Haftbefehl gegen Terrorverdächtigen Amri erlassen

Terror

Nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt haben Ermittler Fingerabdrücke des Terrorverdächtigen Anis Amri im Fahrerhaus des LKW gefunden. Die Bundesanwaltschaft erwirkte einen Haftbefehl gegen den weiterhin flüchtigen Amri. Am Breitscheidplatz in Berlin öffnete der Weihnachtsmarkt wieder.

Berlin

22.12.2016, 06:55 Uhr / Lesedauer: 11 min

Die wichtigsten Entwicklungen in Kürze:

  • Die Fahndung nach dem abgelehnten Asylbewerber Anis Amri läuft weiter
  • 100 Polizisten haben heute Morgen eine Flüchtlingsunterkunft in Emmerich durchsucht
  • Er soll sich über Sprengsätze informiert haben und direkten Kontakt zum IS gehabt haben
  • Amri wurde von den Behörden bis September überwacht und sollte abgeschoben werden
  • Unter den Todesopfern in Berlin befand sich auch eine Israelin. Am Dienstag konnten erst sechs weitere Tote identifiziert werden, es sind deutsche Staatsbürger. 12 Menschen schweben immer noch in Lebensgefahr.
  • Anis Amri hatte enge Verbindungen nach NRW. Der terrorverdächtige Tunesier lebte zumindest phasenweise in einer Wohnung in Dortmund.
  • Bei Durchsuchungen von Unterkünften und Wohnungen in NRW gab es keine Festnahmen
  • Anis Amri soll sich laut Medienbericht als Selbstmordattentäter angeboten haben
  • Fingerabdrücke auf und im LKW sollen vom tatverdächtigen Tunesier stammen
  • Der zuerst festgenommene Pakistaner ist für seine Familie nicht erreichbar
  • Zwölf Schwerstverletzte weiter in Kliniken behandelt - einige in kritischer Verfassung
  • Die Bundesanwaltschaft hat Haftbefehl gegen Amri erwirkt

 

22.09 Uhr: Video zeigt Moment des Terroranschlags von Berlin

Der Moment des Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt ist auf dem Video einer Autokamera festgehalten. Das von der „Bild“ am Donnerstagabend veröffentlichte Video zeigt aus der Perspektive eines Autofahrers, wie der Lastwagen mit hohem Tempo ungebremst in den Weihnachtsmarkt fuhr.

Kurze Zeit später ist zu sehen, wie Menschen vom Tatort weglaufen. Entgegen anderslautenden Aussagen scheinen die Scheinwerfer des Lasters zur Tatzeit eingeschaltet gewesen zu sein. Einblicke in den Weihnachtsmarkt selbst gewährt das Video nicht.

 

21.44 Uhr: rbb: Observationsbilder zeigen Amri kurz nach Anschlag in Berlin 

Der Terrorverdächtige Anis Amri ist nach einem Bericht des rbb wenige Stunden nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an einem Salafistentreffpunkt in Berlin gefilmt worden. Der Sender veröffentlichte am Donnerstagabend Observationsbilder, die den 24 Jahre alten Tunesier vor einem Moschee-Verein zeigen sollen.

Demnach wurde Amri am frühen Dienstagmorgen gefilmt, also knapp acht Stunden nach dem Anschlag. Weitere Observationsbilder sollen den Tunesier an derselben Stelle am 14. und 15. Dezember zeigen. Die Berliner Polizei wollte den Bericht nicht kommentieren und verwies auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Ort der Observation war die Vorderseite des Gebäudes des Moschee-Vereins. Dieser war am Donnerstag nach dpa-Informationen von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei gestürmt worden. Der Moschee-Verein „Fussilet 33“ wird im jüngsten Bericht des Berliner Verfassungsschutzes als Treffpunkt von Islamisten geführt. Beim Islamunterricht sollen dort Muslime - meist Türken und Kaukasier - für den bewaffneten Kampf der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Syrien radikalisiert worden sein. 

