Hinter den Kulissen eines Klinikums: Ein Tag im Bergmannsheil

BOCHUM Das Bergmannsheil ist 1890 als erste Unfallklinik der Welt gegründet worden. Bei einem Blick hinter die Krankenhaustüren stellt sich heraus, dass hier oft Hektik, aber selten Stress herscht und das an der "magischen OP- Grenze" alles gezählt wird.

von Von Claudia Picker

, 06.03.2009, 14:06 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seine Welt ist schwarz-weiß. Zumindest seine Arbeitswelt. Professor Dr. Volkmar Nicolas ist Radiologe. Bei ihm kann eine kleine Krankenhaus odyssee beginnen - wenn er auf seinen Computerbildschirm schaut.Asbesterkrankungen Denn die Computertomografie zeigt ihm, wo sich Tumore befinden, zeigt ihm Bilder erkrankter Lungen. "Asbesterkrankungen nehmen zu", sagt er. 2015 soll der "Piek" kommen, der Höhepunkt.Ehrlichkeit

Nicolas liebt seinen Beruf als Radiologe. Auch wenn er selten gute Nachrichten überbringt. Nicolas ist immer ehrlich zu seinen Patienten. Manchmal verlängert eine Operation das Leben nur um drei Monate - "wenn dadurch ein Familienvater noch einmal mit seinen Kindern in den Urlaub fahren kann, dann ist es das wert".

Zeugnis alter Tage

Seiner Diagnose folgt meist eine Operation. Dann wird aus Schwarz-weiß Grün: Im Operationstrakt des Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikums Bergmannsheil stehen moderne Geräte. Das Design der Räumlichkeiten ist eher ein Zeugnis älterer Tage. Nicht so alt wie die Klinik selbst, die 1890 als erste Unfallklinik der Welt gegründet wurde. Aber mit dem Charme vergangener Jahrzehnte ohne architektonische Höhepunkte. Wie die Kluft der Schwestern, Chirurgen und Pfleger, ist hier alles in Grün gehalten.Die magische Grenze Es ist ein besonderer Menschenschlag, der hier arbeitet. Immer mit Haube, Gummischuhen, Hemd, Hose - im OP mit Mundschutz. Es ist Schutzkleidung. Alles wird später weggeworfen oder gereinigt. "Drunter" trägt das Personal wenig. Unterwäsche aus Baumwolle schafft es hinter die "magische Grenze" - die rote Linie.Keine Hektik trotz Stress

Bis hierhin und keinen Schritt weiter. Die "Rote Linie" ist unnachgiebig. Hier beginnt der OP-Bereich - ganz ohne Hektik, trotz Stress. Im OP selbst ist es noch ruhiger. Und es stinkt. Es riecht stark verkokelt. Weil Adern mit Radiowellen verschlossen werden. Blutige Tücher wandern vom Patienten in eine Auffangschale. Alles wird gezählt. Was an Material in den OP rein geht, geht auch wieder raus. Das "Raus" markiert für den Patienten wieder eine rote Linie.Grün wird Weiß

Doch nicht nur Patienten verlassen den OP. Auch Gewebeproben. Die landen in einem neuen Abschnitt des Klinikums: in der Pathologie. Grün wird Weiß.

Verschrieen als Arbeit an Leichen, ist es entsprechend unheimlich im Keller der Pathologie. Auch, wenn alles hell und freundlich ist.

Im Sektionsraum schlägt einem ein beißender Gestank entgegen. Desinfektionsmittel. "Man gewöhnt sich daran." - Professor Dr. Andrea Tannapfel ist Direktorin des Instituts. Die Arbeit an Toten muss sein. Zur Qualitätssicherung, zur Aufklärung. Auf einem Tisch stehen Gläser mit Gewebeproben wie Einmachgläser im Vorratsschrank. Die Toten sind hinter Metalltüren verborgen. Es ist kalt, man möchte weg.

Gutartig oder bösartig

Farbige Erkenntnisse gibt es im Büro. Dort, wo Andrea Tannapfel ihrer Hauptbeschäftigung nachgeht: der Diagnostik. Ein Blick durchs Mikroskop und sie weiß Bescheid. Gutartiges oder bösartiges Gewebe - die Bilder hat sie im Kopf. Ihre Bildschirme stellen sie vergrößert dar: in lila-rosa.

Der Patient bekommt davon nichts mit. Er liegt auf seiner weiß-gelben Station. Vielleicht bei Schwester Ursula Funke. Sie hat vor 40 Jahren noch die Klinik-eigene Streifenkluft an die Patienten ausgeteilt. In weiß-blau. Vorher schickte sie die "schwarzen" Bergarbeiter ins Bad.

Das hat sich geändert: Die Behandlung erfolgt vor dem Duschen, die Kluft ist Vergangenheit. Und es gibt ein Café Memory. "Demenzkranke beruhigen sich hier", sagt Funke. Die braunen Möbel wecken Erinnerungen - es ist fast wie Zuhause.