Identitäten, wo man hinschaut

Lehmbruck-Museum

Wie entsteht Identität und wie verändert sie sich? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die kalifornische Künstlerin Lynn Hershman Leeson seit den 60er-Jahren. Das Lehmbruck-Museum Duisburg zeigt die Schau "Liquid Identities - Lynn Hershman Leeson" zum Thema Identität im 21. Jahrhundert.

DUISBURG

, 08.03.2016, 15:05 Uhr / Lesedauer: 2 min
Identitäten, wo man hinschaut

Lynn Hershman Leeson Liquid Identities im Lehmbruck Museum Duisburg

Man habe für die neue Ausstellung einen neuen Raum, fast schon ein Apartment gebaut, erklärt die Direktorin des Lehmbruck-Museums Söke Dinkla. Ausgestattet ist der Raum mit Performances, Fotografien, Skulpturen und interaktiven, netzbasierten Arbeiten, die in den vergangenen fünf Jahrzehnten entstanden sind, und zeigen, wie sich unsere Vorstellung von Identität im Laufe der Zeit verändert hat.

Das transformative Ich

"Liquid Identities" ("Flüssige Identitäten") setzt auf stetige Veränderung. "Man weiß inzwischen aus der Identitätsforschung, dass es kein stabiles Ich gibt", erklärt Museums-Volontärin Ronja Friedrichs, "sondern eines, das als fluid und transformativ verstanden wird".

Heute geben neue Darstellungsformen und Kommunikationswege im Internet den Menschen die Möglichkeit, in immer neue Rollen zu schlüpfen, neue Identitäten zu erschaffen. Identität beschäftigt sich also auch mit der Frage: Was ist wirklich, und was fiktiv? "Dabei ersetzen technische Elemente Körperteile, künstliche Intelligenzen kommunizieren mit den Besuchern und die Auswirkungen von Genanalyse und Genmanipulation auf unsere Identität wird verhandelt", erklärt Friedrichs.

Schaffen in kunsthistorischem Kontext

In Zusammenarbeit mit dem ZKM, dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie, habe es das Lehmbruck-Museum nun geschafft, das Schaffen Hershman Leesons in einen kunsthistorischen Kontext zu bringen und ihr Wirken in einen Dialog mit ausgewählten Arbeiten anderer Künstler wie Cindy Sherman, Sophie Calle, Laurie Simmons, Paul Thek und Aram Bartholl zu setzen. "Lynn Hershman Leeson hat in den vergangenen 50 Jahren Kunstgeschichte geschrieben", erklärt die Museumsdirektorin.

Ein Projekt zur Identitätsstudie geht auf die Jahre 1974 bis 1978 zurück. Damals entwarf Hershman Leeson die fiktive Person Roberta Breitmore. Die Transformation beschränkte sich nicht nur auf ein verändertes Äußerliches, sondern auch auf das Kreieren einer eigenständigen Persönlichkeit.

Überwachung, Weiblichkeit und Sexualität

"Lynn Hershman Leeson lebte als Roberta, und hat als diese eine Wohnung bezogen und ein Konto eröffnet - dabei wurde sie immer von einem Paparazzo verfolgt", sagt Söke Dinkla. Die Performance sei so lange ein Werk gewesen, wie es nicht als solches enttarnt worden war. Dabei hat sich die 74-Jährige mit Themen wie Überwachung, Weiblichkeit und weiblicher Sexualität auseinadergesetzt. Dass die Kalifornierin Medien als Mittel zum Ausdruck entdeckte, habe auch daran gelegen, dass diese noch nicht von ihren männlichen Kollegen dominiert worden waren.

In ihren jüngsten Werken arbeitet die Künstlerin mit Medien der Massenkommunikation wie Smartphones, und untersucht jüngste wissenschaftliche Entwicklungen aus der regenerativen Medizin und der Genforschung. Neben der "Künstlichen Intelligenz" erhält auch das "Künstliche Leben" eine Gewichtung in ihrer Arbeit. Hershman Leeson: "Das Problem daran heutzutage Mensch zu sein, ist, dass die Zukunft unserer Spezies gerade in einem harten Kampf mit der Evolution ausgefochten wird. Mit unserem Eintritt in das Zeitalter genetischer Mutation stehen das Wesen und die Identität unserer DNA und unserer Menschlichkeit selbst auf dem Spiel."

Lehmbruck-Museum Duisburg: "Liquid Identities - Lynn Hershman Leeson", bis 5.6, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, Di-Fr 12 bis 17 Uhr, Sa/So 11 bis 17 Uhr, mit umfassendem Begleitprogramm.