Herkulesaufgabe nach der Flut - Wiederaufbau unter widrigen Umständen: „Wird Jahre dauern“

Unwetter

Etliche Hindernisse drohen den Wiederaufbau der zerstörten Dörfer in den Hochwasserregionen zu bremsen. Das reicht vom fehlenden Material bis zum Personalmangel. Und das ist noch nicht alles.

Berlin/Düsseldorf

von Alexander Sturm, Erich Reimann

, 20.07.2021, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ein komplett zerstörtes Haus in Marienthal im Ahrtal. Das kleine Dorf wurde weitestgehend zerstört.

Ein komplett zerstörtes Haus in Marienthal im Ahrtal. Das kleine Dorf wurde weitestgehend zerstört. © picture alliance/dpa

Verwüstete Häuser, aufgerissene Straßen und eingestürzte Brücken: Der Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist eine Herkulesaufgabe. Bund und Länder haben zwar schon umfangreiche Finanzhilfen in Aussicht gestellt, und im Bundesverkehrsministerium tagte schon eine Taskforce für die Reparatur kaputter Brücken, Gleise, Straßen und Mobilfunkmasten.

Kraftakt von Politik und Wirtschaft für Wiederaufbau notwendig

Doch eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur zeigt: Der Wiederaufbau wird eine Aufgabe mit vielen Hindernissen. Und vor allem: Er wird einige Zeit brauchen. Alleine bei der Deutschen Bahn und bei Straßen rechnet der Bund mit mindestens rund zwei Milliarden Euro Schäden, wie es aus Regierungskreisen hieß.

„Nach der Elbflut 2002 hat es etwa drei Jahre gedauert, bis die größten Schäden behoben waren, und fünf Jahre, bis die betroffenen Gebiete wieder ordentlich aussahen“, sagte Reinhardt Quast, Präsident des Zentralverbands des Deutsches Baugewerbes (ZDB) der Deutschen Presse Agentur.

Um den Wiederaufbau zerstörter Häuser, Straßen und Brücken trotz hoch ausgelasteter Bauunternehmen und Materialengpässen zu stemmen, sei ein Kraftakt von Politik und Wirtschaft notwendig. „Bauunternehmen und Handwerker können ihre Kapazitäten auf 120 bis 130 Prozent hochfahren“, sagte Quast.

Aufträge könnten umgeschichtet und Prioritäten auf Krisenregionen gelenkt werden. Ebenso müsse die Politik öffentliche Aufträge in anderen Bereichen zurückstellen und Behörden unbürokratisch helfen, indem sie etwa Duplikate von weggeschwemmten Bauunterlagen aushändigten.

„Der Wiederaufbau wird Jahre dauern“

Auch der Oberbürgermeister der 2002 vom Jahrhunderthochwasser hart getroffenen sächsischen Stadt Grimma, Matthias Berger, stimmt die Menschen in den betroffenen Regionen darauf ein, dass sie Geduld haben müssen. „Die Politik wird Wort halten. Es wird Geld geben. Aber es wird dauern. Denn Bürokratie und Katastrophe verträgt sich nicht“, beschreibt der parteilose Politiker die Erfahrungen in Grimma.

Auch er ist überzeugt: „Der Wiederaufbau wird Jahre dauern.“ Strom, Gas und Telefon seien in Grimma zwar von den großen Konzernen recht schnell wieder ans Laufen gebracht worden. Bei vielen anderen Arbeiten brauche es aber Geduld. „Wir haben damals erst alles behelfsmäßig wieder hergestellt.“

Die Straßen seien mit Schotter und Steinmehl wieder befahrbar gemacht worden und es habe einige Zeit gedauert, bis sie wieder eine Asphaltdecke bekommen hätten. Doch lohne es sich, Geduld zu haben. „Deutschland ist behäbig, langsam, bürokratisch. Aber wenn es erstmal läuft, dann kommt es mit Wucht.“

Viele Hürden bei Wiederaufbau: Auftragsvergabe, Personalmangel, fehlendes Material

Tatsächlich gibt es so manche Hürde, die einem raschen Wiederaufbau im Wege steht. Das fängt schon bei der Auftragsvergabe an. „Wir müssen schauen, dass wir das ganze Thema Ausschreibung und Vergabe so niedrigschwellig wie möglich gestalten. Wenn wir die Bauarbeiten europaweit ausschreiben müssen, verlieren wir ein halbes Jahr alleine für Ausschreibung und das Vergabeverfahren“, warnt Alexander Handschuh vom Deutschen Städte- und Gemeindebund.

Ein weiteres Problem sei der Personalmangel in vielen kommunalen Bauämtern. „Da musste jahrelang gespart werden. Jetzt fehlt es an Bauingenieuren und das könnte den Wiederaufbau verlangsamen“, fürchtet Handschuh. Die aktuellen Engpässe auf dem Rohstoffmarkt bei Holz oder Stahl seien eine zusätzliche Hürde. „Und auch bei den Baukapazitäten könnte es Engpässe geben, gerade wenn wie etwa bei Brücken Spezialfirmen gebraucht werden“, warnt der Branchenkenner.

Fehlendes Material muss zur Not von anderswo in die Hochwassergebiete gebracht werden, meint der Bauverband ZDB. „Wenn Rohre weggeschwemmt wurden, müssen sie aus dem Rest der Republik hergebracht werden“, sagte Präsident Quast. Doch selbst der Transport ist nicht immer einfach - denn auch Brücken wurden zerstört. „Ohne Behelfsbrücken müssen Baufirmen und Handwerker riesige Umwege fahren.“

Und wer sein eingestürztes Haus neu bauen wolle, brauche ohnehin Geduld, heißt es im Baugewerbe. „Ein Haus können Sie nicht in drei Tagen bauen.“ Es müsse schließlich erst geklärt werden, wo in den vom Hochwasser getroffenen Regionen in Zukunft noch gebaut werden dürfe, und Planung und Umsetzung nehme dann weitere Zeit in Anspruch.

Wiederherstellung von Gasversorgung und Trinkwasserleitungen kann Monate dauern

Dass viele Reparaturen mehr Zeit brauchen werden als wünschenswert, zeichnet sich schon ab. Der Versorger Energienetze Mittelrhein warnte, die Wiederherstellung der Gasversorgung im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz könne im schlimmsten Fall Monate dauern.

„Die Gasleitung ist komplett gerissen. Wirklich zerstört“, sagte Firmensprecher Marcelo Peerenboom. Mehrere Kilometer Leitung müssten komplett neu gebaut werden. „Das wird leider Wochen oder Monate dauern, bis dort wieder Gasversorgung ist. Das heißt für die Bürger: kaltes Wasser, und wenn die Heizperiode kommt, auch kalte Wohnung.“

Und die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, Cornelia Weigand, sagte im „Bild live“-Polittalk: „Es sieht so aus, als ob die Infrastruktur so stark zerstört ist, dass es in einigen Orten vielleicht über Wochen oder sogar Monate kein Trinkwasser geben wird“. Wann es in Altenahr wieder Normalität gebe, sei für sie nicht absehbar.

dpa

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