 

18:05 Uhr: Haftbefehl gegen Amri erwirkt

Die Bundesanwaltschaft hat am Donnerstag Haftbefehl gegen den flüchtigen 24-jährigen Tunesier Anis Amri wegen des Lastwagen-Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt erwirkt. Das teilte eine Sprecherin der Behörde am Abend in Karlsruhe mit. Sie wollte auf weitere Fragen und Spekulationen nicht eingehen. Sie wies darauf hin, dass verschiedene Orte in Nordrhein-Westfalen und Berlin, an denen sich Amri aufgehalten haben solle, durchsucht worden seien. Auch ein Reisebus in Heilbronn sei durchsucht worden. Festnahmen habe es keine gegeben. 

17:45 Uhr: Einsätze in der Hauptstadt auf der Suche nach Amri

Berliner Sicherheitskräfte haben bei einer Reihe von Einsätzen in der Hauptstadt nach dem terrorverdächtigen Tunesier Anis Amri gesucht. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei stürmte am Donnerstag nach dpa-Informationen auch einen Salafistentreffpunkt im Stadtteil Moabit. Dort soll auch Amri verkehrt haben. Die „Berliner Zeitung“ berichtete, bei dem Einsatz gegen den Moschee-Verein „Fussilet 33“ seien Blendgranaten benutzt und eine Tür aufgesprengt worden. Der Moschee-Verein „Fussilet 33“ wird im jüngsten Bericht des Berliner Verfassungsschutzes als Treffpunkt von Islamisten geführt. Nach dpa-Information gab es noch weitere Einsätze gegen mögliche Kontaktpersonen Amris in der Hauptstadt. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung stoppte die Polizei auch U-Bahnen auf der Suche nach dem Verdächtigen. Nach Angaben eines dpa-Reporters durchsuchten Spezialkräfte mit Maschinenpistolen auch eine Bahn am U-Bahnhof Mehringdamm. Die Suche blieb ergebnislos. 

17:15 Uhr: Zustand einiger Verletzter kritisch 

Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Montagabend werden zwölf Schwerstverletzte weiter in Berliner Kliniken behandelt. Einige von ihnen seien in kritischer Verfassung, teilte die Senatsverwaltung für Gesundheit am Donnerstag mit. Die Zahl der Todesopfer sei bisher nicht weiter gestiegen; sie liegt bei 12. Insgesamt 14 mittel- bis leichtverletzte Opfer des Attentats werden zur Zeit noch in Kliniken behandelt, 30 wurden inzwischen entlassen. Bei einer erneuten Abfrage aller Berliner Krankenhäuser mit Notaufnahmen haben sich nach der Todesfahrt mehr Leichtverletzte als bisher erfasst in Kliniken behandeln lassen. Insgesamt gab es nach der aktuellen Zählung 56 Verletzte am Breitscheidplatz, die medizinische Hilfe im Krankenhaus brauchten. 

16:20 Uhr: Fingerabdrücke sichergestellt

Die Fingerabdrücke des Terrorverdächtigen Anis Amri sind an dem Fahrerhaus des LKW sichergestellt worden, der am Montagabend in einen Berliner Weihnachtsmarkt gerast ist. Das sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Donnerstag nach einem Besuch des Bundeskriminalamtes (BKA) in Berlin. Auch weitere Hinweise seien gefunden worden, sagte de Maizière. „Wir können Ihnen heute mitteilen, dass es zusätzliche Hinweise gibt, dass dieser Tatverdächtige mit hoher Wahrscheinlichkeit wirklich der Täter ist“, sagte de Maizière. Der Innenminister, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Justizminister Heiko Maas (SPD) wollten sich über den Ermittlungsstand zum Anschlag vom Montagabend informieren. Merkel sagte, man habe in Deutschland in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um dem Terrorismus Herr zu werden. Heute befinde man sich in einer Bewährungsprobe. Dabei habe man die „Werte von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf unsere Seite“. Sie sei stolz, wie die Menschen auf den Anschlag reagiert habe.

