In "Die Show" geht das Fernsehen vor die Hunde

Schauspiel Dortmund

Es nötigt einem Respekt ab, wie Kay Voges und Kollegen das Miteinander aller Gewerke am Schauspielhaus Dortmund zur Meisterschaft entwickelt haben. Bei der Uraufführung von „Die Show“ ratterte die Theatermaschine am Sonntag auf höchsten Touren – wahrlich imponierend.

DORTMUND

, 24.08.2015, 14:30 Uhr / Lesedauer: 1 min
In "Die Show" geht das Fernsehen vor die Hunde

Die moderierenden Gefühlsvampire Bodo Aschenbach (Frank Genser, l.) und Ulla (Julia Schubert, 2.v.r.) mit ihrem hilflosen Opfer, der Mutter des Kandidaten Elisabeth Lotz (Uwe Schmieder, 2.v.l.) und einem durchgeknallten Showsternchen aus Japan, das auf der Talk-Couch von ihrem Katzen-Tick erzählt (Eva Verena Müller als Baeby Bengg, r.).

Die Inszenierung ist ein logistischer Kraftakt, viele Räder müssen ineinander greifen, und das tun sie. Kay Voges (Regie), Anne-Kathrin Schulz (Dramaturgie) und Alexander Kerlin (Produktion) haben die visionäre Mediensatire „Das Millionenspiel“ (1970, von Tom Toelle und Wolfgang Menge) auf Höhe unserer Zeit „gepimpt“. Das Stück ist ein höhnischer Frontalangriff auf die Mechanismen quotengeilen Sensations-Fernsehens.

Das Schauspielhaus wird zum Aufnahmestudio mit Gästecouch und Showtreppe (Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch). Wir sind die Applaus-Roboter von „Die TV“, wo vor laufender Kamera ein Mann um sein Leben rennt. Kommt er durch, gewinnt Bernhard Lotz (Sebastian Kuschmann) eine Million in bar. Beißt er ins Gras, geht das Geld an drei Killer, die ihn jagen.

„Big Brother“  

So geht Fernsehen heute: Ein Aufwärmer (Carlos Lobo) dirigiert den Beifall, Moderatoren lenken unsere Empathie. Frank Genser gibt den Pflaume/Lanz, Julia Schubert einen Klon aus de Mol und van der Vaart. Zwei Dauer-Smileys, deren Sarkasmus nur von ihrer Penetranz überboten wird. Gefühlsvampire, die ihren Opfern jeden Blutstropfen absaugen.

„Die TV“ ist ein Abziehbild von „Big Brother“, Casting-Shows und „Wetten, dass“. Homestory, Expertentalk, „Was bisher geschah“. Live-Schaltung zum Kandidaten, der in Dortmunds „Horrorhaus“ eine „Challenge“ meistert, einen Schuss mit Folgen auslöst. Werbepause, Produktplatzierung, Gäste, die ihr Buch, ihr Album promoten. Köstlich Eva Verena Müller als Manga-Pop-Sternchen aus Japan.  

Satirische Tour de Force

Das Stück fackelt ein Feuerwerk an Ideen ab. (Live-)Musik, Videos (Voxi Bärenklau), Ausstattung, tolle Kostüme – alles vergackeiert die abgefeimten Rituale, mit denen Sender um Zuschauer buhlen. Böse, treffend, schallend komisch.

So sieht es aus, wenn Unterhaltung auf den Hund kommt. Dass Kay Voges die Gäule durchgehen, mancher Ulk überflüssig ist und da und dort Kürzungen fällig wären, trübt nicht die Freude an dieser satirischen Tour de Force. Sehenswert.  

Termine: 29.8., 13. / 30. 9., 10. 10., 12. 11., Karten: Tel. (0231) 502 72 22.
 

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