Gibt es nur mehr Corona-Fälle, weil mehr getestet wird?

Coronavirus

Die Zahl der Corona-Tests in Deutschland hat in den vergangenen Wochen zugenommen. Doch es ist wichtig, die Zahl der Neuinfektionen mit der Zahl der Tests in ein Verhältnis zu setzen.

von Anna Schughart

, 04.08.2020, 12:06 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Zelte von einem Corona-Testzentrum sind am Flughafen München zu sehen. In der Corona-Pandemie muss man das Infektionsgeschehen an verschiedenen Kennzahlen messen.

Die Zelte von einem Corona-Testzentrum sind am Flughafen München zu sehen. In der Corona-Pandemie muss man das Infektionsgeschehen an verschiedenen Kennzahlen messen. © picture alliance/dpa

Für Donald Trump ist die Situation ganz klar: Würden die Vereinigten Staaten nicht so ausgiebig testen, würde sich die Situation in dem Land gleich viel weniger schlimm darstellen. Auf eine gewisse, verquere Weise stimmt das auch: Im Fall von Brasilien, wo sich fast schon drei Millionen Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert haben, gehen Experten zum Beispiel von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Auch in Indien, das nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität bald die Zwei-Millionen-Marke überschreiten dürfte, muss man wohl annehmen, dass sich in Wahrheit deutlich mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben. Schließlich ist das Gesundheitssystem gerade in den ländlichen Regionen sehr schwach.

Die Frage, wie verlässlich Fallzahlen sind, beschäftigt viele Menschen daher schon seit Beginn der Corona-Krise. Denn die Zahl der neu gemeldeten Infektionen hängt ganz simpel davon ab, wie viele Menschen getestet werden. Auch das Verhältnis zwischen Infizierten und Toten ist etwa davon abhängig, ob auch leichte Verläufe erkannt werden. Werden dagegen nur Menschen mit schweren Symptomen auf Sars-CoV-2 getestet, dann sieht die Sterberate deutlich dramatischer aus.

Deutschland: Zahl der Tests hat sich erhöht

In Deutschland hat sich die Zahl der wöchentlichen Corona-Tests in den vergangenen Wochen stark erhöht. Bis Anfang März (Kalenderwoche 10) waren in Deutschland insgesamt 124.716 Corona-Tests gemacht worden. Inzwischen sind es (Datenstand 28. Juli 2020) mehr als acht Millionen. Dabei wurden zwischen dem 29. Juni und dem 5. Juli erstmals mehr als 500.000 Testungen durchgeführt, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) mitteilt. In der Woche zwischen dem 20. und 26. Juli waren es sogar 563.553.

Anfang Juni war durch eine neue Verordnung die Zahl der Menschen, die in Deutschland getestet werden, rückwirkend erhöht worden. Waren zuvor Tests auf Kassenkosten nur bei Menschen mit Symptomen möglich, können sich nun auch Menschen unter bestimmten Umständen ohne Symptome testen lassen. Dazu gehören zum Beispiel Personen, die Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Aber auch Menschen, die etwa in ein Krankenhaus aufgenommen werden, werden mittlerweile grundsätzlich getestet.

Laut RKI könne der Anstieg der Tests in Deutschland einerseits damit zusammenhängen, dass es insgesamt mehr Fälle gebe und – teilweise auch größere – Ausbruchsgeschehen gebe. Das habe zur Folge, so eine Sprecherin des RKI, dass auch mehr Menschen und mehr Kontaktpersonen getestet werden müssten. Gleichzeitig habe aber auch die Zahl der Erkältungskrankheiten in Deutschland seit den Lockerungen wieder deutlich zugenommen. „Auch diese könnten zu einem Anstieg der Tests über die vergangenen Woche führen“, so das RKI.

Ist die steigende Zahl der Neuinfektionen nur auf die Tests zurückzuführen?

Wenn man mehr testet, kann das natürlich zu einem Anstieg der Fallzahlen führen. Denn zuvor unentdeckte Fälle werden nun entdeckt.

Daher ist es wichtig, die Zahlen in das Verhältnis zu setzen: Wie viele der Getesteten wurden tatsächlich auch positiv getestet? Von den 563.553 Tests in der Woche des 20. Juli hatten 4364 ein positives Ergebnis, das ist eine Quote von 0,8 Prozent. In der Woche zuvor waren es 537.334 Tests, von denen 0,6 Prozent positiv waren. Zum Vergleich: Ende Mai/Anfang April waren von 408.348 Tests 36.885 positiv – also rund 9 Prozent.

Eine sinkende Quote ist dabei also, ganz grob gesagt, eine gute Entwicklung. Steigt die Quote, ist das eher eine Anlass zur Sorge. Zuletzt ist dieser Anteil leicht gestiegen, von 0,6 Prozent auf 0,8 Prozent. „Das bedeutet, dass bei steigender Anzahl der Tests etwas mehr Personen als zuvor positiv getestet wurden“, so das RKI.

Mehrere Kennzahlen

In der Corona-Krise ist es angebracht, das Infektionsgeschehen anhand mehrerer Kennzahlen zu beschreiben. Dazu gehört neben der Zahl der Neuinfektionen auch der sogenannte R-Wert. Die Reproduktionszahl gibt dabei an, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt.

Das Robert-Koch-Institut sieht die aktuelle Entwicklung der Epidemie auch deshalb kritisch, weil es bundesweit viele verschiedene kleinere Ausbrüche gibt, zum Beispiel durch Familienfeiern, am Arbeitsplatz oder in Gesundheitseinrichtungen. Zudem würden zunehmend auch bei Reiserückkehrern Covid-19-Fälle identifiziert, teilte das RKI in seinem Situationsreport von Montag mit. In den vergangenen Wochen sei die Zahl der Kreise, in denen innerhalb von sieben Tagen keine Covid-19-Fälle übermittelt wurden, deutlich zurückgegangen.

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