Helm auf, Erika wir kommen!

Kunstinstallation "well,come"

Farbe und Form des Dings sind schon seltsam für den Dortmunder Hafen. Rosa-violett hängt die Gondel unter dem Dachvorsprung einer Halle am Wasser. "Der Farbton heißt erikaviolett", erklärt Professor Oliver Langbein, "deshalb nennen wir die Konstruktion auch Erika."

DORTMUND

, 14.08.2016, 15:17 Uhr / Lesedauer: 2 min
Helm auf, Erika wir kommen!

15 Personen passen auf die Gondel Erika.

Die fünf Tonnen schwere Erika ist die begehbare, bewegliche Kunstinstallation "well,come". Sie soll zu uns sprechen, soll erzählen von globalen Warenströmen.

Vieles zirkuliert um die Welt. Auch Flüchtlinge, die Sicherheit suchen und selten willkommen sind. "well,come", also kommt, haben die Macher vom Architekturbüro Osa (Langbein ist einer davon) darum ihr Projekt getauft, mit dem die Urbanen Künste Ruhr im Rahmen der Ruhrtriennale nun auch Dortmund bespielen.

Idealer Ort

"Der Ort schien uns ideal, um von der Wanderung von Gütern und Menschen zu erzählen", so Langbein, der auch Professor für Szenografie an der Fachhochschule Dortmund ist. Und wie sieht die Erzählung aus?

Während unseres Vorgesprächs hatte eine erste Gruppe Erika bestiegen, jetzt sind wir dran. Helm auf, Erika wir kommen!

Dada-Soundtrack

Leicht schaukelnd geht die Fahrt aufwärts, "das Ding" hängt ja an einem Hebekran. Sound setzt ein. Er klingt wie ein Didgeridoo, ist aber die Stimme von Florian Kaplick, verantwortlich für die Akustik der Installation. "Bis auf die Pauke hören sie nur meine Stimme", wird er später sagen.

Sein Soundtrack macht in Dada. "Bumm-felli-bumm" tönt es aus vier Lausprechern in der Gondel. Stimmen schwellen an, überlagern sich.

Über dem Wasser schweben

Wir sind sieben, acht Meter hoch, fahren horizontal dem Kanal entgegen. Jetzt schweben wir über grünem Wasser, vor uns eine Wand mit acht Bildschirmen.

Auf ihnen flimmern bewegte Grafiken, Weiß auf Schwarz, im Stil von Piktogrammen. Fließband, Räder, Zeche, Förderturm. Symbole für Essen und Kochen. Auf Englisch tönt es: "Das Ei ist der Vetter von Käse und Butter. Isn’t it strange - ist es nicht seltsam?"

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Das Kunstprojekt 'Wellcome' im Dortmunder Hafen

