Grass im „Zwiebelkeller“ der Geschichte

Ein Porträt

Es war einmal: Der Sohn kleiner Leute aus Danzig. Er überlebte den Weltkrieg knapp, studierte Kunst, schrieb in Paris den Welterfolg „Die Blechtrommel“ und erhielt den Nobelpreis. Am Montag starb der Schriftsteller Günter Grass - ein Porträt.

Lübeck

13.04.2015, 12:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im „Zwiebelkeller“, einem Nachtclub der Nachkriegszeit am Rheinufer, lässt Günter Grass in der „Blechtrommel“ die Gäste bereitwillig hohe Preise zahlen: Es ist das Jahr 1949, und die Menschen wollen endlich wieder weinen können in diesem - trotz oder gerade wegen des großen Leids - „tränenlosen Jahrhundert“. Statt Essen gibt es nur Brettchen mit Messer und Zwiebeln für die Gäste, die mit den Tränen auch endlich über ihre Schicksale sprechen können.

Erinnerungsarbeit über deutsche Schuld und die literarische Kompensation des Heimatverlustes prägen das gewaltige Werk von Grass, der am Montag im Alter von 87 Jahren gestorben ist. Nicht nur in der vielgerühmten „Danziger Trilogie“, zu der neben der „Blechtrommel“ auch „Katz und Maus“ und „Hundejahre“ gehören, sondern auch in der Novelle „Im Krebsgang“ über das Schicksal der zwölf Millionen Vertriebenen am Beispiel des Untergangs der „Wihelm Gustloff“ 1945 mit Tausenden Flüchtlingen an Bord in der Ostsee, versenkt durch ein russisches U-Boot.

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Bilder aus dem Leben von Günter Grass

