Gruß aus Bochum: Das älteste "Dichterviertel"

Folge 180

Bei der Anlage von neuen Wohnvierteln war es schon im 19. Jahrhundert beliebt, ihnen thematisch zusammenhängende Namen zu geben. Dies konnten neutrale Bezeichnungen nach Pflanzen oder Tieren sein oder auch nach bekannten verstorbenen Künstlern. So finden sich in Bochum Quartiere, deren Straßen nach Malern, Komponisten und Schriftstellern benannt sind.

BOCHUM

von Frank Dengler

, 24.05.2016, 13:46 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das älteste unter den „Dichtervierteln“ entwickelte sich seit den 1890er Jahren westlich des Stadtparks, zwischen der Bergstraße und der Schmechtingwiese. Anfangs wurden dort Bezeichnungen wie Garten- oder Feldstraße gewählt, die auf ein noch wenig bebautes Gebiet schließen ließen. 1897 bekam dann die Goethestraße ihren Namen, etwa zeitgleich zum Bau der Oberrealschule (später Goetheschule, siehe Folge 22 unserer Serie im Internet), der Doppelvilla Marckhoff-Rosenstein (Folge 65) und der Villa Nora (Folge 98). Sie bildete den Ausgangspunkt für die systematische Benennung eines Großteils der benachbarten Straßen.

Bis 1905 folgten die Körner-, Lessing- und Freiligrathstraße; die Feldstraße wurde in Uhlandstraße umbenannt. In allen Fällen handelte es sich bei den Namensgebern um bedeutende und damals gerade im Bürgertum verehrte deutsche Dichter des 18. und 19. Jahrhunderts. Sicherlich konnten sich die in der Regel gut gebildeten Bewohner des Stadtparkviertels leicht mit diesen Vorbildern identifizieren.

„Dichterviertel"

Die beiden Ansichtskarten zeigen die älteste der „Dichterstraßen“ aus entgegen gesetzten Perspektiven. Auf der Karte der Goethestraße von 1907 ist im Vordergrund links die Turnhalle der Oberrealschule, rechts ein Teil der Villa Marckhoff-Rosenstein zu sehen. Dahinter folgten weitere großzügige Wohnhäuser, bis die Straße in die Gartenstraße mündete. Diese war auch der Standort des Fotografen der Karte von 1910 (vorne) mit Blick in Richtung Innenstadt. Im Hintergrund ragt der Turm der Propsteikirche über den Horizont.

Das Prinzip der Straßenbenennung wurde auch beibehalten, als das Viertel bereits erschlossen und weitgehend bebaut war. So wechselte die Gartenstraße 1929 ihren Namen zu Schillerstraße, und im gleichen Jahr kam auch die Wielandstraße hinzu (zuvor teilweise Thomastraße). Als letztes wurde die noch an die Hohenzollern-Monarchie erinnernde Auguste-Viktoria-Allee 1947 in Herderallee umbenannt. Somit tragen insgesamt acht Straßen im Stadtparkviertel die Namen bedeutender Schriftsteller. Aus heutiger Sicht fällt dabei auf, dass sich keine einzige weibliche Vertreterin unter den Geehrten befand. Im „Dichterviertel“ gibt es auch noch einzelne Straßen anderer Herkunft (Graf-Engelbert-Straße, Am Bergbaumuseum, bis 1979 Vödestraße).

Der Vergleich der Karte von 1907 mit der aktuellen Ansicht zeigt auf den ersten Blick viele Parallelen, insbesondere die beiden Gebäude im Vordergrund. Auch die Villa links hinter der Turnhalle (Goethestr. 5) ist erhalten. Sie wurde laut Bauinschrift 1899 errichtet und steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Auf der rechten Straßenseite sind jedoch alle Altbauten verschwunden. Teilweise handelt es sich um Kriegsverluste, obwohl die Zerstörungen im Stadtparkviertel geringer waren als in der Innenstadt oder in Vierteln, die sich in unmittelbarer Nähe von Industrieanlagen oder Bahnhöfen befanden. Dafür wurde hier, wo seit jeher das finanzstarke Bürgertum lebte, bis in die 1970er Jahre viel Gründerzeit-Architektur abgerissen, weil sie als nicht mehr zeitgemäß galt, und durch modernere Neubauten ersetzt.

Weitere „Dichterviertel“: In Grumme wurden westlich der I. Parallelstraße 1921-25 und in den 1950er Jahren acht Straßen nach Dichtern des 19. Jahrhunderts benannt. 1965 erhielt die Neubausiedlung Rosenberg in Harpen sieben Dichternamen, darunter Wolfgang Borchert (1921-47) als einziger zeitgenössischer Vertreter. In Wattenscheid-Westenfeld finden sich neun Namen aus drei Bennenungsphasen (1926, 1967, 1979) - mit der (Annette von) Droste-Hülshoff-Straße wurde dort 1926 wohl erstmals eine Frau bedacht.