Ist der Bilderbuch-Klassiker "Die Häschenschule" Nostalgie oder Trash?

Werk von Albert Sixtus

Ist das Buch "Die Häschenschule" von Albert Sixtus (1892-1960) nur entzückend nostalgisch? Oder ist es "Trash", wie der Kinderbuchautor Wolfgang Hänel behauptet? Oder spiegelt es einfach die Zeit, in der es entstand, wie Ulrich Knebel als Großneffe des Autors meint?

DORTMUND

, 17.03.2017, 17:59 Uhr / Lesedauer: 2 min
Das Buch "Die Häschenschule" erscheint im Esslinger Verlag - in vielen Varianten. Nur der Rohrstock ist seit Jahrzehnten nicht mehr zu sehen.

Das Buch "Die Häschenschule" erscheint im Esslinger Verlag - in vielen Varianten. Nur der Rohrstock ist seit Jahrzehnten nicht mehr zu sehen.

Die Tatsachen: Albert Sixtus war schwer verwundet aus dem Ersten Weltkrieg zu seiner Frau Milda und dem Sohn Wolfgang zurückgekehrt. 1921 kam Mildas Schwester zu Besuch, Wolfgang war begeistert. "Schon in der Morgendämmerung holte er das Tantchen aus dem Gastzimmer, und dann begannen die wunderbarsten, aufregendsten Hasenspiele", erinnerte sich Albert Sixtus später. 1922 schrieb er die Geschichten auf, 1924 erschien das Bilderbuch mit Zeichnungen von Fritz Koch-Gotha. Die Verse schildern das Ideal des braven (Hasen-) Kindes, das artig die Hände zum Gebet faltet und die Pfötchen immer rein hält. Auch mit der Gleichheit der Geschlechter ist es nicht sehr weit her: "Lustig sind die Hasenjungen,/toll wird da herumgesprungen./Doch die Mädchen knabbern stumm/ an dem Frühstückskraut herum", dichtete Sixtus. Zudem hatte der Hasenlehrer einen Rohrstock in der Hand, der nach 1945 wegretuschiert wurde.

Vier Millionen Auflage bis heute

Schon erstaunlich, dass das Buch bis heute eine Auflage von vier Millionen erreicht hat. Wolfgang Hänel schrieb deshalb 2013 für die Zeitung "Taz" den wütenden Artikel "Nicht kaufen! Die Häschenschule ist Trash". Er warf dem Buch überkommene Rollenbilder vor und eine Erziehung zum Ja-Sager vor.

"Das Buch ist von 1924. Was wollen Sie da erwarten", sagte Ulrich Knebel, Großneffe des Dichters, auf Anfrage dieser Zeitung. In Romanen aus dieser Zeit lese man Ähnliches. Die Vorwürfe von Hänel hält er für oberflächlich. Literaturexperten hätten genauer hingeschaut und auf versteckte Bedeutungsebenen in den Bildern und die kindgerechte Sprache hingewiesen. Dass seinem Großonkel Nähe zur Prügelpädagogik unterstellt werde, sei falsch. Knebel: "Albert Sixtus hat es sehr geärgert, dass Koch-Gotha den Rohrstock gezeichnet hat. Sixtus war selbst Lehrer und nachgewiesenermaßen gegen die Prügelstrafe."

Autor erlitt ein trauriges Schicksal

Der Autor der Häschenschule erlitt übrigens ein trauriges Schicksal. Albert Sixtus litt zeitlebens an Schmerzen, sein Sohn Wolfgang fiel vermutlich im Krieg. Die "Häschenschule" klettert aber heute noch jedes Jahr vor Ostern auf die Bestsellerliste.

 

Das Buch zum Film gibt´s für 9,99 Euro im Esslinger-Verlag. Er hat auch unzählige Ausgaben des Originals veröffentlicht. Die Edition Tintenfass gibt Mundart-Varianten heraus.

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