Hagener Blätterhöhle birgt viele Geheimnisse

Archäologen graben seit 2006

Die Blätterhöhle zu Hagen gibt bis heute Rätsel auf. Ist der Schädel eines Steinzeitmenschen, den die Archäologen hier entdeckten, in den engen Gängen bestattet worden? Und warum lag der Schädel eines riesigen Ebers daneben? "Ob es ein Begräbnis in unserem Sinne war, wissen wir nicht", sagt Projektleiter Jörg Orschiedt.

HAGEN

, 30.09.2016 / Lesedauer: 3 min

Seit zehn Jahren wühlen sich die Archäologen auf dem Vorplatz der Blätterhöhle in Hagen-Hohenlimburg vorsichtig in die Tiefe. Millimeter für Millimeter werden die Schichten abgetragen, alles wird gezeichnet und in 3D dokumentiert. 2,50 Meter sind sie schon vorangekommen - und die Ergebnisse, am Freitag vor Ort vorgestellt, sind spektakulär.

Uralte Funde neu entdeckt

In diesem Jahr sind nämlich uralte Funde aus dem Übergang von der letzten Eis- zur heutigen Warmzeit zutage gekommen - eine Geschoss-Spitze der Steinzeitmenschen, deren Form typisch für die späte Eiszeit ist, und verkohltes Holz, das mit der Radiokarbonmethode auf das Jahr 10950 v. Chr. datiert werden konnte. "Aus diesem Übergang von der Alt- zur Mittelsteinzeit gibt es noch gar keine Funde in der Region", sagt Michael Baales, Leiter der Außenstelle Olpe der Archäologie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Die neu entdeckte Schicht verspricht also Antwort auf die Frage, wie unsere Vorfahren mit dem Klimawandel umgingen.

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Blätterhöhle Hagen

Die Blätterhöhle in Hagen-Hohenlimburg birgt viele Geheimnisse. Seit zehn Jahren erforschen Archäologen diesen Rastplatz der Steinzeitmenschen. Jetzt haben die Wissenschaftler ihre Ergebnisse vorgestellt.
30.09.2016
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Seit zehn Jahren graben die Archäologen in der Hagener Blätterhöhle - immer mit äußerster Vorsicht. © Foto: LWL
Weil der Vorplatz der Höhe so eng ist und am Hang liegt, müssen sich die Wissenschaftler gut absprechen. © Foto: LWL
Humor haben sie aber auch: Man beachte die "Dienstuhr", die über der Ausgrabung hängt.© Foto: Jäger
Die Arbeit in der eigentlichen Blätterhöhle geht in drangvoller Enge vor sich. Die Höhle ist ein enger Schlauch, der ein paar Mal die Richtung wechselt. Platzangst darf hier niemand haben. © Foto: LWL
Die Funde aus diesem Jahr sind besonders interessant, weil sie bis in die Altsteinzeit zurückreichen. © Foto: LWL
Das ist ein Abguss des Schädels, der vielleicht in der Höhle bestattet wurde. © Foto: LWL
Jörg Orschiedt zeigt den Schädel des Ebers, der daneben gefunden wurde. Wie beides zusammenhängt, weiß man nicht. © Foto: Jäger
Der Tierschädel muss zu einem gewaltigen Wildschwein gehört haben. © Foto: LWL
Lothar Kruse hatte die Blätterhöhle 2004 gemeinsam mit dem Arbeitskreis Kluterthöhle entdeckt. Eigentlich sollte die Gruppe im Auftrag der Stadt nur die Wasser-Situation erkunden. Der 75-Jährige ist auch heute noch in Höhlen unterwegs. © Foto: Jäger
Bei einer Pressekonferenz erläuterten die Forscher den Aufbau der Schichten, aus denen der Höhlenvorplatz besteht. Die Archäologen wollen noch drei bis vier Jahre lang weiter in die Tiefe graben. © Foto: Jäger
Auf dem Höhlen-Vorplatz: Wolfgang Heuschen (v. l.), Höhlenforscher Lothar Kruse (75) mit dem Oberschenkelknochen aus der Jungsteinzeit, Ralf Blank vom Historischen Zentrum Hagen, Michael Baales vom LWL und Projektleiter Jörg Orschiedt mit einem Abguss des Schädels.© Foto: Jäger

Denn ob´s stürmte oder schneite: Die Blätterhöhle war ein idealer Rastplatz. Über dem Höhleneingang hing bis 5000 v. Chr. ein riesiger Felsbrocken. Die Jäger und Sammler blieben hier also schön trocken. "Außerdem geht der Eingang genau nach Süden, hier schien den ganzen Tag die Sonne", so Orschiedt.

Immer unterwegs

Ein Pfeilschaftglätter - das ist ein Werkzeug mit Rille -, beweist, dass sie hier ihre Pfeile anfertigten. "Die Gruppen waren immer unterwegs, zogen Hunderte von Kilometern umher", sagt Michael Baales. Besonders aufschlussreich sind die Überresten mehrerer Menschen aus der Mittel- und Jungsteinzeit in dem super-engen Höhlenschlauch. Darunter ist jener Oberschenkelknochen, den schon Höhlen-Entdecker Lothar Kruse vom "Arbeitskreis Kluterthöhle" anno 2004 völlig verblüfft in der Hand hielt.

Weil der Knochen aus der Jungsteinzeit so frisch aussah (der Gerichtsmediziner meinte: "Der ist doch vom Friedhof"), war eine Analyse der DNS und der chemischen Isotope möglich. Das verblüffende Ergebnis: Dieser Mensch lebte hauptsächlich von Fisch, den die inzwischen sesshaft gewordenen Menschen jedoch nur selten aßen. Das bedeutet, dass es auch in der Jungsteinzeit noch umherziehende Gruppen gegeben haben muss - eine Sensation in der Wissenschaft.

Studenten der Ruhr Uni Bochum helfen mit

Hunderte von Archäologie-Studenten, auch von der Ruhr-Uni Bochum, haben seit 2006 jeweils zwei bis drei Monate pro Jahr auf dem Vorplatz und in der Höhle selbst gearbeitet - ohne jeden Lohn. Eine solche Grabungskampagne kostet dennoch 35000 Euro, die in diesem Jahr das Land NRW übernimmt. Inzwischen werden Funde aus Hagen sogar von der Universität Harvard (USA) untersucht.