Ein Kunst-Spektakel verspricht das Projekt "well,come" im Dortmunder Hafen. Die Künstler und Architekten des Büros "osa - Office for subversive architecture" haben sich eine begehbare Skulptur ausgedacht, mit der man in neun Meter Höhe ein kleines Stück über ein Dortmunder Hafenbecken fahren kann. Das wird vom 13. August bis 24. September 2016 möglich sein.
20.07.2016
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© Foto: Schaper
© Foto: Schaper
© Foto: Oliver Schaper
Unter diesem Hallendach wird das Projekt ab August zu erleben sein.© Foto: Tilman Abegg
Die Computeranimation zeigt die geplante begehbare Skulptur.© Zeichnung: Urbane Künste Ruhr
Bernd Trümpler und Oliver Langbein nehmen Kuratorin Katja Aßmann in die Mitte. Aßmann ist auch Künstlerische Leiterin der Urbanen Künste Ruhr. © Foto: Tilman Abegg
Oliver Langbein (l.) und Bernd Trümpler haben die außergewöhnlichen Kunstfahrten erdacht. © Foto: Tilman Abegg
Das SAZ Stahlanarbeitungszentrum Dortmund ist eigentlich für die Weiterverarbeitung der imposanten Stahlcoils zuständig. © Foto: Tilman Abegg
Aus einem solchen Stahlcoil werden viele unterschiedliche Produkte hergestellt. © Foto: Tilman Abegg
Bei der Firma Stahlbau Osterholt in Castrop-Rauxel-Henrichenburg wird die begehbare Skulptur hergestellt. © Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr
Carola Kemme leitet das Projekt im Auftrag der Urbanen Künste Ruhr. © Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr
Der Blick in die Werkstatt zeigt, wie groß die Plattform wird. © Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr
Alles wird sehr stabil. Schließlich muss die Plattform 15 Personen sicher befördern. © Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr
Ohne Kran wäre die Anlage nicht zu bewegen. Zum Schluss wird die Plattform fünf Tonnen wiegen. © Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr
Von der Stange gibt es so eine Plattform nicht. Alles muss Stück für Stück zusammengeschweißt werden. © Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr
Die Osa-Architekten haben detaillierte Baupläne geliefert. © Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr
Und die werden sorgfältig durchgesprochen. © Foto: Volker Hartmann/urbane Künste Ruhr
Zwei Beispiele für die Arbeit des Architekturbüros osa: 2010 versperrten die Architekten mit fünf zusätzlichen Säulen den Eingang zur Volksbühne Berlin. et, Täuschend echt wirkten die in den hauseigenen Werkstätten aus Sperrholz, Stahl und Nessel gefertigten Säulen. Die Arbeit hieß ironischerweise "Eintritt frei". © Foto: dpa
Schon 2006 sorgte osa bundesweit für Aufsehen mit dieser Arbeit zum 20. Geburtstag der Kunsthalle Schirn in Frankfurt. Sie setzten der vorhandenen Rotunde Kerzen auf, so dass sie aussah wie eine Geburtstagstorte. © Foto: Norbert Miguletz/Kunsthalle Schirn Frankfurt
Und so sieht die fertige Konstruktion aus. Ab Samstag (13.8.) können Besucher sie nutzen.© Foto: Oliver Schaper
Und so sieht die fertige Konstruktion aus. Ab Samstag (13.8.) können Besucher sie nutzen.© Foto: Oliver Schaper
Hier hängt das gute Stück bereits am Kran.© Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr
Die Konstruktion ist nun bereit für den Einsatz.© Foto: Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr)

Symbole für Hafen und Logistik. Eine Karte mit Pfeilen, wohin Dortmund verschifft.

"Kein Fehler im System", tönt es, "kein Edler im System, kein Elend im System", glauben wir zu verstehen. Eine Weltkarte erscheint.

"Das Messer blitzt, Schweine schrei’n. Wir müssen sie benutzen. Was nützt das Schwein, wenn wir es nicht verputzen?" In der Grafik schießt ein Kind die Mutter tot.

Zahlen und Grafiken

Statistiken, Zahlen sind zu sehen: Durch Privatwaffen sterben weit mehr Amerikaner als durch Terrorakte.

Mehr Zahlen und Grafiken: Wer liefert Waffen nach Syrien? Wohin fliehen die Syrer und andere?

Das Pressefoto des toten Kindes am Strand scheint kurz auf. "Wess, wasch, bamm, fusch, zickedizack", "orgelt" Kaplicks Stimme.

Touristen liegen am Strand, machen Selfies vor Eiffelturm und Brandenburger Tor. All das stürzt in kaum zehn Minuten auf uns ein, bevor der Container sich von den Monitoren entfernt und uns auf der Erde absetzt.

Visuelles Schnellfeuer

Benommen sortiert man sich. Das war visuelles Schnellfeuer zu satirischer Wortmusik, kalkulierte "Reizüberflutung", wie Langbein sagt. Hat das nun eine Erkenntnis befördert, war das ein Erlebnis für die Sinne? Hm, eher nicht.

Die Partie am Hafen führt trotz Frischluft in ein kopflastiges Statistik-Universum, das alles mit allem verquickt, weil alles zusammenhängt: Für Besser-Esser und Big Business ist die Welt ein Dorf. Für Hungerleider ist sie ein Lager mit Zaun. Schon klar, doch braucht die trockene Botschaft wirklich eine Gondel am Wasser? Am besten wäre es, viele Besucher machten sich selbst ein Bild von Installation und Hafenflair.

Dortmund, Matthiesstr. 12, bis 24.9., jeweils Sa 10-20 Uhr und So 10-18 Uhr. Die 20-minütigen Kunstfahrten sind kostenlos, eine Reservierung wird empfohlen. Einer von drei Terminen pro Stunde ist für Spontan-Besucher.

 

 

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