Im Anflug auf den Mars

Thomas Ruffs Weltraumbilder

MÜNSTER In dieser Ausstellung ist nichts so, wie es scheint. Das geht schon damit los, dass Thomas Ruff als berühmter „Fotokünstler“ angekündigt wird, obwohl er fast nichts fotografiert hat.

22.09.2011, 19:37 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der 53-jährige Düsseldorfer lädt die Bilder herunter und verwandelt sie teils auf atemberaubende Weise. Zum Beispiel den Mars: Die Nasa-Fotos von der Oberfläche des roten Planeten sind eigentlich nur schwarzweiß und in senkrechtem Winkel von oben aufgenommen. Ruff hat die riesigen Dateien im Computer so umgerechnet, dass der Betrachter nun leicht schräg auf Wüsten und Krater blickt, als säße er in einem Flugzeug und setzte zur Landung an. Außerdem hat Ruff den Mars koloriert, sich dabei aber weitgehend an die Angaben der Nasa gehalten. Der Planet erinnert an die Sahara, wenngleich die durch ihre Atmosphäre geschützte Erde zum Glück nicht so viele Meteoritenkrater aufweist. Wirkt dieser Anflug auf den Mars wie ein realistischer Zeitsprung ins Jahr 2050, geht Ruff bei den Saturn-Fotos der Cassini-Sonde andere Wege. Der Saturn ist ein Gas-Planet, er hat keine steinerne Oberfläche wie die Erde oder der Mars, sondern ist von perfekt gleichförmigen Nebelschichten umhüllt und von ebenso makellos schönen Ringen eingeschlossen. Diese konturenlose Welt gleicht ohnehin einem abstrakten Gemälde, und Ruff hat sie in satte Farben getaucht: Blau, Violett, Gold, Orange. „Es ist eine Science-Fiction-Welt, wie wir sie aus Fernsehserien kennen“, sagt Kuratorin Melanie Bono. Tatsächlich erinnern die Cassini-Bilder ein bisschen an die Kulissen von „Raumschiff Enterprise“: Aus dem lila Farbmeer könnte problemlos eine Göttin Aphrodite im 1960er-Jahre-Kleid auftauchen, um mit Captain Kirk und Mr. Spock herumzuflirten. Sechs Fotos der Cassini-Serie hat das Landesmuseum für insgesamt 100 000 Euro erworben, sie sollen ab 2014 im Museumsneubau einen Ehrenplatz erhalten.

In seiner Serie „Sterne“ hat Ruff nichts mehr verändert. Es sind wissenschaftliche Aufnahmen des Nachthimmels, von einem gigantischen Teleskop mit zweistündiger Belichtung eingefangen. Ruff hat sie gekauft und zeigt sie in monumentalen Hochformaten. Zwischen tausenden von Sternen wirbelt eine Nachbargalaxie der Milchstraße durchs Bild. Ihre Spiralarme wirken niedlich wie ein kleines Windrad. Sie passt mühelos in unsere Pupille. Und doch hat das Licht seit Jesu Geburt erst ein Fünfzigstel ihres Durchmessers durchströmt. Die kleine Galaxie ist ein Bild aus einer Millionen Jahre entfernten Vergangenheit. Man kann diskutieren, ob die Präsentation von Teleskop-Fotos überhaupt ein künstlerischer Akt ist – aber unzweifelhaft ist das Universum selbst ein Kunstwerk. Thomas Ruff hat auf Zweifel am Kunst-Charakter seiner Internet-Fotos übrigens eine entwaffnende Antwort parat: „Ich habe an einer Kunstakademie studiert, also bin ich ein Künstler.“ Wer wollte dieses Theorem widerlegen?