Henning Wehland: "Münster, ich liebe dich"

Interview

Musik mit den H-Blockx und den Söhnen Mannheims, Juror bei The Voice Kids – jetzt das erste Solo-Album. Henning Wehland (45) hat jüngst die CD "Der Letzte an der Bar" und dazu nun seine Tourtermine veröffentlicht. Wir sprachen mit dem in Münster aufgewachsenen und in Berlin lebenden Sänger über Midlife-Krise, Iso-Matten und die alte Liebe.

NRW

24.06.2017, 06:20 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ist selbstkritisch und nimmt sich die Freiheit, irgendwann einmal für das Oberbürgermeister-Amt in Münster zu kandidieren: Musiker Henning Wehland.

Ist selbstkritisch und nimmt sich die Freiheit, irgendwann einmal für das Oberbürgermeister-Amt in Münster zu kandidieren: Musiker Henning Wehland.

Henning, ist ein erstes Solo-Album mit Mitte 40 ein Zeichen für Midlife-Krise oder für Frühjahrsputz in deiner Karriere?

Eine Midlife-Krise habe ich nicht bewusst empfunden. Aber je öfter ich über das Album spreche, umso mehr kann man es als solche bezeichnen. Dennoch ist es für mich weniger eine Krise.  

Warum?

Krise bedeutet ja eigentlich, dass du Angst vor dem hast, was kommt. Du weißt, du müsstest dich bewegen, fürchtest aber den nächsten Schritt. Ich dagegen wollte unbedingt wissen, wie dieser Schritt aussieht. Um mich darauf zu konzentrieren, brauchte ich einfach mehr Ruhe. Also habe ich mich ein paar Wochen zurückgezogen. Dabei kam mir diese Zeile „Der Letzte an der Bar“.  

Was sagt sie aus?

Dass ich mir bewusst wurde, Musiker zu sein und auch bleiben zu wollen. Und dass ich das in dieser gewählten Form eben auch auf den Tresen bringen will.  

Das Album ist vielschichtig. Vom zarten Schmelz-Duett „Bonnie & Clyde“ mit Sarah Connor über Rock, Pop und Rap bis hin zu tanzbarem Ska mit LaBrassBanda. Ist das ein Zeichen von künstlerischer Freiheit?

Frei war ich eigentlich immer schon. Die Form, Musikstile zu vermischen, hat mich schon in den 90er-Jahren mit den H-Blockx begeistert. Damals war es vielleicht noch eine große Überraschung. Heutzutage gibt es kaum noch eine Band, die nicht versucht, Genres ineinander fließen zu lassen. Mein roter Faden ist der Text.  

Inwiefern?

Ich erzähle Geschichten, die aus meinem Leben kommen, und versuche, sie mit den Leuten da draußen zu teilen. Die Musik folgt dem Text. Ich stelle mir das Ganze wie ein Bett vor, das mal hoch, mal niedrig ist, aus einer Matratze oder einer Iso-Matte besteht oder auch ein Zelt sein kann. Es ist wichtig, dass ich mir dabei die musikalische Wahlfreiheit bewahre.

Frei heißt auch ein Titel des Albums, der recht unromantisch deinen Karriereweg beschreibt. Wie nah sind wir dir da?

Es ist alles wahr. Die Frage ist nur, in welchen Kontext du als Zuhörer das setzt. Ich bin begeistert von der Idee, meine Schwächen oder die manchmal auch berechtigten Kritikpunkte beim Namen zu nennen. Und Frei ist dieser Moment, in dem ich das aufliste, was ich schon einmal über mich gehört habe oder was ich an mir kenne. Ich nehme mir die Freiheit, genau das zu sagen. Jetzt ist es also raus. Das Gefühl kennt wohl jeder: Du hörst in dich hinein und siehst ein Problem aufkommen. Um es zu lösen, musst du im ersten Schritt darüber sprechen.  

Was wäre ein konkretes Problem deiner Karriere?

Mir wurde häufig gesagt: Du kannst dich nicht fokussieren. Dahinter steckt die Frage, was ich denn jetzt sei, H-Blockx oder Söhne Mannheims – und dann würde ich auch noch bei The Voice Kids in einer TV-Show mit Kindern arbeiten. Ich wisse ja gar nicht, wohin ich gehöre.  

Was ist deine Antwort?

Ich besitze die besondere Fähigkeit, mir Dinge heraus zu picken, die mich in meinem Leben weiter bringen. Das ist mein wahrer Crossover. Der hat nichts mit einer Musikrichtung, sondern mit einer Lebenseinstellung zu tun.  