15:51 Uhr: Bundesanwaltschaft informiert über Ermittlungen zu Berliner Anschlag

Die Bundesanwaltschaft will am Donnerstagabend (18.00 Uhr) über den aktuellen Stand der Ermittlungen informieren. Dazu wird die Pressesprecherin eine Erklärung vor Journalisten abgegeben, teilte die Karlsruher Behörde mit. Medienberichte über einzelne Ermittlungsergebnisse wie den Fund von Fingerabdrücken des Verdächtigen Anis Amri in dem Lastwagen hatte der Generalbundesanwalt bisher nicht kommentiert. 

12:56 Uhr: Keine Hinweise auf Verbindungen zu Salafisten-Prediger

Die Ermittler haben bislang keine Hinweise auf enge Kontakte des Terrorverdächtigen Anis Amri zum kürzlich verhafteten Salafisten-Prediger Abu Walaa. Der 24 Jahre alte Amri habe zwar in Salafistenkreisen verkehrt und sei auch in entsprechenden Wohnungen gewesen, hieß es am Donnerstag aus Sicherheitskreisen. Es gebe aber bislang keine Informationen darüber, dass der Tunesier ein wichtiger Teil eines salafistischen Netzwerkes sei. 

12:28 Uhr: Fingerabdrücke Amris am LKW gefunden

Die Fingerabdrücke des gesuchten Tunesiers Anis Amri sind Medienberichten zufolge an der Tür des bei dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt eingesetzten LKW gefunden worden. Das berichteten "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR am Donnerstag unter Berufung auf eigene Informationen. Wie die „Berliner Zeitung“ erfuhr, sollen entsprechende Spuren auch am Lenkrad des Sattelschleppers entdeckt worden sein.  

12:10 Uhr: „Spiegel“: Amri soll sich als Selbstmordattentäter angeboten haben

Die Sicherheitsbehörden sollen nach Informationen des „Spiegel“ vor Monaten vage Hinweise darauf gehabt haben, dass der Terrorverdächtige Anis Amri sich in der Islamistenszene als möglicher Selbstmordattentäter anbot. Wie das Hamburger Magazin am Donnerstag vorab berichtete, legen dies frühere Ermittlungen gegen mehrere Hassprediger nahe. Entsprechende Äußerungen von Amri aus der Telekommunikationsüberwachung (Internet) seien aber so verklausuliert gewesen, dass sie nicht für eine Festnahme gereicht hätten, schreibt der „Spiegel“.

11:59 Uhr: Berliner Polizei: Geldbörse von Amri erst am Dienstag gefunden

Die Geldbörse, die auf die Spur des tunesischen Terrorverdächtigen Anis Amri geführt hat, ist laut Berliner Polizei erst am Tag nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche entdeckt worden. Die Fahrerkabine des Lastwagens, wo Ermittler die Hinweise auf Amri entdeckt hatten, sei erst nach der Bergung am Dienstag untersucht worden, sagte Polizeisprecher Winfrid Wenzel am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. „Wir können mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass es am Montag keinen Anhaltspunkt für den tunesischen Verdächtigen gab“, sagte Wenzel. Laut "Spiegel" mussten Kriminaltechniker, die unter anderem DNA-Spuren in der Fahrerkabine sichern sollten, abwarten, bis Suchhunde, sogenannte Mantrailer, an die Zugmaschine geführt worden waren. Die Hunde sollten den Geruch des Verdächtigen aufnehmen. Um sie nicht durch andere Gerüche, etwa der Ermittler, abzulenken, wurde bis dahin wohl von der Durchsuchung abgesehen.

11:15 Uhr Bundesanwaltschaft: Keine Festnahmen nach Berliner Anschlag

Die Bundesanwaltschaft hat Berichte dementiert, dass es im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Lastwagen-Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt Festnahmen gegeben haben soll. Es fänden derzeit verschiedene Maßnahmen im Bundesgebiet statt, sagte ein Sprecher der Karlsruher Behörde am Donnerstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Möglich sei lediglich, dass Personen kontrolliert und zu weiteren Überprüfungen mit zur Polizei genommen worden seien, so ein Sprecher der Bundesanwaltschaft gegenüber unserer Redaktion. Konkreter äußerte er sich nicht. 

