Hygiene-Horror Stromsperre: Chef stellt Mitarbeiter (35) aus Angst vor Coronavirus frei

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Stromsperren sind immer leidig – in Zeiten des um sich greifenden Coronavirus aber nicht mehr nur ein Problem zwischen Verbraucher und Versorger. Die Geschichte eines Mannes, der Zuhause im Dunkeln sitzt – und deshalb von seinem Chef freigestellt wurde, weil der sich um die Hygiene in seinem Betrieb sorgt.

Kreis Unna

, 01.04.2020, 18:43 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit Monaten im Rückstand, Post vom Energieversorger einfach nicht mehr geöffnet – das führte bei einem 35-jährigen Mann aus Bönen bereits im vergangenen Jahr unweigerlich zur Stromsperre. 1100 Euro hat er nach eigenen Angaben bei den Gemeinschaftsstadtwerken (GSW) Berkamen, Kamen und Bönen auf dem Deckel. Weil die GSW nicht an ihr Geld gekommen sind, zog der kommunale Energieversorger sein letztes Mittel. Seitdem sitzt der Bönener buchstäblich im Dunkeln.

Was freilich schon in normalen Zeiten irgendwie problematisch anmutet, ist es jetzt, inmitten der Corona-Krise, ganz sicher. Hygiene braucht Strom. Für die Waschmaschine sowieso, für warmes Wasser auch.

„Der kann nicht waschen, nicht richtig duschen – das geht doch nicht in Zeiten, wo ganz Deutschland über Hygiene spricht.“
Siegfried Mickler

Der Arbeitgeber des 35-Jährigen hat deshalb Konsequenzen gezogen. „Ich kann den nicht mehr arbeiten lassen“, sagt Siegfried Mickler, Geschäftsführer einer Firma für Sicherheits- und Brandmeldesystem. Was hart klingt, ist wohl gar nicht so gemeint: Jedenfalls beteuert er, einen Vermittlungsversuch mit dem Energieversorger unternommen zu haben, sogar Ordnungsamt und Gesundheitsbehörde habe er versucht, für den Fall zu gewinnen. „Der kann nicht waschen, nicht richtig duschen – das geht doch nicht in Zeiten, wo ganz Deutschland über Hygiene spricht.“

Härtefälle: GSW signalisiert Gesprächsbereitschaft

GSW-Geschäftsführer Jochen Baudrexl spricht von einem Härtefall, will mit Verweis auf den Datenschutz nicht detailliert auf den Fall des Böneners eingehen. Er betont jedoch zweierlei: „In Corona-Zeiten verhängen wir keine Stromsperren.“ Und weiter stellt er Gesprächsbereitschaft in Aussicht: „Wenn es solche Härtefälle gibt und die Betroffenen aktiv auf uns zugehen, dann würden wir in dieser Krisensituation natürlich auch entsperren“, so Baudrexl.

„Es muss nicht zu Stromsperren kommen.“
GSW-Geschäftsführer Jochen Baudrexl

Eine Stromsperre ist ein standarisiertes Verfahren, Mahnungen und eine konkrete Androhung der Sperre gehen vorweg. „Es muss nicht zu Stromsperren kommen“, betont der GSW-Chef, dass „wir als kommunaler Energieversorger wirklich sehr großzügig sind, was beispielsweise Vereinbarungen von Ratenzahlungen angeht“. Wer sich allerdings gar nicht rühre, der müsse in letzter Konsequenz eben mit einer Stromsperre rechnen. Und dann ist die Kompromissbereitschaft der GSW üblicherweise auch aufgebraucht. Baudrexl: „Dann legen wir normalerweise Wert darauf, dass der Zahlungsrückstand beglichen wird.“ Deshalb sei seine dringende Empfehlung an alle Verbraucher: „Lasst es nicht so weit kommen, wir geben uns auch mit kleinen Raten zufrieden – solange die dann auch gezahlt werden.“

61 aktive Stromsperren im GSW-Versorgungsgebiet

61 Stromsperren zählen die GSW derzeit in ihrem Versorgungsgebiet – keine davon aus diesem Jahr, einige dafür schon sehr weit aus dem Vorjahr. Weil teilweise überhaupt nicht klar sie, ob derlei Wohnungen noch bewohnt seien, könne auch die Corona-Krise kein Anlass sein, proaktiv alle Sperren aufzuheben. „Melden sich solche Härtefälle bei uns, werden wir auch eine Lösung finden“, verspricht Baudrexl.

Bönener bekommt jetzt Hilfe eines Schuldenberaters

Die Schulden würden damit freilich auch dem Mann aus Bönen nicht erlassen. Dessen Chef Siegfried Mickler aber berichtet, dass sein Mitarbeiter jetzt Hilfe bekommt: Wer nicht mal mehr Post aus Angst vor neuen Rechnungen öffnet, braucht die auch – und zwar in Form eines professionellen Schuldenberaters.

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