Isabelle Huppert zwischen Glamour und Fabrik

Kino: "Ein Chanson für Dich"

Zweiter Frühling für eine vergessene Sängerin, die auf ihre alten Tage Morgenluft wittert? Das kann ein Drama werden, eine Tragödie. Oder eine Seifenblase von Film, wo der Himmel voller Geigen hängt. "Ein Chanson für Dich" geht den Mittelweg zwischen Märchen und Melodram und kann auf Isabelle Huppert zählen.

03.07.2017, 16:26 Uhr / Lesedauer: 1 min
Was mache ich hier bloß? In der Künstlergarderobe wirft Liliane (Isabelle Huppert) prüfende Blicke in den Spiegel.

Was mache ich hier bloß? In der Künstlergarderobe wirft Liliane (Isabelle Huppert) prüfende Blicke in den Spiegel.

Die bringt beides unter einen Hut: Die Rolle der grauen Maus Liliane, die in der Pastetenfabrik am Band arbeitet, und die der Chansonsängerin, die im eleganten Kleid auf der Bühne zu bezaubern weiß.

Wobei Huppert es schafft, hinter spröde reserviertem, zurückgenommenem Spiel dieser Liliane eine Aura von Geheimnis zu verleihen, die der Figur existenzielle Tiefe gibt - deutlich mehr, als das Skript vermuten lässt.

Von ABBA geschlagen

Auf Papier liest sich die Geschichte von "Ein Chanson für Dich" wie eine seichte Kino-Schmonzette. Unter ihrem Künstlernamen Laura war Liliane eine Größe im Showgeschäft. 1974 trat sie beim Eurovisions-Grand-Prix an, wurde aber von ABBA geschlagen, behauptet das Drehbuch, an dem auch Regisseur Bavo Defurne beteiligt war.Von da an ging’s bergab für Laura. Zerwürfnis mit ihrem Manager (Johan Leysen), Ende der Karriere. Heute backt die Entertainerin kleine Pasteten in der Großküche und führt ein ereignisloses Single-Dasein.

Bis Jean (Kévin Azais) in Lilianes Leben schneit. Der erkennt in der Arbeitskollegin den Star von damals: "Mein Vater ist ein großer Fan!" Liliane wiegelt ab, behauptet, keine Laura zu kennen. Jean lässt nicht locker, bis Liliane die Maskerade aufgibt.

Auftritt im Boxclub

Sie lässt sich beschwatzen, auf der Feier in Jeans Boxclub zu singen. Schon ist ein Fernsehteam in der Fabrik und fragt nach einem Comeback. Liliane und der viel jüngere Jean sind nun ein Paar. Er wird ihr Manager, sie tingelt durch Altenheime, studiert Lieder ein und geht mit einem Ohrwurm über einen knackigen Liebhaber zum Vorentscheid für den Grand Prix.

Überall in dieser Amour fou lauert märchenhafter Kitsch. Ältere Dame blüht auf, es winkt die Rückkehr ins Showgeschäft. Da sind geschmäcklerische Weichzeichner-Bilder, aber der Film tappt weder in den Fettnapf der Schnulze, noch hebt er ab ins Wolkenkuckucksheim. Er wahrt Bodenhaftung, dank der geerdeten Inszenierung, dank Isabelle Huppert, deren Kunst auch mittelmäßige Entwürfe veredelt.

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