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Gruß aus Bochum: Die Villa Nora

Teil 98

Auf eine bewegte Vergangenheit kann die bald 115 Jahre alte Villa Nora zurückblicken. Im Laufe ihrer Geschichte war sie Unternehmervilla, Kunstgalerie, Schul- und Verwaltungsgebäude. Außerdem ist sie mit dem tragischen Schicksal ihrer Namensgeberin verbunden.

BOCHUM

von Von Frank Dengler

, 13.02.2013

Bauherr war der Industrielle Heinrich Köhler (1836-1907), Generaldirektor der von ihm 1890 gegründeten „Westfälischen Stahlwerke“ in Weitmar. Die Errichtung fand wohl 1898/99 zeitgleich mit anderen Gebäuden am Kaiser-Wilhelm-Platz statt, der Goetheschule (siehe Folge 22 unserer Serie im Internet) und der Doppelvilla Marckhoff-Rosenstein (Folge 65). Wie die historischen Karten zeigen, hatte Köhlers Villa, die über 40 Räume und ein separates Dienstboten-Treppenhaus verfügte, ein äußerst herrschaftliches Erscheinungsbild. Neogotische Ornamente finden sich dort neben romanischen und barocken Anleihen – ein gutes Beispiel für den reichen Stilmix des späten Historismus.

Der Ingenieur Köhler war in den 1860er Jahren beim Bochumer Verein (BV) Leiter des Bessemerwerks gewesen. 1868 ging er fort, um sich an dem Unternehmen „Neues Stahlwerk Daelen, Schreiber & Co“ (die zukünftige „Stahlindustrie“ des BV) zu beteiligen, wo er mit Unterbrechungen bis 1887 tätig war. Diese Firma stellte wie später die „Westfälischen Stahlwerke“ Eisenbahnmaterial (Radsätze, Federn, Weichen) her. Somit war Köhler direkter Konkurrent des BV, und er wurde von dessen Direktor Louis Baare als „abtrünniger und illoyaler“ ehemaliger Mitarbeiter sogar öffentlich angegriffen.Da der BV in vielfältiger Weise im Bochumer Gesellschaftsleben vertreten war, scheint diese Abneigung gegen Köhler auch die Integration seiner Familie in die „besseren Kreise“ der Stadt behindert zu haben. Ein anderer Grund soll der schwierige Charakter von Köhlers Gattin Amélie (1843-1914) gewesen sein. Sie galt als exaltiert und herrschsüchtig und soll sich in einer Weise in die Führung von Köhlers Betrieben eingeschaltet haben, dass sie verdiente Mitarbeiter vergraulte. Amélie Köhler identifizierte sich darüber hinaus extrem mit Henrik Ibsens literarischer Figur Nora. Diese Obsession führte so weit, das sie sich bald selbst „Nora“ nannte und die Namensgebung der Villa auf ihre Initiative geschah. Heinrich Köhler zog sich 1904 aus dem Berufsleben zurück und verstarb 1907. Seine Witwe erbte ein stattliches Vermögen und die Villa, verlor jedoch alles innerhalb weniger Jahre bei Börsenspekulationen.

Berichte, wonach sie anschließend bettelnd durch Bochum gezogen sei und mehrfach von der Polizei aufgegriffen wurde, entsprechen nicht den Tatsachen, wie Eberhard Brand von der Kortumgesellschaft, der die Geschichte der Villa Nora erforscht hat, herausfand. Allerdings konnte Amélie / Nora Köhler den Verlust ihres Vermögens nicht verkraften. Wohl an Alkoholismus und psychischen Problemen erkrankt, fiel sie unter das Armenrecht und starb 1914 in einer Psychiatrischen Anstalt. Die Villa ging in den Besitz eines Bankhauses über, das sie weiter vermietete. So wurde sie für zwölf Jahre zur „Villa Balcke“, als die gleichnamige Unternehmerfamilie dort wohnte. Ab 1926 nutzte die Stadt Bochum das Gebäude als Gemäldegalerie, bis es 1944 zu Kriegsschäden kam.

Nach dem Krieg übernahm die Stadt das Haus und seine Instandsetzung, und es folgten Jahrzehnte unterschiedlicher Nutzung. An der Kortumstraße 156, so die heutige Adresse, residierten nacheinander die Verwaltung der Stadtwerke, Goetheschüler und die Verwaltung der Fachhochschule. Am Ende einer über 20-jährigen erneuten Nutzung durch die Goetheschule (ab 1981) war das Haus stark renovierungsbedürftig. 2006 kaufte die Sparkassenstiftung die seit 2003 leer stehende Villa und übernahm die aufwendige denkmalgerechte Sanierung. Im Jahr 2009 konnte die Verwaltung des Kunstmuseums als Mieterin in die Villa Nora einziehen. Das übrige Gebäude wird heute von der Sparkasse für interne, aber auch öffentliche Veranstaltungen wie Konzerte genutzt.  

Der zweite Unternehmer, der die Villa Nora bewohnte, war Hans-Joachim Balcke (1862-1933). Er hatte 1894 in Bochum das Ingenieurbüro Balcke & Co gegründet. Die Firma entwickelte Kühlwassersysteme für die Industrie. Wegweisend war Balckes Erfindung des „Kaminkühlers“, eines besonderen Kühlturms, der über Jahrzehnte weiterentwickelt wurde. Die Firma war so erfolgreich, dass Balcke bereits Generaldirektor einer Aktiengesellschaft war, als er die Villa Nora bezog. 1972 fand die Fusion mit dem Kesselbauer Dürr statt, heute Balcke-Dürr GmbH in Ratingen. Im Bochumer Westpark finden sich noch zwei Ventilator-Kühltürme von Balcke aus den 1950er Jahren.