„Wir sind keine Helikopter-Eltern, wollen aber auch nicht, dass unserem Kind was passiert.“ Dieser Satz steht symptomatisch für den Konflikt, die Balance zu finden zwischen Fürsorge und Freiheit.

Dortmund

, 24.12.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sie verstopfen morgens mit ihren Autos die Grundschulzufahrten, gefährden damit andere Schulkinder. Schulen und Gemeinden sehen sich gezwungen, Elternhaltestellen einzurichten und Halteverbote auszuweisen, die die Polizei dann kontrollieren muss.

Bizarre Auswüchse eines Phänomens namens Helikopter-Eltern. Mama und Papa, die wie ein Hubschrauber über ihrem Nachwuchs kreisen, um alles zu kontrollieren: Schule, Freundeskreis, Freizeit. Mittlerweile gibt es sogar Bücher und Internet-Seiten, in denen die skurrilsten Anekdoten gesammelt werden. Von Eltern, die die Klobrille für ihr Kind mit dem Föhn anwärmen. Es durch das Klassenzimmerfenster beobachten.

„Kinder sind nie schuld“

Bereits in der Kita geht es los: „Da wird nachgefragt, ob die Kinder oft genug an die frische Luft gehen“, erzählt eine Mutter, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. In der Schule geht es weiter. Eine Lehrerin sagt: „Grundsätzlich sind die Kinder in den Augen der Eltern nie schuld, wenn sie von uns oder von Erziehern bei ‚Verwarn-Ampeln‘ auf Rot gesetzt werden.“ Die Lehrer seien dann zu streng, heiße es.

Diese Einschätzung ist kein Einzelfall: Laut einer repräsentativen Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach zur Schul- und Bildungspolitik 2011 bescheinigten 57 Prozent der befragten Lehrer den Eltern, nicht mit Kritik am Nachwuchs umgehen zu können. Dass Eltern den Lehrern die Schuld geben, wenn das Kind schlechte Noten schreibt, das bestätigen 48 Prozent der befragten Lehrer. Außerdem antworteten über 50 Prozent der befragten Lehrer, dass Eltern sehr starken Einfluss auf die Notengebung oder Unterrichtsgestaltung nehmen wollten. An Grundschulen erleben es die Lehrer mit 63 Prozent besonders stark.

Taschenlampe statt Bus empfohlen

In der Allensbach-Studie waren 53 Prozent der Lehrer außerdem der Meinung, dass die Eltern ihre Kinder zu sehr in Watte packten und verwöhnten. Erst im Mai dieses Jahres hatten Richter ängstliche Eltern abblitzen lassen, die ihre Tochter nicht zu Fuß zur nicht weit entfernten Schule gehen lassen wollten, der Weg sei zu dunkel, argumentierten sie. Die Gemeinde wollte den Bus nicht zahlen, die Richter empfahlen eine Taschenlampe.

Doch wie kommt es eigentlich, dass viele Eltern das Bedürfnis haben, ihre Kleinen in Watte packen zu müssen, ihnen jeden Stein aus dem Weg räumen zu müssen? Eigentlich wollen sie doch nur das Beste.

Laut der Bindungstheorie gebe es zwei wichtige Motive für das Kind, sagt Katja Nowacki, Professorin für klinische Psychologie und Sozialpsychologie an der Fachhochschule Dortmund. „Zum einen das Streben nach Nähe zur Bezugsperson - besonders, wenn es ängstlich ist - zum anderen das Explorationsstreben. Das heißt, das Kind will sich ausprobieren, rausgehen, die Welt erkunden.“

Das Alter entscheidet

In der Bindungstheorie spreche man von feinfühligem Erziehungsverhalten, wenn Eltern beide Motive, je nach Alter und Entwicklungsstand, angemessen bedienten. „Auf einen weinenden Säugling reagiere ich prompt und angemessen, tröste, füttere ihn.“ Einem Fünfjährigen, der vor dem Essen Schokolade will, trete ich anders gegenüber, erklärt die Psychologin.

