Joey Goebels vierter Roman: «Ich gegen Osborne»

Kann es für einen 17-jährigen Außenseiter schlimmer kommen, als unglücklich in die beste Freundin verliebt zu sein? Ja, kann es: Wenn man James Weinbach heißt und dazu noch seine Mitschüler so widerlich findet, dass man sich «am liebsten selbst in die Hände gekotzt hätte».

Berlin (dpa)

von Von Sebastian Fischer, dpa

, 05.03.2013, 14:42 Uhr / Lesedauer: 2 min

Keine guten Vorzeichen also für diesen Tag im April 1999, den der Ich-Erzähler James in «Ich gegen Osborne» durchleben muss. «Wie jeder andere vernünftige Mensch auch hasste ich die Highschool», beginnt seine Tirade gegen die eigene Generation.

In seinem vierten Roman, der zuerst in der deutschen Übersetzung erscheint, stellt US-Autor Joey Goebel wieder einen Sonderling in den Mittelpunkt. «Wenn sich Künstler und speziell Schriftsteller nicht mehr für die Verurteilten starkmachen, dann habe ich die Befürchtung, dass es überhaupt niemand mehr tut», sagt der 32-Jährige. Schon in seinem tragikomischen Debüt «Freaks» («The Anomalies», 2003) brachte er fünf Außenseiter zusammen, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte.

Nun ist also James der Kauz: ein pickelig-schlaksiger Typ, fast zwei Meter groß, altmodisch und verquer. Weißes Hemd, graubraunes Jackett und gestreifte Krawatte - ein Dandy wie aus den 1950ern. Oder wie ihn seine Mitschüler nennen: «der Freak im Anzug». Seine Ansichten scheinen ebenso aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zu stammen: Die ganze Welt ist sexbesessen und immer auf der Suche nach einer schnellen Nummer. «Früher hatten die Leute Klasse. Jetzt legt jeder nur noch Wert darauf, cool zu sein.»

Es ist der erste Tag nach den Frühlingsferien an der Osborne Highschool irgendwo in Kentucky. Endlich ist für James die Zeit gekommen, dem Mauerblümchen Chloe seine Gefühle zu gestehen. Doch es kommen Gerüchte auf, sie habe es während des Spring Break im sonnigen Florida so richtig krachen lassen. Ausgerechnet mit dem Ober-Hipster und «König aller Bumser» sei sie ins Bett gesprungen.

In «Ich gegen Osborne» geht es um Anpassung oder Individualität, ums Dazugehören oder Außen-vor-sein. «In unserem Alter gibt es nichts Schlimmeres, als dass die Leute einen für ein braves Mädchen halten», sagt Chloe. So entscheidet sie sich für das Mitschwimmen, James aber für das Dagegenhalten - und steht damit fast allein da.

Mit dem Roman habe er sich «wieder zurückbesonnen auf "das Kleine"», sagt Goebel. Das heißt: auf das Große im Kleinen. Er schreibt zwar über Schule und Jugend, meint jedoch die Gesellschaft im ganzen. James ist ein Außenseiter, wie es Millionen auf der Welt gibt. Er ist aber einer, der sich in einer Suada gegen den Mainstream wendet. Und die Schule? Sie ist wie die Gesellschaft ein Hort kleiner und großer Intrigen. Die beherrscht James aber auch.

Goebel zeichnet seinen Erzähler mal aufbrausend und herrisch, dann wieder verzweifelt und unsicher. Dass er ihn aber nie bemitleidenswert erscheinen lässt, ist sein großes Verdienst. Der Schriftsteller wechselt überaus klug zwischen Teenager-Slang und James' eigenem sprachlichen Anspruch, ohne geschwollen zu wirken. Der Gentleman James ist auf eine verschrobene Art aus der Zeit gefallen, als sei er eben noch mit J.D. Salingers Holden Caulfield («Der Fänger im Roggen», 1951) durch New York gezogen.

«Sie hatten Sex, und ich hatte den Tod», fasst James einmal die eigenen Absonderlichkeiten zusammen. Liegt es am erst kürzlich verstorbenen Vater, dass er so seltsam ist? Oder lassen seine mitunter autistischen Verhaltensweisen auf tieferliegende Störungen schließen? Goebel gibt erfreulicherweise keine Antworten. Die Pubertät hat eben kein klares Schwarz oder Weiß. Vielleicht ist James auch einfach nur nicht so wie seine Mitschüler. «Ich will Spaß», reflektiert er einmal, «so wie alle anderen auch».

Joey Goebel: Ich gegen Osborne. Suhrkamp, Berlin, 432 S., 22,90 Euro, ISBN 9783257068535

Joey Goebel kommt im März auf Lesereise nach München (11.), Zürich (12.), Köln (13.), Wien (14.), Freising (15.), Leipzig (16.), Berlin (17.) und Hamburg (18.).

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