„Junges Licht“ zeigt die kleine Welt der 60er-Jahre im Revier

Im Kino

60er-Jahre, Ruhrgebiet und Malocher. Unter Tage schuften sie in Enge und Hitze am Flöz. Oben hängt Mutti vor fahlem Himmel die Wäsche auf. Man lebt im Schatten der Hütte, wo die Schlote qualmen, qualmt selbst wie ein Schlot, nährt sich von Stullen und Bier. Solche Szenen und Bilder finden sich auch in Adolf Winkelmanns "Junges Licht", seiner Verfilmung des Romans von Ralf Rothmann, von dem Winkelmann (70) sagt, er habe dort die eigene Kindheit im Revier erkannt.

RUHRGEBIET

, 27.04.2016, 15:54 Uhr / Lesedauer: 2 min
Mutter und Schwester sind zur Kur. Julian (Oscar Brose) hat in Adolf Winkelmanns Film „Junges Licht“ den Vater (Charly Hübner) für sich alleine. Der Film startet am 12. Mai 2016 in den Kinos.

Mutter und Schwester sind zur Kur. Julian (Oscar Brose) hat in Adolf Winkelmanns Film „Junges Licht“ den Vater (Charly Hübner) für sich alleine. Der Film startet am 12. Mai 2016 in den Kinos.

Am Schacht schlürfen die Kumpel ihre Extraportion Milch, auf dass die Staublunge hinausgezögert werde. All dies ist zu einer Ruhrpott-Folklore geronnen, die nostalgisch nach hinten blickt und graue Zeiten zu goldenen verklärt. So schickt Winkelmann sich nun an, manchen Klischees Leben einzuhauchen und mit anderen aufzuräumen.

Gute Darsteller

Der Film bietet eine Riege guter Darsteller auf, die den "Ruhris" der 60er-Jahre glaubhaft ihr Gesicht leihen. Der überragende Charly Hübner ist als Walter Collien zu sehen, Bergmann und Familienvorstand. Lina Beckmann (Schwester der Drehbuchautoren Nils und Till Beckmann) überzeugt als Walters Frau Liesel, auch weil sie das richtige Gesicht hat: Leicht verhärmt, schon etwas verblüht - Mutti hat nämlich Depressionen.

Diese Diagnose war damals unbekannt. Das gängige Anti-Depressivum hieß Nikotin, flankiert durch ein "Steh auf, mach Essen und stell dich nicht so an!" Als das nicht hilft, fährt Liesel mit der kleinen Tochter zur Kur, zurück bleiben Walter und sein Sohn, der zwölfjährige Julian (Oscar Brose).

Kindheit mit Nöten

Julian ist die Zentralfigur des Films, erzählt wird aus seiner Warte. Winkelmann rekonstruiert eine Kindheit mit all ihren Nöten, inklusive der regelmäßigen Tracht Prügel. Die frühreife Lolita von gegenüber (Greta Sophie Schmidt) schäkert mit Julian, Nachbar Gorny (Peter Lohmeyer) wird seltsam zudringlich - sehr verwirrend für den Jungen.

Julian hält sich an den Vater. Als der einen Fehltritt tut, läuft Julian aus lauter Verzweiflung zum Pfarrer (Ludger Pistor), um für Papa (!) die Beichte abzulegen. Wohin sonst, Julians Welt ist klein: Kirche, Schule, Zuhause, dann noch der Weg zur Zeche, wo Papa arbeitet.

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Klein, eng, trist

Das Leben damals war wenig bunt (Schwarzweiß-Passagen illustrieren das) und ziemlich beengt. Deshalb entrollt Winkelmann auch nicht das große Panorama von den "1000 Feuern an der Ruhr". Nur einmal sehen wir eine Totale, Gasleitung und Sonne.

Julians Welt wirkt klein, eng, trist auf uns. Nicht, dass der Junge es wüsste. Wir merken es, die wir beim Blick auf unsere Kindheit verwundert feststellten, wie winzig alles ist, was uns weit und groß vorkam.

Malocher-Chronik

Von daher macht es Sinn, dass der Film sich klein macht und bei seiner Sicht auf die 60er im Muff der Zeit badet. Wir haben sie erlebt und überlebt! Als Sittenbild, Familienporträt, Malocher-Chronik und Spiegel jugendlichen Lebensgefühls funktioniert der Film ganz prächtig.

 

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