Hommage an die Halbstarken

Die Beatniks kommen ins Rentenalter - und werden damit zu einer interessanten Zielgruppe für die Stadttheater. Was liegt also näher, als ihren wilden Jugendjahren endlich mal eine abendfüllende Hommage zu widmen.

CASTROP-RAUXEL

, 11.06.2017 / Lesedauer: 3 min
Hommage an die Halbstarken

Maximilian von Ullardt rockt als Alice Cooper den Beat-Club (rechts: Franziska Ferrari).

Das Westfälische Landestheater (WLT) in Castrop-Rauxel hat sich nun der Beat-Generation angenommen, genauer: der Fernsehsendung, die als Initialzündung der deutschen Beat-Szene gilt, dem "Beat-Club" von Radio Bremen.

Als der Ende September 1965 zum ersten Mal auf Sendung ging, war Tankred Schleinschock (Jahrgang 1959) immerhin schon in der Grundschule. Wer könnte also besser das damalige Lebensgefühl der nach dem Krieg Geborenen nachzeichnen als der musikalische Leiter des WLT.

Mit einem Beat-Sextett und sieben Mitgliedern des Schauspielensembles lässt er die Highlights aus gut sieben Jahren und 83 Folgen als Schlagerrevue wieder auferstehen. Beim "Bühne raus"-Open-Air-Wochenende gab es nun die ersten drei Aufführungen im denkmalgeschützten Parkbad Süd in Castrop-Rauxel - und damit wohl einen Vorgeschmack auf den sicheren Kassenschlager der kommenden Saison.

Weltstars für 600 D-Mark

Mit der Wildheit der Jugend war es 1965 übrigens nicht allzu weit her. "Halbstark", sangen die Bremer "Yankees" zum Auftakt des "Beat-Clubs" - zum ersten und letzten Mal einen Song auf Deutsch - und das Publikum tanzte schüchtern im Sonntagsanzug. Das ändert sich allerdings zusehends bis zu den schrillen Auftritten von The Who oder Alice Cooper, mit denen der Abend auf seinen Höhepunkt zusteuert.

Wer den "Beat-Club" nur noch als ungelenkes Relikt früher deutscher Fernsehgeschichte erinnert, kann sich nur wundern, welche Weltstars für 600 D-Mark Gage tatsächlich dort aufgetreten sind: unter anderen Jethrow Tull, Jimmy Hendrix und die Rolling Stones.

Allerdings auch eine damals in Deutschland sehr erfolgreiche Formation aus direkter Nachbarschaft: Die "German Blue Flames" aus Gelsenkirchen. Zwei von ihnen sind samt ehemaligem Manager zur WLT-Premiere gekommen.

Ensemble gibt alles

Die WLT-Produktion kommt ohne sonderlich viel gesprochenen Text aus. Kleine Szenen mit Anekdoten um im Urlaub abhanden gekommene Bandmitglieder, Fanpost und Beschwerdebriefen oder die bescheidenen Begabungen von "Ansagerin" Uschi Nerke bilden den dramaturgischen Rahmen für die vielen Hits, die Tankred Schleinschock als Regisseur, Barbara Manegold als Choreografin und Elke König als Ausstatterin mit viel Humor und Liebe zum Detail auf die Bühne bringen.

Dass die Premiere das Publikum am Ende tatsächlich von den Sitzen riss, liegt allerdings auch an einem Ensemble, das buchstäblich alles gibt, damit die Show gelingt. Das WLT verfügt über erstaunliche Rock- und Pop-Talente in den Reihen seiner Schauspieler mit guten Stimmen und zum Teil glänzenden Fähigkeiten an der Solo-Gitarre.