als sie zur Schauspielschule ging, ihr Haar färbte, ihren Nachnamen verkürzte und ihre Eltern verleugnete.

Als "deutscher" Star soll Malika O. einen Preis bekommen, da erscheint Ahmed zur Gala und wanzt sich an Malikas Freundin (Pia Seiferth) heran. Will er Malika erpressen oder kompromittieren? Ouakidis Figuren sprechen eine ungestelzte, klare Sprache, die den Akteuren lebensecht über die Lippen geht und komplexe Dinge in einfache Worte kleidet.

Im Hier und Jetzt

Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen superb in Text, Inszenierung und Spiel des starken Darsteller-Quartetts. Ausstattung (Anja Müller), Video und Rapmusik sind im Hier und Jetzt zuhause und untermauern die Aktualität des Stoffes. Warum der Baba damals abtauchte, wird nicht recht klar, dennoch haben wir es mit einem sensiblen, vielschichtigen, sehenswerten Stück zu tun, das aus interessanter Warte erzählt ist.

Termine: 11.-13./23./25.4., Karten: Tel. (02305) 978020.

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