Hat Thomas Tuchel noch eine Zukunft beim BVB?

Kollektiver Vertrauensverlust

Borussia Dortmund hat es selbst in der Hand: Durch das 2:1 (1:0) über Hoffenheim am Samstag kann der BVB die direkte Qualifikation zur Champions League aus eigener Kraft schaffen. Dennoch ist die Situation bei den Schwarzgelben extrem angespannt. Ob Thomas Tuchel über das Pokalfinale hinaus eine Zukunft als BVB-Trainer hat, ist fraglicher denn je.

DORTMUND

, 08.05.2017, 07:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Hat Thomas Tuchel noch eine Zukunft bei Borussia Dortmund? Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit über das Saisonende hinaus ist seit diesem Wochenende und trotz des 2:1-Sieges über Hoffenheim fraglicher denn je.

Hat Thomas Tuchel noch eine Zukunft bei Borussia Dortmund? Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit über das Saisonende hinaus ist seit diesem Wochenende und trotz des 2:1-Sieges über Hoffenheim fraglicher denn je.

Dass das Verhältnis zwischen BVB-Boss Hans-Joachim Watzke und seinem Trainer Thomas Tuchel - vorsichtig formuliert - seit langem beschädigt ist, ist seit Monaten ein offenes Geheimnis. Am Samstag jedoch bekam das heikle Thema eine neue Dimension, als Watzke den Dissens in einem Interview mit der "Funke Mediengruppe" erstmals öffentlich explizit bestätigte.

Kühler Vereinslenker

Während Watzke danach von Außenstehenden und in den sozialen Netzwerken rauer Gegenwind ins Gesicht wehte, flogen Tuchel am Spieltag Beistandsbekundungen in Hülle und Fülle zu.

Seit dem Anschlag auf die Mannschaft des BVB - auch Tuchel saß damals im Bus und war direkt betroffen -, präsentiert sich der Dortmunder Trainer der Öffentlichkeit als empathischer Botschafter seiner Mannschaft und gewann dadurch sowohl an Profil als auch an Sympathie. Watzke dagegen gilt seitdem - vor allem weil ihm Tuchel nach dem Hinspiel gegen Monaco indirekt in den Rücken fiel, als er die schnelle Neuansetzung am Tag nach dem Anschlag kritisierte - als kühler Vereinslenker, der seine Spieler in der schwersten Stunde ihres Lebens im Stich gelassen hat.

Rauball auf Watzkes Seite

Am Sonntag sprang BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball Watzke zur Seite. „Die Entscheidung, das Spiel am Tag nach dem Anschlag stattfinden zu lassen, hat Hans-Joachim Watzke nicht alleine getroffen“, sagte Rauball gegenüber dieser Redaktion, „ich war im Krisenstab dabei und habe alles mitgetragen. Das gilt bis heute. Man muss die Entscheidung auch in Relation zum Zeitpunkt kurz nach dem Anschlag, zum Kenntnisstand und zur internen Kommunikation setzen.“  

Heute ebenfalls zu Gast in der Roten Erde: #BVB-Trainer Thomas #Tuchel. pic.twitter.com/MPrOVJQHdD

— Ruhr Nachrichten BVB (@RNBVB) 7. Mai 2017

Rückblick: Der Krisenstab tagte kurz nach der Explosion der Bomben, die um 19.16 Uhr detoniert waren. Knapp 60 Minuten später stand der Entschluss, das Spiel um einen Tag zu verlegen. „Natürlich haben wir versucht, uns in die Lage der Bus-Insassen hineinzuversetzen. Die ersten Informationen, die wir vom Anschlags-Ort hatten, waren, dass alles relativ glimpflich ausgegangen war“, sagte Rauball am Sonntag, „die Schwere der Verletzung von Marc Bartra hat sich erst später am Abend gezeigt.“ Und noch ein Punkt ist dem BVB-Präsident wichtig: „Am Folgetag wurde allen, auch dem Trainer, natürlich das Recht eingeräumt, sich gegen den Spieltermin auszusprechen. Ein solcher Wunsch ist an uns nicht herangetragen worden.“

Soziales Problem

Rauballs Aussagen pro Watzke zeigen: Der Dissens besteht längst nicht nur zwischen Watzke und Tuchel. Der BVB-Trainer hat es vielmehr geschafft, es sich seit seinem Amtsantritt im Juli 2015 sukzessive und auf nahezu allen Ebenen mit zahlreichen Personen im Klub zu verscherzen – auch wegen Tuchels Berater Olaf Meinking, der in vielen Situationen eine dubiose Rolle spielte. Und die Bande zwischen Mannschaft und Trainer(-team) sind keinesfalls so eng, wie es zuletzt öffentlich den Eindruck hatte. Es herrscht ein nahezu kollektiver Vertrauensverlust gegenüber Tuchel und seiner Entourage.

Die Spieler reagierten entsprechend unbeeindruckt auf die erneuten Diskussionen um ihren Trainer: Sie besiegten Hoffenheim in einem keinesfalls hochklassigen Spiel durch Tore von Marco Reus und Pierre-Emerick Aubameyang mit 2:1 und überholten den Konkurrenten um die direkte Qualifikation zur Champions League. Auf Rang drei liegend hat der BVB nun alle Trümpfe wieder selbst in der Hand, um das abgesteckte Saisonziel für die Bundesliga zu erreichen. In der Königsklasse ist die Richtmarke Viertelfinale erfolgreich abgehakt worden - und im DFB-Pokal darf der BVB sogar noch vom Titel träumen.

Auswuchs der Grundproblematik

Dass Tuchels Amtszeit dennoch bereits im Sommer - und damit ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags - beendet sein könnte, zeigt: Es ist kein sportliches Problem, sondern ein soziales, das der Klub mit seinem leitenden Angestellten hat. Der Dissens um den Nachholtermin des Monaco-Spiels ist nur ein Auswuchs dieser Grundproblematik, die kaum noch für alle Seiten zufriedenstellend zu lösen sein wird.