Frei nach deinem Song „Tanz um dein Leben“, den du mit der Bläsertruppe LaBrassBanda aufgenommen hast, geht es auf dem Dancefloor um alles. Hältst du das Höllentempo des Songs überhaupt noch durch?

Puh, ja, ich habe es inzwischen ein paar Mal geschafft. Dafür waren die H-Blockx und die Söhne Mannheims offenbar eine gute Schule. Was Tanzen angeht, habe ich also vor nichts Angst, haha.  

Aber deine Bands haben dir doch nicht die ersten Tanzschritte beigebracht?

Ich habe tatsächlich auf der Rothenburg in Münster mein silbernes Tanzabzeichen gemacht. Und zufälligerweise haben wir später auch in diesen heiligen Hallen das Büro für unsere Firma eingerichtet …  

… für BLX Music & Entertainment, eine Management- und Musikberatungs-Firma zunächst für die H-Blockx und später auch für Pohlmann und The BossHoss …

… und dort lange Zeit auch gewohnt.  

Heimisch fühlst du dich offensichtlich in der deutschen Sprache, du singst auf Deutsch. Heute wissen wir, dass Texte auch Literatur-Nobelpreise einbringen können. Lastet dadurch ein größerer Druck beim Formulieren auf dir?

Haha, oh, ja. Nein, mir fallen auf Anhieb mehrere Leute ein, die den Nobelpreis vor mir bekommen könnten. Auf jeden Fall Udo Lindenberg. Und dann gibt es einige großartige Texter, die aber hauptsächlich für andere Musiker oder Interpreten schreiben. Ich stelle mich weit dahinter an. Ehrlicherweise ist der Preis auch nicht mein Begehr.  

Sondern?

Wichtig ist, dass ich in der deutschen Sprache ein Medium gefunden habe, mit dem ich mich tatsächlich ausdrücken kann. Ich glaube, dass Deutsch speziell in der Rock- und Popmusik leider nie so richtig zum Zuge gekommen ist. Es hat immer mal wieder ein Aufflackern gegeben, und auch jetzt sind gerade viele deutschsprachige Künstler erfolgreich. Ich persönlich bin gerade erst am Anfang, richtig mit der Sprache zu arbeiten und etwas aus ihr heraus zu holen. Das ist für mich ein spannendes Abenteuer. Und ich habe vor, noch ganz große Bilder zu malen.  

Ein großartiges Bild hast du deiner alten Heimat Münster gemalt, wo du zur Schule gegangen bist und dein Abitur gebaut hast. Münster sei wie ein schöne Frau.

Ja, das habe ich mal gesagt. Um es anders zu formulieren: Münster ist für mich einfach Heimat. Obwohl ich durch meine Arbeit seit 25 Jahren unglaublich viel von meiner Heimat entfernt bin und inzwischen auch in Berlin wohne, fühle ich mich im Herzen immer noch als Münsteraner. Auch wenn ich in Bonn geboren bin, ist das ein Ort, wo ich mich zu Hause fühle, wo man sich kennt. Das ist meiner DNA einfach nicht mehr zu nehmen.

Flirtest du demnächst vor Ort live mit der „schönen Frau“, dein neues Album unterm Arm?

Mindestens einmal im Jahr bin ich ja noch in Münster, zum vierten Advent. 15 Jahre lang durften wir da in Rick's Café spielen. Dort ist es allerdings wegen Problemen mit den Nachbarn nicht mehr möglich, weswegen ich jetzt im Sommer einen regelmäßigen Auftritt organisieren möchte.

Nennt man das glückliche Fernbeziehung?

Ich kann einfach nur sagen: Münster, ich liebe dich und bleibe dir treu! Und natürlich gibt es noch die großen Pläne, mich hier aus der Berliner Provinz zurück ins Zentrum der gut gemeinten Machenschaften zu holen. Und dann verwirkliche ich vielleicht eines Tages meinen Wunsch, in Münster als Oberbürgermeister etwas zu bewegen.

Die Tour
Henning Wehland spielt am 8. August in seiner Heimatstadt Münster bei den Schloss Classix, im Oktober geht er auf Club-Tournee:
23. Oktober: Saarbrücken – Garage
24. Oktober: Würzburg – Posthalle
25. Oktober: München – Technikum
26. Oktober: Frankfurt am Main – Zoom
27. Oktober: Goslar - Miners Rock
29. Oktober: Köln – Luxor
30. Oktober: Mannheim – Capitol
31. Oktober: Osnabrück – Rosenhof
1. November: Hamburg – Knust
2. November: Berlin – Kesselhaus
3. November: Dresden – Schlachthof