9:08 Uhr:  Wohnungen in Dortmund durchsucht

An der Mallinckrodtstraße in Dortmund hat es einen Antiterroreinsatz in einem Mehrfamilienhaus gegeben. Die Polizei durchsuchte mehrere Wohnungen. Wen die Beamten suchten und ob es Festnahmen gab, ist zurzeit nicht bekannt. Wir berichten hier aktuell weiter:

8:10 Uhr: Flüchtlingsunterkunft in Emmerich durchsucht

100 Polizisten haben am Morgen eine Flüchtlingsunterkunft in Emmerich durchsucht. Die Aktion am Donnerstagmorgen, an der Spezialeinsatzkräfte beteiligt waren, war nach etwa einer Stunde beendet. Über das Ergebnis war zunächst nichts bekannt. Bereits am Mittwoch hatten in der Nähe des Heimes Polizisten Position bezogen. Ein Sprecher der Polizei wollte sich zu der Durchsuchungsaktion nicht näher äußern und verwies auf den Generalbundesanwalt. Aus Karlsruhe war zunächst keine Stellungnahme zu bekommen.

7:28 Uhr: Times berichtet von direktem Kontakt zum IS

Die Polizei fahndet nach dem Anschlag in Berlin weiter europaweit nach einem abgelehnten Asylbewerber aus Tunesien, der schon einmal im Visier der Ermittler war und abgeschoben werden sollte. Gegen den 24-jährigen Anis Amri wurde bereits früher in Berlin wegen Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat ermittelt. Laut Berliner Generalstaatsanwaltschaft hatte sich dieser Verdacht trotz monatelanger Observation jedoch nicht bestätigt.

Amri soll sich im Internet über den Bau von Sprengsätzen informiert und direkten Kontakt zum IS gehabt haben. Das berichtet die "New York Times" unter Berufung auf Aussagen nicht näher genannter amerikanischer Offizieller. Unklar blieb zunächst, auf welchen Zeitraum sich diese Angaben beziehen. Dem Bericht zufolge stand Amri mindestens einmal über den Messengerdienst Telegram in Kontakt zum IS. Sein Name habe zudem auf der Flugverbots-Liste der USA gestanden.

Anis Amri hatte engen Kontakt nach NRW, er lebte zumindest zeitweise auch in Dortmund. Laut Zeugen hatte er phasenweise bei dem Deutsch-Serben Boban S. und dessen Lebensgefährtin Unterschlupf gefunden. Zuletzt wurde er in Dortmund vor rund zehn Monaten gesehen. Boban S. seinerseits sitzt seit dem 8. November in Haft, laut der Generalbundesanwaltschaft steht S. gemeinsam mit vier weiteren Männern in dringendem Tatverdacht, die terroristische Vereinigung Islamischer Staat (IS) unterstützt zu haben.

Jetzt lesen

7:10 Uhr Erster Verdächtiger nicht mehr erreichbar

Der nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt zunächst festgenommene und später wieder freigelassene Pakistaner ist für seine Familie anscheinend nicht mehr erreichbar. Der Vater des 23-jährigen Flüchtlings sagte der pakistanischen Zeitung „Dawn“, sein Sohn habe ihn nach der Freilassung am Dienstag nicht kontaktiert. Ein in Berlin lebender pakistanischer Aktivist namens Wajid Baloch aus Baluchistan, der Heimat des jungen Mannes, sagte der Zeitung, der junge Mann sei auch nicht in seine Flüchtlingsunterkunft zurückgelehrt. Er selbst stehe mit dem Leiter der Unterkunft in Kontakt, das Telefon des 23-Jährigen sei aber ausgestellt.

