In "Tigermilch" gehen zwei Mädels durch dick und dünn

Neu im Kino

Wenn Jameelah (Emily Kusche) und Nini (Flora Li Thiemann) im Freibad liegen, kommt einem „Prinzessinnenbad“ in den Sinn, eine Doku über den Alltag Berliner Teenie-Mädchen. Nun ist Ute Wielands „Tigermilch“ zwar ein Spielfilm (nach dem Erfolgsbuch von Stefanie de Velasco), wahrt aber einen nüchternen semi-dokumentarischen Blick, der dem Lebensgefühl seiner 14-jährigen Heldinnen sehr nahe kommt.

20.08.2017, 13:58 Uhr / Lesedauer: 1 min
In "Tigermilch" gehen zwei Mädels durch dick und dünn

Auf zu den Freiern: Jameelah (Emily Kusche, l.) und Nini (Flora Li Thiemann) gehen zur Kurfürstenstraße.

„Tigermilch“ spart sich den pädagogischen Zeigefinger und die Klischees des Sozialdramas, was nicht heißt, dass Wieland den Kopf in den Sand steckt, wenn es um Probleme im Kiez von Multikulti geht. Jameelah und ihre Mutter stammen aus dem Irak. Es ist unklar, ob sie bleiben dürfen, die Ausländerbehörde prüft ihren Status.

Projekt "Defloration"

Nini verkrümelt sich von Zuhause, wo sie nur kann. Zu ihrer Mutter, einer Walküre, die auf dem Sofa liegt und Idioten-Fernsehen glotzt, hat sie keinen Draht, zum Stiefvater auch nicht. Nini und Jameelah hängen mit der Clique ab, machen Party, schwärmen für Jungs und haben ihr Projekt „Defloration“ im Kopf.

Das gehen sie pragmatisch an: Auf dem Straßenstrich bequasseln sie einen Burschen mit dickem Auto. Einige Drinks später sind die Mädels ihre Unschuld los und der Freier seine Brieftasche, die die zwei noch mitgehen lassen.

Berliner Realismus

Keine große Sache. Diese „Kinder vom Bahnhof Zoo“ sind keine Opfer, sie nehmen vom Leben, was sie brauchen, und basta. Das ist die Berliner Schule, wie sie auch in Detlev Bucks „Knallhart“ zu sehen war.

„Ehrenmorde“ sind Teil dieser Welt. Die Mädchen beobachten, wie die Bosnierin Jasna vom Bruder erstochen wird, weil sie einen Serben zum Freund hat. Ein jüngerer Bruder nimmt den Mord auf sich, Nini und Jameelah zögern, zur Polizei zu gehen.

Realismus pur in einer toll gespielten Freundschaftsballade, die sogar den Mumm hat, ein verlogenes Happy End zu verweigern.