Mit der „Blechtrommel“ schrieb Günter Grass Weltliteratur, als gesellschaftspolitischer Moralist erregte er Widerspruch. Jetzt ist der große deutsche Nachkriegsautor und Nobelpreisträger mit 87 Jahren in Lübeck gestorben.
13.04.2015
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Günter Grass (l) und Heinrich Böll (r) auf einem Außerordentlichen Parteitag der SPD in Dortmund am 12.10.1972.© Foto: Hannes Hemann (dpa)
Der schwedische König Carl XVI. Gustaf (r) überreicht am 10.12.1999 bei einer feierlichen Zeremonie im Konzerthaus in Stockholm den Nobelpreis für Literatur an den deutschen Schriftsteller Günter Grass.© Foto: Kay Nietfeld (dpa)
Günter Grass und seine Frau Ute warten am 27.10.2007 auf den Beginn eines Festaktes zu seinem 80. Geburtstag in Lübeck.© Foto: Ulrich Perrey (dpa)
Günter Grass, aufgenommen am 18.10.1997 auf der Frankfurter Buchmesse.© Foto: Katja Lenz (dpa)
Gerhard Schröder (r), und der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, aufgenommen am Bundeskanzleramt am 21.08.2005 in Berlin.© Foto: Stephanie Pilick (dpa)
Heinrich Böll (r) und Günter Grass (l) stehen am 01.02.1973 im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt/Main.© Foto: Manfred Rehm (dpa)
Günter Grass steht am 25.06.1997 in der Tür seines Lübecker Hauses, das Unbekannte in der Nacht mit Hakenkreuzen beschmiert hatten.© Foto: Otto Kasch (dpa)
Günter Grass, kümmert sich am 09.06.1969 in Bonn um die gefüllten Tomaten auf Paprika. Grass kochte für seine Mitarbeiter, Journalisten und Politiker.© Foto: Horst Ossinger (dpa)
Günter Grass, aufgenommen am 11.12.1988 auf dem Kongress des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in Stuttgart.© Foto: Norbert Försterling (dpa)
Günter Grass im September 2010.© Foto: Fabian Bimmer (dpa)
Günter Grass hält eine Zeitung mit seinem umstrittenen Gedicht "Was gesagt werden muss" hoch.© Foto: Marcus Brandt (dpa)
Günter Grass (r) und der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vor Beginn des Literaturforums im April 1995 im jüdischen Gemeindezentrum, wo Grass aus seinem neuen Roman «Ein weites Feld» las.© Foto: Frank Kleefeldt (dpa)
Der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass raucht am 16.03.2007 in einer Bibliothek seines Hauses in Behlendorf eine Pfeife.© Foto: Wolfgang Langenstrassen (dpa)
Günter Grass mit der US-Verlegerin Helen Wolff, die ihm das erste Exemplar einer in den USA erschienenen Sonderausgabe der «Danzig Triologie» am 07.10.1987 in Frankfurt am Main überreichte.© Foto: Heinz Wieseler (dpa)
Der Schriftsteller Günter Grass, aufgenommen am 13.11.1964.© Foto: dpa
Grass hört sich am 06.10.2006 auf der Buchmesse in Frankfurt die Frage einer Journalistin an.© Foto: Boris Roessler (dpa)
Schriftsteller Günter Grass spielt am 27.06.2000 vor seinem Elternhaus in Danzig bei einer Parade auf einer Blechtrommel.© Foto: Stefan Kraszewski
Der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass, aufgenommen am 09.10.2004 in Frankfurt/Main.© Foto: Boris Roessler (dpa)
Der Schriftsteller Günter Grass (l) im Gespräch mit Bundeskanzler Helmut Schmidt (r) und Altkanzler Willy Brandt (M) auf dem Bundesparteitag der SPD in Berlin am 01.12.1979.© Foto: Konrad Giehr (dpa)
Grass ballt am 06.09.2005 in Lübeck zum Auftakt seiner traditionellen Wahlkampfveranstaltungen für die SPD vor einem Partei-Banner die Faust.© Foto: Wolfgang Langenstrassen (dpa)
Grass steht am 27.11.1997 vor neuen von ihm geschaffenen Aquarellen in der Hamburger Freien Akademie der Künste.© Foto: Kay Nietfeld (dpa)
Heinrich Böll (l-r), Günter Grass und der damalige Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) sitzen am 21. November 1970 während des 1. Kongresses des Verbandes Deutscher Schriftsteller in der Stuttgarter Liederhalle, aufgenommen am 21.11.1970.© Foto: dpa
ARCHIV Schriftsteller Günter Grass (l) und SPD-Spitzenkandidat Björn Engholm bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 13.09. 1987.© Foto: dpa
Grass steht am 12.10.1999 in Stockholm nach der Verleihung des Literaturnobelpreises auf der Bühne.© Foto: Jonas Ektstromer
Der Autor spricht am 20.11.2014 in München (Bayern) bei der Eröffnung der Ausstellung «Hundejahre».© Foto: Sven Hoppe (dpa)
Günter Grass präsentiert sein Buch "Beim Häuten der Zwiebel" (2007).© Foto: Barbara Ostrowska

Schwierige Erinnerungsarbeit leistete Nobelpreisträger Grass in eigener Sache spät auch in seinem autobiografischen Meisterwerk „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006). Erstmals berichtete er hier über seine kurze Zeit bei der Waffen SS wenige Monate vor Kriegsende. Die Schilderungen sind ein literarisches Mahnmal über das Grauen des Krieges. Öffentlich diskutiert wurde aber fast nur die späte SS-Beichte, Grass wurde mit Häme überzogen, ihm jede Glaubwürdigkeit abgesprochen.

Schon mit zwölf Jahren wollte Grass Künstler werden, es habe wohl in den Genen gelegen, sagte er einmal. Und so studierte er zunächst in Düsseldorf und Berlin an den Kunsthochschulen und arbeitete zeitlebens auch als Bildhauer, Zeichner und Maler. Seinen frühen Erfolg als Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg empfand der Sohn sogenannter kleiner Leute aus dem Danziger Vorort Langfuhr selber als märchenhaft.