Auch das britische Boulevardblatt „Daily Mail“ berichtete, der Mann sei für sein Umfeld nicht erreichbar und habe sein Telefon offenbar ausgeschaltet. Die Berliner Polizei verwies auf Anfrage auf die Bundesanwaltschaft, die für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar war.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Anschlag mit LKW auf Berliner Weihnachtsmarkt

Bei einem Anschlag mit einem LKW auf einen Berliner Weihnachtsmarkt sind mindestens neun Menschen getötet worden. Dutzende sind außerdem verletzt worden.
19.12.2016
/

Israelin unter den Todesopfern

Inzwischen wurde auch bekannt, dass sich unter den Todesopfern des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt auch eine israelische Frau befindet. Dies bestätigte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums. Die israelische Botschaft kümmere sich um die Überführung der Leiche in die Heimat. Die Frau war mit ihrem Mann auf dem Weihnachtsmarkt gewesen und nach dem Anschlag als vermisst gemeldet worden. Ihr Mann, ebenfalls israelischer Staatsbürger, wurde bei der Attacke schwer verletzt. Er sei mehrmals operiert worden, schwebe aber nicht mehr in Lebensgefahr, berichtete die Nachrichtenseite "ynet".

Europaweite Fahndung

Bei der Fahndung nach Anis Amri hat die Bundesanwaltschaft die Bevölkerung zur Mithilfe aufgerufen und 100.000 Euro Belohnung ausgesetzt. Zugleich mahnte sie zur Vorsicht: „Bringen Sie sich selbst nicht in Gefahr, denn die Person könnte gewalttätig und bewaffnet sein!“ Auch europaweit wird nach Amri gefahndet.

Nach Medienberichten waren Duldungspapiere des Verdächtigten in dem Laster gefunden worden, der am Montagabend auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gefahren war. Bei der Tat kamen zwölf Menschen ums Leben, rund 50 wurden teils lebensbedrohlich verletzt.

Mehrere Identitäten

Gemeldet war der Gesuchte Anis Amri in einer Asylbewerberunterkunft in Nordrhein-Westfalen, laut „Spiegel Online“ in Emmerich bei Kleve. Wie Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Mittwoch in Düsseldorf mitteilte, war er 2015 über Freiburg nach Deutschland eingereist und verwendete mehrere Identitäten. Seit Februar hielt er sich demnach aber vor allem in Berlin auf.

Dort wurde Amri nach Hinweisen von Bundesbehörden überwacht, und zwar von März bis September dieses Jahres, wie die Generalstaatsanwaltschaft mitteilte. Es habe Informationen gegeben, wonach der in Nordrhein-Westfalen als islamistischer Gefährder geführte Verdächtige einen Einbruch plane, um Geld für den Kauf automatischer Waffen zu beschaffen - „möglicherweise, um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen“, hieß es.

Überwachung im September beendet

Die Observierung und Überwachung der Kommunikation sei sogar verlängert worden, habe aber keine Hinweise auf ein staatsschutzrelevantes Delikt erbracht, erklärte die oberste Berliner Ermittlungsbehörde. Hinweise habe es lediglich gegeben, dass Amri als Drogendealer tätig und an einer körperlichen Auseinandersetzung, vermutlich in der Dealerszene, beteiligt gewesen sein könnte. Deshalb habe die Überwachung im September beendet werden müssen. Die Sicherheitsbehörden tauschten Jäger zufolge ihre Erkenntnisse über Amri im gemeinsamen Terrorabwehrzentrum aus, zuletzt im November 2016.

Laut „Süddeutscher Zeitung“ („SZ“), NDR und WDR tauchte er im Dezember unter. Nach Informationen dieser Medien hatte er Kontakte zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Hildesheimer Predigers Abu Walaa, den Jäger früher einmal als „Chefideologen“ der Salafisten in Deutschland eingestuft hatte.

Ersatzpapiere am Mittwoch eingetroffen

Amri wurde bereits im Juni als Asylbewerber abgelehnt, wie NRW-Innenminister Jäger berichtete. „Der Mann konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte.“ Tunesien habe lange Zeit bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handele. Die für die Abschiebung wichtigen tunesischen Ersatzpapiere seien erst an diesem Mittwoch bei den deutschen Behörden eingetroffen, betonte der Minister.

In Tunesien verhörten Ermittler nach einem Bericht der Zeitung Al-Chourouk die Familie des mutmaßlichen Attentäters. Sie lebt demnach in der nordöstlichen Provinz Kairouan, einer Salafisten-Hochburg. Die Familie habe ausgesagt, dass sie keinen steten Kontakt mit Amri gehabt habe, seitdem er das Haus während der arabischen Aufstände Ende 2010 verlassen habe.

