Impfstoffexperte zur Herdenimmunität: „Ich glaube nicht, dass 2021 genug Menschen geimpft werden“

Coronavirus

An einem Corona-Impfstoff wird mit Hochdruck geforscht und gibt Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität. Doch wie geht es weiter, wenn ein Impfstoff da ist?

Berlin

06.11.2020, 19:05 Uhr / Lesedauer: 3 min
Das erhoffte Ziel eines Corona-Impfstoffs ist eine künstlich hergestellte Herdenimmunität.

Das erhoffte Ziel eines Corona-Impfstoffs ist eine künstlich hergestellte Herdenimmunität. © picture alliance/dpa

Der Ständigen Impfkommission, kurz Stiko, kommt in Zeiten der Coronavirus-Pandemie eine besondere Verantwortung zu. Der Virologe Thomas Mertens ist der Vorsitzende des 18 Mitglieder zählenden Gremiums.

Ähnlich wie bei anderen Infektionskrankheiten, beispielsweise Masern, Pneumokokken und Grippe, wurde die Stiko von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) damit beauftragt, eine Empfehlung zur Impfstrategie bei einem möglichen Mittel gegen Covid-19 zu erarbeiten. Im RND-Gespräch berichtet der Impfexperte über den Stand der Leitlinie und inwiefern sie mit der Impfstoffforschung zusammenhängt.

Herr Mertens, die Ständige Impfkommission erarbeitet eine Empfehlung zur Impfstrategie bei einem vorhandenen Impfstoff gegen Covid-19. Liegt diese bald vor?

Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission wird nicht diese Woche und auch nicht nächste Woche kommen. Nach dem Infektionsschutzgesetz ist die Stiko aufgerufen, diese auf der Basis der besten verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz zu erarbeiten. Das gilt auch in der Pandemie. Bis zu einer feinteiligen Empfehlung wird es also noch etwas dauern, weil uns wesentliche Daten fehlen.

Fest stehen inzwischen die ethischen Rahmenbedingungen: also zum Beispiel Selbstbestimmung, Freiwilligkeit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität. Und die grobe Priorisierung: also dass Risikogruppen für schwere Erkrankungen und Menschen, die verstärkt mit vulnerablen Gruppen zu tun haben, zuerst geimpft werden sollten. Das ist noch sehr allgemein, die Stiko wird sich noch mit den Details beschäftigen müssen.

Eine finale Impfempfehlung kommt also erst, wenn ein Impfstoff in Deutschland zugelassen ist?

Im Grunde genommen ja. Uns müssen die abschließenden Ergebnisse zu den Impfstoffen vorliegen. Diese sind für die ganz konkreten Angaben der prioritär zu impfenden Personengruppen ganz entscheidend. Wie wirkt der Impfstoff in welchen Altersgruppen und bei welchen Vorerkrankungen? Bislang sind keinerlei Daten aus den Phase-III-Studien der Hersteller Biontech und Astra Zeneca publiziert worden. Wir vermuten, dass diese beiden Kandidatenimpfstoffe zuerst in Deutschland zugelassen werden.

Corona-Impfstoff: Fragen zu Transmissionsschutz und Individualschutz

Eine Empfehlung für einen noch nicht zur Verfügung stehenden Impfstoff zu entwickeln ist sicherlich herausfordernd.

Momentan ist noch Spekulation dabei. Wir haben es noch nie mit einem Impfstoff zu tun gehabt, der noch gar nicht zugelassen ist. Die Mehrheit der Virologen glaubt nicht daran, dass der Impfstoff zu hundert Prozent vor einer Erkrankung schützen wird. Er wird wahrscheinlich nur einen Teil der Infektionen verhindern oder schwere Verläufe abmildern. Das ist ein Erfolg für den individuellen Schutz jedes Einzelnen vor einer Erkrankung, ganz klar.

Entscheidend ist aber auch, inwieweit der Geimpfte Sars-CoV-2 auch nach einer Impfung bei einer nachfolgenden Infektion weitergeben und andere anstecken kann. Das ist der Transmissionsschutz. Diese Frage werden die Ergebnisse der Phase-III-Studien noch nicht ausreichend beantworten können. Ebenso wie die Frage einer langfristigen Immunität. Das muss die Ständige Impfkommission weiter beobachten.

Laut einer Beschlussvorlage soll der Bund die Beschaffung des Impfstoffes finanzieren und die Länder sollen eigenständig Impfzentren einrichten. Welche Gründe sprechen dafür?

Die Bundesländer müssen immer die Stiko-Empfehlung am Ende umsetzen. Die eigentliche Priorisierung erfolgt also durch die Politik. Die Stiko rechnet damit, dass es am Anfang nicht genug Impfstoff geben wird, um alle Impfwilligen sofort zu versorgen. Es braucht also eine Priorisierung. Und die kann nicht von den Hausärzten vor Ort verlangt werden.

Erschwerend hinzu kommt, dass beide derzeit infrage kommenden Impfstoffe besondere Transport- und Lagerbedingungen erfordern und bei minus 20 bis minus 80 Grad gekühlt werden müssen. Stickstoffkühlung ist möglich – aber auch limitierend.

Deshalb ist es insgesamt sinnvoll, keine normalen Marktmechanismen spielen zu lassen. Über Impfzentren lässt sich auch eine bundesweit einheitliche Onlinedokumentation leichter abwickeln. So wird sichergestellt, dass etwaige doch noch auftretende Nebenwirkungen frühzeitig entdeckt werden können.

Herdenimmunität: nicht im Jahr 2021

Könnten im kommenden Jahr deutschlandweit ausreichend Menschen geimpft werden, um das Infektionsgeschehen auf lange Sicht in den Griff zu bekommen?

Das halte ich für extrem unwahrscheinlich. Ich glaube nicht, dass 2021 genug Menschen geimpft werden, um ausreichend epidemiologische Effekte zu erzielen. Das Ziel ist ja eine künstlich hergestellte Herdenimmunität: also dass genug Menschen eine Immunität aufweisen und dadurch die Virusausbreitung von alleine abnimmt. Auch zur Herdenimmunität bei Sars-CoV-2 ist unser Wissen leider noch lückenhaft.

Wie viele Menschen in Deutschland müssten sich impfen lassen, um dieses Ziel zu erreichen?

Es bräuchte dafür mindestens 50 bis 60 Millionen Geimpfte, also rund 60 Prozent der Bevölkerung. Es ist unrealistisch, das im kommenden Jahr zu schaffen. Ich fürchte, dass nicht nur dieser, sondern auch der nächste Winter herausfordernd wird. Wir können aber hoffen, dass die Virusübertragungen im kommenden Sommer etwas abnehmen.

Es wird aber noch lange dauern, bis wir uns wieder wie 2019 verhalten können. Der Beginn einer Impfkampagne bedeutet nicht, dass für die Menschen plötzlich keine Infektionsschutzmaßnahmen mehr gelten – wie Maske tragen, Abstand halten, Handhygiene, Lüften.

RND

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