„High-Rise“ zeigt die Anarchie im Hochhaus

Im Kino

Das Filmplakat ähnelt dem Motiv zu "Clockwork Orange". Und der Vergleich ist nicht abwegig. Mit "High Rise" gelingt Ben Wheatley ein schwarzhumoriger Geniestreich, dessen visueller und inhaltlicher Reichtum an Stanley Kubrick erinnert.

04.07.2016, 15:14 Uhr / Lesedauer: 1 min
„High-Rise“ zeigt die Anarchie im Hochhaus

Architekt Royal (Jeremy Irons) thront im Penthouse der Sozialpyramide, die zum Schauplatz der Anarchie avanciert.

"High Rise", Hochhaus, basiert auf einem Roman von J.G. Ballard (1930 - 2009), visionärer SciFi-Autor mit Hang zum Dystopischen, zu negativen Zukunftsfantasien. Mit "High Rise" antwortete er 1975 auf die Bauwut einer architektonischen Moderne, die in Wohnsilos aus Beton den letzten Schrei sah.

Hellsichtig erkannte Ballard, dass Menschen, die im Bienenstock leben, tickende Zeitbomben sind, dass Ordnung und Sozialgefüge in solchen Wohnmolochs fragil sind. "High Rise" beschreibt, wie ein Hochhaus, das als wegweisendes Wohn- und Gesellschaftsmodell gefeiert wird, völlig außer Takt gerät. Chaos macht sich breit, der Mensch wird zum Tier, das Haus zum Schlachtfeld.

Kühle Funktionalität

Wheatleys Film (Drehbuch von seiner Frau Amy Jump) besticht durch radikalen Gestaltungswillen. Im Stil der 70er-Jahre ausgestattet, ist er milchig-grau und farbentsättigt fotografiert, was den Eindruck kühler Funktionalität unterstreicht, die in dem Musterhaus vorherrscht, in das Dr. Laing (Tom Hiddleston) einzieht. Laing wohnt im 25. Stock, auf halbem Weg zwischen den Quartieren für Normalverbraucher und höheren Geschossen für Privilegierte.

Das Haus ist quasi eine Sozialpyramide, oben im Penthouse mit Dachgarten thront sein Architekt (Jeremy Irons). Wer unten wohnt, wie der Filmemacher Wilder (Luke Evans) will nach oben, während die Mieter dort auf die Plebejer herabsehen.

Das Faustrecht regiert

Das Haus ist ein Klassenstaat, in dem die Hautevolee Partys im Barockkostüm feiert (Bilder wie aus Kubricks "Barry Lyndon") und das gemeine Volk über Stromausfälle klagt. Flackerndes Licht wird zum Vorboten der Anarchie. Strom und Versorgung reißen ab, Müll türmt sich auf. Der Supermarkt wird geplündert, das Faustrecht regiert. Oben gegen unten, alle gegen alle.

Dr. Laing taumelt durch einen Albtraum, der nach Apokalypse, spätrömischer Dekadenz, "Satyricon" und "Themroc" aussieht, konterkariert von feierlich pompöser Musik (Clint Mansell) und sarkastischem Humor. Eine rabiate, fast surreale Farce, eine pessimistische Studie zur Natur des Menschen. Schlau, gehaltvoll, ästhetisch aus einem Guss - ein Meisterstück!