Haft in Italien

Medienberichten zufolge soll Amri 2011 als Flüchtling nach Italien gekommen sein und dort in einem Auffanglager für Minderjährige auf Sizilien untergebracht worden sein. Das berichtete die Nachrichtenagentur Ansa am Mittwochabend unter Berufung auf Ermittlerkreise. In dem Lager habe er Sachbeschädigungen und „diverse Straftaten“ begangen.  

Nach Berichten der Zeitung „La Stampa“ soll er das Auffanglager angezündet haben. Als Volljähriger wurde Amri den Informationen zufolge festgenommen, kam vor Gericht und wurde zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Amri sei auch im Gefängnis gewalttätig gewesen, berichtete Ansa. Er habe aber zu keinem Zeitpunkt eine Radikalisierung gezeigt. Seine Haftstrafe habe er im zentralen Gefängnis Ucciardone in der sizilianischen Hauptstadt Palermo verbüßt.

Amri war "hochmobil"

Im Frühjahr 2015 sei er aus dem Gefängnis entlassen worden und sollte des Landes verwiesen werden. Bei der geplanten Ausweisung habe es jedoch Probleme mit den tunesischen Behörden gegeben, berichtete Ansa. Amri habe Italien schließlich verlassen und sei im Juli 2015 nach Deutschland weitergereist. 

Er sei „hochmobil“ gewesen, berichtet Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD). Amri tauchte zunächst in Freiburg in Baden-Württemberg auf, dann in Nordrhein-Westfalen und Berlin - dort habe er seit Februar 2016 überwiegend gelebt. 

Noch viele offene Fragen

Zum Tathergang gibt es nach wie vor viele offene Fragen. Der polnische Lkw-Fahrer, der auf dem Beifahrersitz saß, hat laut „Bild“-Zeitung bis zum Attentat noch gelebt. Das habe die Obduktion ergeben, berichtete die Zeitung. Ein Ermittler habe von einem Kampf gesprochen. Nach dem Anschlag wurde der Pole tot im Lkw gefunden. Nach dpa-Informationen wurde er mit einer kleinkalibrigen Waffe erschossen, von der bislang jede Spur fehlt.

Unklar war zudem, ob die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hinter dem Anschlag steht. Sie hatte den Angriff für sich reklamiert. Der IS hatte sich in der Vergangenheit immer wieder über sein Sprachrohr Amak zu Anschlägen in unterschiedlichen Ländern bekannt. Täterwissen gab der IS - wie schon in früheren Fällen - nicht bekannt.

Politische Debatte über Konsequenzen

Die politische Debatte über Konsequenzen lief derweil auf Hochtouren. CSU-Chef Horst Seehofer, der eine Neujustierung der Sicherheits- und Zuwanderungspolitik gefordert hatte, stand stark in der Kritik, auch aus der Schwesterpartei CDU. Die CDU-Vizevorsitzende Julia Klöckner argumentierte, dass auch die von Seehofer bislang geforderte Obergrenze von 200.000 Flüchtlingen pro Jahr die Sicherheitslage nicht grundlegend verbessern würde.

Ein weiterer CDU-Vize, Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl, kritisierte im SWR mit Blick auf den später freigelassenen ersten Verdächtigen: „Das war gestern nicht sehr klug, über eine Person zu spekulieren, von der sich dann herausstellt, dass sie mit der Tat gar nichts zu tun hat.“

Seehofer widersprach am Mittwoch aber dem Eindruck, er habe mit seiner Äußerung Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert. Dennoch ist es ein offenes Geheimnis, dass viele CDU-Politiker seine Meinung teilen und sich eine härtere Gangart von Merkel wünschen - allerdings meldete sich am Mittwoch zunächst kein Unterstützer der CSU-Linie zu Wort. Pflichtgemäß verteidigte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer im „Morgenmagazin“ von ARD und ZDF seinen Parteichef: „Wir brauchen jetzt, und das erwartet das Staatsvolk, eine starke Staatsgewalt.“

Hackerangriff

Justizminister Heiko Maas (SPD) mahnte ohne Nennung eines speziellen Adressaten: „Niemand sollte versuchen, dieses abscheuliche Verbrechen für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Wer es dennoch tut, entlarvt sich selbst als verantwortungslos.“

Auf das Hinweisportal des Bundeskriminalamts zum Anschlag (www.bka-hinweisportal.de) gab es einen Hackerangriff. Am Dienstagabend sei die Seite daher zweieinhalb Stunden nicht erreichbar gewesen, teilte das BKA mit, nachdem zuerst die Funke-Zeitungen berichtet hatten.

