Im Film "360" dreht sich die Geschichte im Kreis

Kino nach Schnitzler

Fernando Meirelles, der mit "City of God" und "Der ewige Gärtner" zwei brillante Filme vorgelegt hat, versucht sich mit "360" an einer modernen Version von Arthur Schnitzlers "Reigen" .

von Von Klaus-Peter Heß

, 17.08.2012, 16:55 Uhr / Lesedauer: 1 min
Kleine Episoden über große Gefühle. Da dürfen Jude Law (r.) und Moritz Bleibtreu nicht fehlen.

Kleine Episoden über große Gefühle. Da dürfen Jude Law (r.) und Moritz Bleibtreu nicht fehlen.

Dass der brasilianische Regisseur damit nicht den Skandal erzeugt, wie sein Vorbild mit dem 1903 veröffentlichten und 1920 zum ersten Mal öffentlich gespielten Theaterstück, ist zu verkraften. Nicht aber die brave, behäbige, fast leidenschaftslose Herangehensweise an Themen wie Hoffnung, Sehnsucht, Enttäuschung, Vereinsamung, Verlangen nach Liebe und Lust an sexueller Macht.

Freier unter Druck Eine inhaltliche Irritation gleich zu Beginn. Auslöser des Szenen-Reigens ist eine Erpressung. Ein Geschäftsmann (Jude Law) hat eine Prostituierte in ein Wiener Hotel bestellt. Ein Kollege (Moritz Bleibtreu) bemerkt die wartende Liebesdienerin, zieht Rückschlüsse und setzt den verheirateten Freier unter Druck, obwohl der sich zuvor ohne Kontakt zu dieser Frau bereits treuherzig aus der Affäre gezogen hat.

Schwacher Einstand

Ein schwach motivierter Einstand. Erpressung geht anders - da kann Bleibtreu noch so verschlagen dreinschauen. Im Laufe der weiteren Handlung werden uns diese Figuren immer wieder begegnen. Neue treten auf, alte treten ab. Irgendwie hat jeder mit jedem zu tun. Die Wege kreuzen sich, die Schicksale sind von unsichtbarer Hand miteinander verwoben worden.

Keine Schlusspointe

"360" bedeutet Rotation: die Geschichte dreht sich im Kreis und fast um die ganze Welt. Schicke Kamera, schicker Bild- und Ton-Schnitt, schicker Soundtrack als Off-Kommentar. Ein bisschen zu viel Schick.

Die Handlung (Drehbuch: Peter Morgan) plätschert indes vor sich hin. Selbst die Schlusspointe zündet nicht. Sie offenbart nur den Zwang, unter dem Meirelles zum Ende kommen musste. Bloß ein einziges Mal kommt Spannung auf: als ein Sexualstraftäter zum ersten Mal seinen Trieb besiegt. In dieser herausragenden Szene steckt mehr Schnitzler als im ganzen Rest.

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