Jelineks Fukushima-Drama als Denk-Singspiel

Ruhrtriennale

Elfriede Jelineks Fukushima-Drama „Kein Licht“ von 2011 ist als grandioses Wort-Requiem beschrieben worden. Erweitert und mit viel Musik kam es jetzt bei der Ruhrtriennale heraus. Uraufführung der internationalen Koproduktion war am Freitag in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord.

DUISBURG

von Klaus Stübler

, 27.08.2017, 15:06 Uhr / Lesedauer: 2 min
Jelineks Fukushima-Drama als Denk-Singspiel

Spiel mit Atomen: die Sängerinnen (v.l.) Christina Daletska, Olivia Vermeulen und Sarah Sun Foto: Caroline Seidel/ Ruhrtriennale © Caroline Seidel

Der französische Komponist Philippe Manoury und der deutsche Regisseur Nicolas Stemann haben aus dem 2012 und noch mal in diesem Jahr ergänzten Text der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin ein verschwenderisches Multimedia-Spektakel gemacht: „Kein Licht. (2011/ 2012/2017)“.

Sie nennen das „Thinkspiel“. Da klingt das klassische Singspiel mit, in dem gesprochene und gesungene Passagen wechseln. Aber es geht eben auch um ein Gedankenexperiment. Der Ausgangspunkt lautet: „Wenn sich während des Konzerts über die Katastrophe die Katastrophe ereignet“. Strahlende Wassertanks mit giftgelber Flüssigkeit auf der Bühne und Synthesizerwabern stehen für die von Elfriede Jelinek gemeinte, aber nicht explizit benannte Nuklearkatastrophe in Fukushima von 2011.

Konzert mit Hund

Ein auf der Bühne jaulender Hund trifft auf eine gestopfte Trompete. Sechs Solisten, auch die beiden Männer in langen, geschlitzten Abendkleidern, verbeugen sich. Vier von ihnen stimmen ein gedehntes Lamento an. Sarah Sun, Olivia Vermeulen, Christina Daletska und Lionel Peintre sind – nicht nur hier – tolle Vokalsolisten.

Spannend jedoch wird es durch die beiden anderen: Burgschauspielerin und „Mord mit Aussicht“-TV-Kommissarin Caroline Peters und Niels Bormann treten nach vorn und ziehen im Folgenden fast die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Ihr brillantes, wechselweise ernstes und komödiantisches Spielen und Sprechen über Verstrahlung, Atomstrom und Energiewende trägt den zweieinviertelstündigen Abend wesentlich.

König Trump


Besonders stolz ist die Ruhrtriennale über die Einbeziehung des erst im April/Mai entstandenen Jelinek-Zusatzes „Der Einzige, sein Eigentum (Hello darkness, my old friend)“. Dieser abschließende Teil handelt von einem nimmersatten „König“ aus „Wolkenkratzerkuckucksheim“, der „überall hingreifen und angreifen“ darf, den Klimawandel negiert und leichtfertig mit Atomwaffengebrauch droht. Obwohl jedem klar ist, wer gemeint ist, lassen Regisseur Stemann und Videokünstlerin Claudia Lehmann dazu auf einer Leinwand ein Donald-Trump-Porträt über den Erdball segeln.

Die Welt explodiert

Und Philippe Manoury kommentiert anschließend fast in Gustav-Mahler-Manier mit Friedrich Nietzsches „Trunkenem Lied“: „O Mensch, gib Acht!“ Die Welt explodiert, Caroline Peters und Niels Bormann machen sich lachend mit einer Rakete aus dem Staub.


Termine: 1./2./3.9.; Karten: Tel. (0221)280210.

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