Hinter den Patienten brannte die komplette Station

Erinnerungen an die Brandnacht

Vor gut einem Monat brach in einem Bettenhaus der Bochumer Klinik Bergmannsheil ein verheerendes Feuer aus. Die dramatischen Ereignisse dieser Nacht erschüttern noch immer und haben eine Debatte um den Brandschutz in Kliniken ausgelöst. Zwei Menschen sterben, weitere werden verletzt. Wir erinnern noch einmal an die folgenschwere Katastrophe.

BOCHUM

, 04.11.2016, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Hinter den Patienten brannte die komplette Station

Dirk Stein hat das Feuer auf Stadtion 1.6 im Bochumer Bergmannsheil unmittelbar miterlebt. Er konnte sich auf den Balkon retten.

Als Dirk Stein in dieser Nacht aufwacht, ist es laut auf der Station 1.6. im Bochumer Bergmannsheil. Der Waltroper ist irritiert, sein Zimmer voller Rauch. Er kann nicht laufen, sein Bein ist geschient, dennoch schafft er es irgendwie bis auf den Flur. Doch dort sieht er gar nichts mehr. Ruft in Angst die Polizei an.

„Ich wollte wissen, was da los ist“, erzählt Dirk Stein einige Stunden später. Am Telefon erfährt er, dass es brennt. Auf seiner Station 1.6., auf der Patienten mit Wundinfektionen behandelt werden. Dirk Stein hört, dass er Fenster und Türen schließen soll, im Zimmer bleiben. „Doch das ging nicht mehr.“ Stein und sein Zimmernachbar retten sich auf den Balkon in der sechsten Etage des Krankenhauses. Hinter ihnen brennt die komplette Station, Flammen schlagen aus Fenstern. Das Feuer breitet sich rasend schnell aus. Menschen stehen auf Balkonen, schreien um Hilfe. Verzweifelte Patienten knoten Bettlaken aneinander, um sich abzuseilen. Für Dirk Stein kommt das nicht in Frage. Er kann noch nicht mal laufen, sitzt im Rollstuhl auf dem Balkon. Zwei Stunden lang.

 

Die Situation bringt auch die Retter an ihre Grenzen, berichtet Branddirektor Gottfried Wingler-Scholz später. „Stellen Sie sich das mal vor, da stehen drei Menschen am Fenster, Flammen sind zu sehen und sie müssen sich fragen: Wen rette ich zuerst?“ Mit Hilfe einer Drehleiter werden zwei Menschen gerettet, darunter der Zimmernachbar von Dirk Stein. Der Waltroper selbst wird im Rollstuhl durch das Treppenhaus gehievt, das zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr so verraucht war.

Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte packen mit an

Nicht Feuerwehrleute sind es, die Stein tragen. „Es war das Personal, auch ein Arzt war dabei“, erzählt Stein. Alle Ärzte und das komplette Pflegepersonal sind in der Nacht zur Klinik geeilt. Gemeinsam mit der Feuerwehr tragen sie 122 Patienten durch die Treppenhäuser nach unten. Unzählige Stufen, die Wehrleute unter 40 Kilo schwerem Atemschutz. „Insgesamt laufen sie mit 120 Kilo die Stockwerke hoch und dann noch mit den Patienten hinunter“, schildert Wingler-Scholz. Die Wehrleute, aber auch die Pfleger und all die anderen Retter riskieren dabei viel. Wie lange die Alarmierung gedauert hat? Wie sah das Brandschutzkonzept aus? Hätte die Rettung schneller gehen können? Warum waren es zwei Stunden, die Dirk Stein und die anderen Menschen auf dem Balkon verbringen mussten? Was war die Brandursache? Diese Fragen müssen angesichts des noch laufenden Mammut-Einsatzes warten.

Hilfe aus der Bevölkerung

Bis kurz vor 9 Uhr starten und landen Hubschrauber auf dem Dach der Universitätsklinik, vier Patienten werden in Spezialkliniken gebracht. NRW-Innenminister Ralf Jäger macht sich vor Ort selbst ein Bild von der Katastrophe. Und noch immer melden sich Bochumer bei der Stadtverwaltung, bieten Hilfe an, Decken, Brote, irgendetwas. Die Hilfsbereitschaft ist riesig. Anwohner versorgen am Morgen die Einsatzkräfte mit Broten und Kaffee, können selbst nicht zur Arbeit fahren, weil die Zufahrtsstraßen abgeriegelt sind. Dutzende Wehrleute sitzen völlig erschöpft auf dem Boden, trinken Kaffee und verarbeiten die Erlebnisse der Nacht. Die meisten schweigen. Die Bettlaken hängen da immer noch am Balkon. 

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Großbrand Bergmannsheil: Der Morgen danach

