Im Interview: Christoph Schlingensief hat die Vorhölle überlebt

DUISBURG Regisseur Christoph Schlingensief (47) meldet sich zurück. Bei der RuhrTriennale stellt er ein "Fluxus-Oratorium" mit dem Titel "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" vor. Premiere ist am 21. September in Duisburg. Darüber hat er im Interview gesprochen - und über seine erfolgreich behandelte Krebserkrankung.

von Von Wilfried Mommert, dpa

, 04.09.2008, 16:41 Uhr / Lesedauer: 3 min
Zum ersten Mal hat Christoph Schlingensief über seine gerade überstandene Lungenkrebserkrankung gesprochen.

Zum ersten Mal hat Christoph Schlingensief über seine gerade überstandene Lungenkrebserkrankung gesprochen.

Sie bauen in der Duisburger Halle die Kirche Ihrer Kindheit in Oberhausen nach. "Kirche der Angst" war auch schon ein früheres Projekt von Ihnen. Ist das jetzt die Fortsetzung und mit welchem Ziel? Schlingensief: Es ist mir ein altvertrautes Gelände, wo ich auch schon 1990 "Das deutsche Kettensägenmassaker" gedreht habe. Aber ich präsentiere nicht meine Memoiren auf der Bühne, sondern kehre mit dieser Arbeit an den Altar zurück, an dem ich als sechsjähriger Messdiener gescheitert bin. Es ist also die Rekonstruktion der ersten Angst, wenn man so will. Und ich will auch wissen, ob ich mit meiner Krebserkrankung nochmal gescheitert bin oder Scheitern, wie ich früher gerne gesagt habe, eben auch eine Chance bedeutet. Zum Beispiel für einen Neuanfang. Ich fange sozusagen das Spiel noch einmal an. Es macht mir große Freude wieder zu arbeiten, und ich habe eine große Lebensfreude, auch wenn mich noch immer sehr viele Dinge bedrängen und viele Fragen an Gott, ans Leben, an das Leidwesen unseres Menschsein entstanden sind, die ich mir sonst nie gestellt hätte.

Haben Sie heute also andere Ängste als früher und ist die "Kirche der Angst" heute eine andere für Sie? Schlingensief: Die "Kirche der Angst" entstand zur Zeit der New Yorker Terroranschläge vom 11. September 2001, wo jeder jeden verdächtigt hat. Hier auf der RuhrTriennale geht es um viel individuellere Fragen. Eine ganz persönliche Angstkirche. Eine Weiterentwicklung des Gottesdienstes, wo nicht mehr nur noch nachgebetet wird und jede persönliche Haftung ausgespart bleibt. Ich lebe wie alle Menschen in meiner eigenen Angst, die niemand nachempfinden kann und ich habe eine große Angst vor der Welt, die ich aber gleichzeitig auch liebe.

Ihr Leben hat sich aber stark verändert, Ihre Einstellung zum Leben? Schlingensief: Natürlich, ich musste ja erst einmal lernen, mit so einer Krankheit umzugehen. Ich war ja praktisch mit meiner Arbeit bis dahin quasi in einem Hochgeschwindigkeitsrausch und wurde plötzlich angehalten, mit einem Fleck auf einem Röntgenbild. Man kann es erst einmal nicht fassen und denkt an Tuberkulose oder Lungenentzündung oder eine Pilzinfektion aus dem brasilianischen Urwald, wo ich im vergangenen Jahr auch gearbeitet habe. Da knallt es plötzlich im Leben und alle Sicherungsmaßnahmen sind erstmal außer Kraft gesetzt, auch das Verhältnis zu mir und darüber hinaus zu meinen Freunden, meiner Lebensgefährtin, meinem verstorbenen Vater und meiner kränkelnden Mutter. (...) Und dann die Diagnose, Lungenkrebs, es ist kein Raucherkrebs, ich gelte als Nichtraucher und auch in der Familie kein Lungenkrebs. Es nennt sich Adenokarzinom. Basta. Das ist alles. Weitere Daten des unwillkommenen Schmarotzers gab es nicht.

Wie hat der Katholik Schlingensief das verarbeitet? Schlingensief: Da tauchte wieder die alte Angst des sechsjährigen Messdieners vor dem Altar auf mit der Frage "Was habe ich denn falsch gemacht?" Man sucht als Christ und erst recht als Katholik die Schuld doch zuerst bei sich selbst, Krankheit als Bestrafung. (...)Ich konnte nie im Leben sagen, ob ich ein guter oder ein böser Mensch bin, das weiß ich immer noch nicht, das ist mir auch durch die Krankheit nicht klarer geworden.

Da kann auch die Kirche nicht helfen? Schlingensief: Ich bin als Christ erzogen worden, aber Gott und auch Jesus waren mir immer wieder fremd, und die Kirche viel zu seicht, viel zu weinerlich, ein Riesenproblem. Ich kann mit dem katholischen Kram eigentlich nicht mehr im angelernten Sinne umgehen, auch wenn mir der Katholizismus noch immer näher ist, er ist greifbarer, archaischer, unangenehmer, er stinkt und fasziniert mehr als mancher Calvinismus oder trockengelegte Sektenkram. Aber wenn ich das große Leid auf der ganzen Welt und in vielen persönlichen Tragödien auf den Stationen oder Chemo- und Strahlen-Wartezimmern sehe, dann geht mir das jetzt noch stärker unter die Haut, so stark, dass ich dadurch meine zunächst lebensbedrohende Erkrankung relativieren konnte. Es gibt immer Schlimmeres, aber was ich erlebt habe, kam mir wie eine Art Vorhölle vor, und ich hoffe, dass mir das im Fegefeuer angerechnet wird, auch wenn der Papst da anderen Unfug verbreitet.

Kann die Kunst eine Rettung sein wie die Religion? Schlingensief: Vielleicht ist Gott doch ein gescheiterter Künstler. Wenn ich jetzt etwas länger hinschaue, Gefühle nicht mehr nur oberflächlich abperlen lasse, dann frage ich mich, ob ein Schöpfer wie Gott als Künstler versagt hat. Sein Werk ist unvollkommen, es gammelt vor sich hin. Gott hat aufgegeben. Er will nicht mehr korrigieren. Die Kunst aber akzeptiert das Scheitern, und genau da hilft sie Gott. Der gescheiterte Künstler Gott bekommt Hilfe! Die Kunst wird zur Religion. Ich bin nicht Gott und Gott kann nicht malen! Gott sei Dank! Und trotzdem habe ich Angst so etwas zu denken.

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