Vieles machten Eltern intuitiv richtig. Heutzutage sei jedoch der Zugang zu Ratgebern und Informationen viel größer als früher. „Je mehr Ratgeber ich lese, desto mehr bin ich auf der kognitiven Ebene unterwegs und schütte so die mögliche Intuition zu.“ Das könne eine mögliche Erklärung für überbehütendes Verhalten sein, so Nowacki.

Leistungsgesellschaft als eine Ursache

Zudem steige mit sinkender Kinderzahl das Investment in das einzelne Kind. Da werde nichts dem Zufall überlassen. Das habe auch mit der Leistungsgesellschaft zu tun, die immer höhere Ansprüche an Individuen stelle. Eltern stünden heutzutage unter einem hohen Druck, die Kinder zu Leistungsträgern zu machen, damit sie die immer weniger werdenden guten und gut bezahlten Jobs ergatterten. Vieles geschehe aus echter Sorge. „Eltern-Bashing finde ich nicht sinnvoll“, sagt Nowacki, „es müssten auch strukturelle Überlegungen gemacht werden, um Eltern diese Ängste zu nehmen“. Gesellschaft und Politik seien hier gefragt.

„Früher haben die Eltern die Kinder bis zum Ende des Kindergartens eng begleitet, dann brach eine neue Zeit der Eigenständigkeit an“, erinnert sich Susanne Huppke von der Fachgruppe Grundschule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die 59-Jährige ist seit 27 Jahren Grundschullehrerin. Mittlerweile beobachte sie, dass Eltern die Selbstständigkeit der Kleinen immer weniger einforderten. Das sei schleichend, aber stetig mehr geworden. Das Schulgelände solle eigentlich die Grenze sein für Eltern, erklärt Huppke. „Kinder wachsen enorm an der Erfahrung, Dinge allein zu schaffen.“ Wenn man ihnen alles abnehme, werde ihnen auch das Erfolgserlebnis genommen.

Das Risiko für eine Depression steigt

Kinder, die überbehütet werden, könnten möglicherweise unsicher-ambivalente Vorstellungen von Bindungen entwickeln und nicht so gut in der Lage sein, ihre Gefühle zu regulieren, sagt Psychologin Nowacki. Damit sei das Risiko, später einmal eine Angststörung oder eine Depression zu bekommen, erhöht.

„Es gibt Eltern, die wollen das Kind bis in den Klassenraum bringen, auf den Stuhl setzen und bis Unterrichtsbeginn bleiben“, sagt Martin Kieslinger, Leiter der Rechtsabteilung beim Verband für Bildung und Erziehung (VBE) in Dortmund. „Wenn das alle machen, würden die Lehrer wahnsinnig.“ Das Thema Helikopter-Eltern gehört für den Justiziar mittlerweile zum Tagesgeschäft. Bei ihm landen zum Beispiel Anfragen von Schulleitern, die Hilfe im Umgang mit Eltern brauchen. „Mein Rat ist: Suchen Sie das Gespräch“. Oft seien Kommunikationsprobleme zwischen Lehrern und Eltern die Ursache. Wenn reden nicht helfe, sagt Kieslinger, können Schulen auch Hausverbote erteilen, als letztes Mittel, „wenn der geordnete Schulalltag nachhaltig gestört ist“.

Erst zum Anwalt, nicht zum Lehrer

Mehrmals im Monat beschäftigen den Juristen auch Dienstaufsichtsbeschwerden, die Eltern gegen Lehrer anstrengen. „Da wird die Arbeit der Schule insgesamt kritisiert, aber inhaltlich ohne konkrete Begründung.“ Solche Beschwerden würden dann relativ schnell zurückgewiesen. „Das kostet trotzdem Zeit und Ressourcen.“ Die direkte Kommunikation fehle heutzutage häufig, Eltern würden oft zuerst zum Anwalt gehen, bevor sie mit dem Lehrer redeten. „Ich werbe dafür, miteinander zu sprechen“, sagt Kieslinger, der auch Dozent für Schul- und Dienstrecht ist und Seminare für Lehrer anbietet. Man müsse ja nachher noch zusammenarbeiten. Das stelle auch Lehrer vor Probleme: „Ich habe viele Anfragen von Lehrkräften, die fragen, wie sie Kindern noch vorurteilsfrei begegnen können, wenn die Eltern ständig Dienstaufsichtsbeschwerden einreichen.“

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