Die am Tag nach dem Anschlag geschlossenen Weihnachtsmärkte in Berlin öffneten wieder ihre Tore. Auch der angegriffene Markt am Breitscheidplatz zu Füßen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche soll am Donnerstag wieder in Betrieb genommen werden. Die Polizeipräsenz sei an „entsprechenden Punkten“ deutlich erhöht worden, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD).

Bericht: Polnischer LKW-Fahrer lebte beim Anschlag noch

Sollte sich bestätigen, dass der IS hinter der Tat steht, wäre es der erste islamistische Anschlag mit einer Vielzahl von Todesopfern in Deutschland. Dabei verhinderte der polnische LKW-Fahrer, der beim Attentat auf dem Beifahrersitz saß, möglicherweise sogar noch Schlimmeres. Die Obduktion habe ergeben, dass er zum Zeitpunkt des Anschlags noch lebte, berichtete Bild.de. Ein Ermittler habe von einem Kampf gesprochen. Auch von Messerstichen ist die Rede. Erschossen worden sei der Mann erst, als der LKW zum Stehen kam.

Nach dem Attentat fand man den Polen tot im Führerhaus. Nach dpa-Informationen wurde er mit einer kleinkalibrigen Waffe erschossen. Von ihr fehlt bislang jede Spur. Der Mann arbeitete für die Speditionsfirma, der der Sattelschlepper gehört.

Ein zunächst festgenommener Verdächtige wurde wieder freigelassen, nachdem sich gegen ihn kein dringender Tatverdacht ergeben hatte. Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt sagte am Dienstag, es sei möglich, dass der gefährliche Täter noch im Raum Berlin unterwegs sei. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) versicherte im ZDF, die Ermittler tappten nicht im Dunklen. Es gebe Ermittlungsansätze, die würden verfolgt. "Und niemand wird ruhen, bis nicht der Täter oder die Täter gefasst sind", sagte er in der ARD.

Polizei sucht mit GPS-Daten nach Handy

Die Berliner Polizei hat nach eigenen Angaben mehr als 500 Hinweise zu dem Anschlag erhalten. Neben Zeugenaussagen werten die Ermittler Schulz zufolge DNA-Spuren und Fingerabdrücke aus. Mit GPS-Daten vom Tatabend werde nach dem Handy des Täters gesucht. Auf dieser Basis könne ein Bewegungsbild erstellt werden. "Wir haben viele Möglichkeiten, um die Person auch zu finden", sagte Schulz.

Jetzt lesen

Am Montagabend war der vermutlich entführte Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz im Herzen Berlins gerast. Einschließlich des Polen starben zwölf Menschen, rund 50 wurden teils lebensgefährlich verletzt. Laut de Maizière konnten - neben dem Polen - bislang erst sechs Tote identifiziert werden. Bei ihnen handelt es sich um deutsche Staatsbürger. 14 Menschen rangen am Dienstag noch mit dem Tod.

Gauck besucht Verletzte

Bundespräsident Joachim Gauck besuchte Verletzte des Anschlags in einer Berliner Klinik. „Die Menschen sollen spüren, dass sie nicht allein sind“, sagte er nach einem Besuch im Virchow-Klinikum der Charité und dankte den Ärzten und Pflegekräften. Die am Tag nach dem Anschlag geschlossenen Weihnachtsmärkte in Berlin öffneten wieder ihre Tore. Die Polizeipräsenz sei an „entsprechenden Punkten“ deutlich erhöht worden, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD). 

Material von dpa