Herziger "Heidi"-Film ohne Kitsch

Neu im Kino

X-mal verfilmt, als TV-Serie aufgelegt, durch alle Verwertungskanäle gejagt. Brauchen wir noch eine „Heidi“-Verfilmung? Ja, doch – wenn sie so schwungvoll, unverkitscht und rührend ausfällt wie in Alain Gsponers Version nach dem Drehbuch von Petra Volpe.

09.12.2015, 18:45 Uhr / Lesedauer: 1 min
Der Geissenpeter (Quirin Agrippi) und Heidi (Anuk Steffen) laufen ab Donnerstag im Kino über die Alm.

Der Geissenpeter (Quirin Agrippi) und Heidi (Anuk Steffen) laufen ab Donnerstag im Kino über die Alm.

Bruno Ganz spielt den Alm-Öhi, grauer Vollbart, verwittertes Gesicht: Ein wortkarger Grantler, dem die Dörfler nachsagen, er habe jemanden erschlagen. Der alte Stinkstiefel ist wenig begeistert, als Heidi (herzig, mit Schwyzer Zungenschlag: Anuk Steffen) und Tante Dete (Anna Schinz) vor seiner Hütte auftauchen.

Er soll sein Enkelkind aufnehmen? Kommt gar nicht in die Tüte! Die Tante geht. Heidi nächtigt bei den Ziegen, weil der Alte die Tür seiner Hütte schließt. Am nächsten Tag will er das Kind beim Pfarrer loswerden. Der schaut Heidi in den Mund, als inspiziere er einen Gaul, weiß aber keinen Rat. Ins Heim mit ihr oder zu einem Bauern?

 

Brummbär wird zahm

Heidi bleibt beim Großvater, langsam wird der Brummbär zahm. Der Öhi tischlert ihr einen Stuhl, richtet eine Schlafstelle ein, irgendwann zaubert ihm das Mädel ein Lächeln ins Gesicht. Ist auch nicht schwer: Mit Anuk Steffen hat der Film eine wirklich wunderbare Heidi, die man sofort lieb gewinnt.

Ein kesser Wildfang, der Fröhlichkeit ausstrahlt. Enkelin und Öhi werden Freunde, auch mit dem Geißenpeter (Quirin Agrippi) versteht Heidi sich prächtig. Sie hüten die Ziegen, sie machen Heu, das Leben ist ein Fest.

 

Fast eine Sozialreportage

Bis die Tante das Mädel quasi entführt und nach Frankfurt schleift. Bei feinen Pinkeln soll Heidi deren kränkliche Tochter (Isabelle Ottmann) aufmuntern. Arme(s) Heidi: Keine Berge, keine Freiheit, dafür strenge Etikette und Schikane durch die fiese Gouvernante. Das Alpenveilchen verkümmert in der fremden, engen Stadt. Gibt es ein Happy End für unseren Springinsfeld?

Selbst wenn die Natur bei Gsponer Idylle atmet: Mit Romantikkitsch und Alpenglühen hat er nichts am Hut. Die Bauern schuften, die Kleider sind abgerissen, die Häuser ärmlich, die Wege verschlammt. Fast schon eine Sozialreportage, die unter dem Rührstück durchschimmert. Gut so.

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