Drei Jahre in Paris

Mit seiner damaligen Frau Anna, einer Schweizer Ballettstudentin, zieht er 1956 nach Paris. In den drei Pariser Jahren entsteht am Stehpult im feuchten Heizungsraum eines Hinterhofanbaus, der Roman „Die Blechtrommel“. Deren kleiner Protagonist Oskar Matzerath begeistert 1958 bereits die legendäre Schriftstellergruppe 47. Grass trägt aus seinem fast fertigen Roman vor, gewinnt den Preis von damals gewaltigen 4500 Mark. Mehr als 40 Jahre später erhält er 1999 ebenfalls für „Die Blechtrommel“, jenen Schelmenroman über die jüngere deutsche Geschichte, den Literaturnobelpreis.

Untrennbar blieb für Grass sein Handeln als Schriftsteller und als Bürger. Seine politische Heimat wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Sozialdemokratie. Reformen in kleinen Schritten, nicht der vermeintlich große Wurf einer Ideologie, lautete Grass' politische Überzeugung. Willy Brandt, den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, unterstützte er seit Anfang der 1960er Jahre.

Aussöhnung mit Polen, Gerechtigkeit im Nord-Süd-Konflikt, das Elend in Kalkutta, eine gerechtere deutsche Wiedervereinigung, bei der die Ostdeutschen nicht über den Tisch gezogen werden, Engagement für verfolgte Autoren weltweit, die Golfkriege, Gefahren der Atomenergie oder der Nahostkonflikt - Grass meldete sich nahezu zu jedem wichtigen Thema zu Wort. Die Weimarer Republik sei wegen zu weniger kämpferischer Demokraten zugrunde gegangen, erklärte er sein Engagement als historische Lehre.

Grass hat insgesamt sechs Kinder

Hinter den oft donnergrollenden Rollen des öffentlichen Polit- und Literaturtheaters ist der Mensch Grass kaum wahrgenommen worden. Er, der von sich selbst sagte, einen Mutterkomplex zu haben. Der es Frauen nicht immer leicht gemacht hat. Von drei Partnerinnen hat Grass insgesamt sechs Kinder. Seine zweite Frau Ute Grunert brachte selber zwei Kinder in die Familie mit, 1979 wurde geheiratet.

Leidenschaftlich gern kochte Grass, seine bevorzugt deftigen Essen waren nicht jedermanns Geschmack, die Liebe zum Rotwein bleibt unvergessen. Grass war ein Familientier, die Enkelschar der Patchworkfamilie wuchs im Laufe der Jahre, in vielen Sommern zu Gast im Ferienhaus mitten im Wald der dänischen Insel Møn.

Die Jahre mit Ute hatten feste Zyklen: Im Winter lebte er im Ferienhaus in Portugal, im Sommer auf Møn mit Badefreuden in der Ostsee. Stammsitz wurde ein altes Haus mit Arbeitsatelier in Behlendorf bei Lübeck, gelegen an einem Kanal. Dort schrieb Grass per Hand und tippte dann seine Manuskripte auf einer alten Olivetti Schreibmaschine. Oft kam Grass auch nach Berlin, wo er früher gelebt hatte, oder nach Hamburg. Das Flüchtlingskind, wie sich Grass immer empfand, fand keine richtige neue Heimat.

Israel-kritisches Gedicht

Wenige haben so polarisiert und provoziert wie Grass, selbst noch im hohen Alter „mit letzter Tinte“ in seinem Israel-kritischen Gedicht „Was gesagt werden muss“ (2012). Aber wenige haben auch soviel einstecken müssen wie Grass, dem „Zunge zeigen“ - so einer seiner Buchtitel - Markenzeichen war.

Grass' letzter großer Auftritt war bei der Blechtrommel-Uraufführung am 28. März im Hamburger Thalia Theater, als er in der ersten Reihe mit seiner Frau bei der Aufführung zuschaute und sich danach mit dem Ensemble den Schlussapplaus abholte. Und beim 10. Lübecker Autorentreffen Anfang März hatte Grass unvermittelt in einer Runde der versammelten Autoren zu dem Autor Tilman Spengler gesagt: „Wenn ich einmal nicht mehr bin, Tilman, übernimmst Du bitte diese Runde.“