Hautärzte melden „unheimlichen“ Anstieg bei Krätze

Mutter erlebt Odyssee

Der Milbenbefall menschlicher Haut, die Krankheit Krätze, breitet sich in Dortmund immer stärker aus. Jetzt erhebt eine Mutter schwere Vorwürfe: Die Krankheit sei bei ihrem neunjährigen Sohn seit dem vergangenen Jahr unentdeckt geblieben.

LÜTGENDORTMUND

, 25.02.2017, 05:22 Uhr / Lesedauer: 2 min
Hautärzte melden „unheimlichen“ Anstieg bei Krätze

Ein Patient, von Krätze befallen.

Die Lütgendortmunderin Manuela K. spricht davon, dass es in Dortmund ein „riesengroßes Problem“ gebe, was die Krätze betrifft. Nach der jüngsten Gesamtzahl der gemeldeten (Verdachts-)Diagnosen von niedergelassenen Ärzten an die Kassenärztliche Vereinigung (KV), waren bis Ende September (drittes Quartal) 2016 bereits 1289 Fälle registriert. Im Vergleichszeitraum 2013 waren es gerade einmal 344 Diagnosen.

Manuela K. sieht einen Hauptgrund in der Organisation der Hautärzte: „Kaum ein Hautarzt behandelt ohne Termin, und man muss tagelang auf einen Termin warten, obwohl man eine akute, ansteckende Krankheit hat.“

Von Praxis zu Praxis gelaufen

Die 30-Jährige ist mit ihrem Sohn (9) von Praxis zu Praxis gelaufen. „Wenn ich zu zehn Ärzten gehe und sage, mein Sohn hat die Krätze, und jede Sprechstundenhilfe sagt mir‚ ohne Termin können wir sie nicht drannehmen, wir hätten da aber erst nächste Woche einen Termin frei‘, läuft mein Sohn eine Woche mit dem Verdacht auf Krätze rum und steckt dann aller Wahrscheinlichkeit nach mich an. Da die Inkubationszeit vier bis sechs Wochen beträgt, stecke ich wahrscheinlich auch noch andere Menschen an“, sagt sie.

Ihr Hausarzt habe die Krätze nicht erkannt. Erst als sie sich gar nicht mehr zu helfen wusste und mit dem Kind in der Notaufname des Klinikums landete, bestätigten die Ärzte die von ihr schon so lange befürchtete Diagnose. Vor einer Woche kam ihr Sohn in die Hutklinik. Er leidet seit Jahren auch an Neurodermitis. Je trockener und rissiger Haut ist, desto größer das Infektionsrisiko mit Krätze-Milben, Scabies.

Was Hautärzte zu diesem Fall sagen

Was sagen Hautärzte zu diesem Fall? Dr. Thomas Brinkmeier aus der Praxis Hautärzte am Markt, sagt: „Es gab Tage, da waren es täglich mehr als zehn Krätze-Fälle. Wir führen aber keine Statistik.“ Die Probleme beim Aufsuchen einer Praxis kann er nicht verstehen. „Wir bieten jeden Morgen eine Akutsprechstunde um 7 Uhr an.

Außerdem gibt es mehrere Zeitfenster pro Woche, die für außerplanmäßige Termine von den Servicestellen der KV eingefordert wurden. Diese wurden bislang so gut wie nie von den Patienten in Anspruch genommen.“ In der Praxis am Markt war Manuela K. mit ihrem Sohn nicht, sagt sie.

Eine Familie pro Tag

Fälle von Krätze würden „unheimlich zunehmen“, sieht Hautarzt Dr. Dirk Eichelberg, der ebenfalls in der Innenstadt ansässig ist. Eine Familie pro Tag habe er immer. In der Regel würden anfragende Patienten nicht weggeschickt, sie müssten nur angeben, dass sie ein Notfall mit Verdacht auf Krätze seien. Manuela K. sagt, sie sei in der Praxis gewesen und mit ihrem Sohn nicht drangenommen worden.

Dr. Prosper Rodewyk ist niedergelassener Internist und Hausarzt sowie Bezirksstellenleiter der KV Dortmund. Er betont, dass bei Krätze der erste Gang zum Hausarzt führe. Auch sie könnten den Milbenbefall mit juckenden Pusteln und den typischen Milbengängen unter der Lupe erkennen. 90 Prozent der Krätzefälle, so Rodewyk, würden von Hausärzten entdeckt. Nach den Zahlen der KV wurden allerdings von den 1289 Diagnosen 289 von Hausärzten getroffen, aber 990 von Hautärzten. Mutter K. hofft jetzt, dass ihrem Sohn endlich stationär geholfen wird.

Krätze ist oft nicht leicht zu erkennen. Aufgrund des starken Juckreizes - vor allem nachts - sind die typischen Milbengänge oft durch Aufkratzen schlecht erkennbar. Typisch sind kleine Knötchen und kleine Gänge im Bauchnabelbereich und an den Händen. Dr. Rodewyk sagt, wenn nach Salbenbehandlung die Symptome nicht nach drei, vier Tagen abklingen, ist es keine Krätze.