Der Morgen danach - bei Tageslicht wird die Zerstörung, die der Großbrand im Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum hinterlassen hat, noch deutlicher.
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Bei dem Brand im Bochumer Universitätsklinikum Bergmannsheil starben zwei Menschen, die oberen Etagen des Bettenhauses1 brannten komplett aus. © Foto: dpa
Krankenhauspersonal und Feuerwehrleute sehen vor dem Krankenhaus.© Foto: dpa
Die Luftaufnahme zeigt das ganze Ausmaß des Brandes.© Foto: dpa
Feuer im Uniklinikum Bergmansheil in Bochum.© Foto: dpa
Das Dach des Bettenhauses I© Foto: dpa
Feuerwehrleute sind im Einsatz auf dem ausgebrannten Dachstuhl des Bettenhauses 1.© Foto: dpa
Ein Ermittler der Spurensicherung der Kriminalpolizei fotografiert zur Beweissicherung.© Foto: dpa
Ein Feuerwehrmann wirft von einer Drehleiter eine Dachziegel in den ausgebrannten Dachstuhl des Bettenhauses 1 der Klinik Bergmannsheil zurück.© Foto: dpa
Ein Feuerwehrmann begutachtet die geschmolzene Fassade des Bettenhauses I des Bergmannsheil. © Foto: dpa
Einsatzkräfte der Feuerwehr löschen die Glutnester im Bettenhaus I das Bochumer Klinikums Bergmannsheil.© Foto: dpa
Flammen schlagen am Morgen noch immer wieder aus dem Dachstuhl.© Foto: dpa
Zusammengeknotete Bettlaken hängen an einem Balkongeländer des Bettenhauses 1. Eine Person hatte versucht, sich über den Balkon zu retten, wurde dann aber von der Feuerwehr evakuiert.© Foto: dpa
Zusammengeknotete Bettlaken dokumentieren die dramatischen Szenen in der Nacht.© Foto: dpa
Der ärztliche Direktor der Universitätsklinik Bergmannsheil, Professor Thomas Schildhauer bei eine Pressekonferenz am Morgen nach dem Brand.© Foto: dpa
Die oberen Stockwerke des Bettenhauses sind völlig ausgebrannt. © Federico Gambarini (dpa)
Feuerwehrleute im Einsatz am Bergmannsheil.© Marcel Kusch (dpa)
Der Oberbürgermeister von Bochum, Thomas Eiskirch (SPD), während der Pressekonferenz.© Bernd Thissen (dpa)
Polizei, Feuerwehrleute, Spurensicherungsteam: Auch am Morgen danach sind die Einsatzkräfte noch mit einem Großaufgebot am Bochumer Bergmannsheil. © Foto: dpa
Bei Tageslicht wird deutlich, was die Nacht noch verbarg: Die oberen Stockwerke des Universitätsklinikums Bergmannsheil sind nach dem Großbrand völlig zerstört. © Foto: dpa
Mehr als 200 Feuerwehrleute waren die halbe Nacht und am Morgen im Einsatz. Es dauerte Stunden, die Flammen halbwegs unter Kontrolle zu bringen. © Foto: dpa
Die Hitze war so stark, dass Fenster und Möbel geschmolzen sind. © Foto: dpa
Ein Ermittler der Spurensicherung dokumentiert die Zerstörung. Noch ist unklar, wie das verheerende Feuer ausbrechen konnte. © Foto: dpa
Ein Chaos aus Dachziegeln, Fenster- und Mauerresten: So sehen die Obergeschosse des Bergmannsheil nach dem Großbrand aus. © Foto: dpa
NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) eilte am frühen Morgen nach Bochum. Er sprach früh von einem Bettenlager in der der Nähe des Zimmers, in dem das Feuer ausgebrochen ist. Das könne dazu beigetragen haben, dass der Brand sich so schnell ausgebreitet hat, mutmaßte der Minister.© Foto: dpa
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Wenige Tage nach dem Feuer bestätigen die Ermittler, dass sich eine 69 Jahre alte Patientin in Suizidabsicht mit einem brennbaren Desinfektionsmittel übergossen und angezündet habe. Gerüchte darüber, gab es schon am Morgen nach dem Brand. Sie und ein andere Patient im Nachbarzimmer, ein 41-jähriger Mann aus Marl, sterben.

Auf Brandstiftung in Kliniken seien die in den Bauvorschriften vorgesehenen Sicherheitsvorkehrungen nicht ausgerichtet, erklärt NRW-Bauminister Michael Groschek (SPD) bereits zwei Tage nach dem Feuer. Inzwischen ist klar, dass die Zimmer im Bettenhaus nicht über Brandmelder verfügten. Das Brandschutzkonzept für dieses Gebäude der Universitätsklinik sah keine flächendeckende Brandmeldeanlage vor, sondern nur die Überwachung der Fluchtwege und Stationen. Am Donnerstag kündigt das Bauministerium an, dass man Gespräche führen werde, ob "zusätzlicher Regelungen der baulichen Voraussetzungen für Patientenzimmer" notwendig seien. Bevor die Landesregierung Konsequenzen aus der Bochumer Brandkatastrophe ziehen will, soll das Ergebnis der staatsanwaltlichen Ermittlungen abgewartet werden.

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Großbrand im Bergmannsheil

Ein Feuer ist in der Nacht zum 30. September im Bochumer Bergmannsheil ausgebrochen. Mindestens zwei Menschen starben, 15 Patienten wurden durch das Feuer verletzt.
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Das Feuer zerstörte den Dachstuhl und die oberen Etagen des Bergmannsheil-Krankenhauses in Bochum.© Foto: dpa
Das Feuer zerstörte den Dachstuhl und die oberen Etagen des Bergmannsheil-Krankenhauses in Bochum.© Foto: dpa
Das Feuer zerstörte den Dachstuhl und die oberen Etagen des Bergmannsheil-Krankenhauses in Bochum.© Foto: dpa
Das Feuer zerstörte den Dachstuhl und die oberen Etagen des Bergmannsheil-Krankenhauses in Bochum.© Foto: dpa
200 Feuerleute sind am im Bochumer Bergmannsheil im Einsatz.© Foto: dpa
Mehrere Stockwerke mussten evakuiert werden.© Foto: dpa
Das Feuer zerstörte den Dachstuhl des Universitätskrankenhauses.© Foto: dpa
Die Flammen waren weithin sichtbar.© Foto: dpa
Mehrere Stockwerke mussten evakuiert werden.© Foto: dpa
Mehrere Stockwerke mussten evakuiert werden.© Foto: dpa
Die Flammen waren weithin sichtbar.© Foto: dpa
Die Flammen waren weithin sichtbar.© Foto: dpa
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