In "Cosmopolis" sitzt der Mörder im Sandkasten

Ruhrtriennale

Der Begriff Musiktheater ist im 21. Jahrhundert dehnbar. „Cosmopolis“ in der letzten Regie von Johan Simons bei der Ruhrtriennale ist vom Musiktheater meilenweit entfernt. Bestenfalls war das am Freitagabend Schauspiel mit Musik.

BOCHUM

, 24.09.2017, 13:42 Uhr / Lesedauer: 2 min
In "Cosmopolis" sitzt der Mörder im Sandkasten

Millionär Eric Packer (Pierre Bokma, Mitte) auf dem Drehkarussell mit seiner Ehefrau (Elsie de Brauw) und seinem Chauffeur (Mandela Wee Wee, r.). Links wartet der Mörder (Bert Luppes).

Simons hat die Geschichte aus dem Roman „Cosmopolis“, den Don DeLillo 2003 geschrieben hat, auf einen Spielplatz verlegt. Bei DeLillo lässt sich der Währungsspekulant Eric Packer (Pierre Bokma) in einer Limousine durch New York kutschieren, bei Simons nölt er wie ein unartiges Kind in kurzen Hosen auf der Schaukel. Und der Mörder (Bert Luppes) sitzt im Sandkasten.

Wipptiere, Sandkasten, ein Drehkarussell und eine Schaukel hat Bettina Pommer in die Bochumer Jahrhunderthalle gebaut. In der Welt der anderen, die im Roman für Packer in der Limousine draußen bleibt, ist der Millionär nun plötzlich mitten drin. Und Koen Tachelet infantilisiert in seiner Bühnenfassung diese kapitalistische Welt mehr als dem Stück guttut.

Streiten wie die Blagen

Mit Ehefrau, Finanzberaterin und Kunsthändlerin (Elsie de Brauw in Schleifchen-Mädchenkleidern), mit seinem Chauffeur und Friseur (artistisch virtuos gespielt von Mandela Wee Wee) und seinem Arzt streitet Packer wie ein Balg mit anderen Kindern um die Förmchen. Vorteil dieser Spielplatz-Komödie ist, dass das Stück die Strategien am Finanzmarkt, die Spekulationen mit Yen und Dollar, kindgerecht einfach erzählt. Der größere Nachteil ist, dass fast alles ins Lächerliche gezogen wird. Selbst am Schluss das Morden. Hinzu kommt, dass das überwiegend niederländische Ensemble zuweilen Sprachprobleme hat.

Und wo bleibt das Musiktheater? Es geht verloren in der Halle und im kindlich naiven Spiel. Elektronische Musik und Percussion (Benjamin Dousselaere) am linken Bühnenrand und das durch die Halle wandelnde Saxophon-Quartett „Blindman“ setzen Akzente und sorgen für Filmmusik-Atmosphäre – besonders dann, als die vier Saxophonisten plötzlich wie die Ratten aus Plüsch einbrechen in die Spielplatzwelt und das Chaos in den Kinderalttag bringen. Aber für ein Musiktheater ist das zu wenig.

Seid umschlungen

Die 145 pausenlosen Minuten, die man gut hätte kürzen können, werden am Schluss lang, und die direkte Konfrontation zwischen Packer und seinem Mörder wirkt zu surreal. Höflicher Applaus für eine neue Deutung von Simons Festival-Motto „Seid umschlungen, Millionen“. Man hätte dem Intendanten, der 20018 Schauspielchef in Bochum wird, einen größeren Wurf zum Abschied seiner drei Jahre Ruhrtriennale gewünscht. So einen wie sein „Rheingold“ 2015, das den Musiktheaterfreunden in guter Erinnerung bleibt.

Termine: 28. / 29. / 30. 9.; Karten: Tel. (02 21) 28 02 10.