JVA-Beamter im Spannungsfeld zwischen Gewalt und Drogen

Alltag im Knast

"Wenn du eine bestimmte Linie zu einem Gefangenen überschreitest, dann hast du verloren", sagt Werner Brüggemann. Er ist Justizvollzugsbeamter in Bochum, seit 36 Jahren. Er übt einen Job aus, der in einem ständigen Spannungsfeld steht und immer nur dann in den Fokus rückt, wenn etwas gewaltig schief gelaufen ist. Wie zuletzt, als Krysztof J. die Flucht durch ein Oberlicht gelang.

BOCHUM

von Von Tobias Nordmann

, 18.02.2012, 13:42 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das negative Medienecho nimmt Brüggemann relativ gelassen hin. "Das gehört zum Job. Wenn etwas schief geht, dann werden wir an den Pranger gestellt." Was ihn allerdings auf die Palme bringt, sind Formulierungen wie "die JVA Bochum ist löchrig wie ein Schweizer Käse". "Wer so etwas sagt, der hat keine Ahnung vom Strafvollzug."Gratwanderung, jeden Tag

Strafvollzug, das ist für die Beamten eine Gratwanderung zwischen Vertrauen und Misstrauen gegenüber den Gefangenen, ein Vabanquespiel zwischen Distanz und Nähe. Wer Angst hat, ist hier falsch. Wer psychisch anfällig ist, bleibt nicht lange. "Manchmal", sagt der JVA-Beamte, "ist es besser, nicht zu wissen, welche Vorgeschichte ein Häftling stehen hat." Im Sinne der Gleichbehandlung.

"Zum Vollzug gehören zwei wichtige Dinge", sagt Werner Brüggemann. "Natürlich produzieren wir in erster Linie Sicherheit. Das ist unser Job. Aber wir sind auch für die Behandlung der Gefangenen zuständig." Sie so auf die Freiheit vorzubereiten, dass sie nicht wieder straffällig werden, ist elementarer Bestandteil der Arbeit. "Allerdings sind alle Angebote freiwillig." Viele Gefangene wollen in Ruhe gelassen werden. "Sie wollen in der Zelle liegen und RTL II gucken." RTL II sei so etwas wie der Haussender, sagt das JVA-Urgestein und schiebt noch eine Anekdote nach: "Wenn Formel 1 läuft, dann brummt der Knast."Kein Königsweg

Einen Königsweg für diesen Spagat gibt es nicht. Jeder Justizvollzugsbeamte hat seine ganz eigene Strategie im Umgang mit den Häftlingen. "Bei unseren Kollegen ist von der Mutter Teresa bis zum Terminator alles dabei", sagt Brüggemann. Wichtig sei Fingerspitzengefühl, hilfreich die Erfahrung. "Hier im Knast läuft ganz viel über Körpersprache", erklärt der Vollzugsbeamte. "Wenn ich sehe, dass ein Häftling rot anläuft und die Ohren anlegt, bin ich vorbereitet."

Gekommen ist Brüggemann eher zufällig zu seinem Job in der JVA. Er ist gelernter Drucker. "Als dann aber die Digitalisierung kam, habe ich mich nach einem anderen Beruf umgesehen. Ich wollte einen sicheren Job." Er landete in Bochum, dort ist er immer noch. Er kann Geschichten erzählen, hat vieles erlebt hinter den Mauern der Krümmede, einer eigenen kleinen Welt, die dem unbelasteten Bürger aber gar nicht so fremd ist.Spiegel der Gesellschaft "Wir sind ein Spiegelbild der Gesellschaft", sagt Brüggemann. Es gibt Hierarchien und feste Strukturen. Was es nicht gibt, ist Freundschaft. "Denn das Verbrechen geht weiter." Diebstahl, Prügeleien, Drogen - das ist Alltag. Einige Konflikte lösen die Jungs unter sich, abseits der Wächter-Augen.

Ein großes Problem sind die Drogen: "Fast 40 Prozent der Häftlinge sind abhängig." Sie bekommen ihren Stoff, oft auf absurden Wegen. "Drogen stecken in allen Körperöffnungen", verrät Brüggemann. Das kurioseste Versteck von Drogen sei ein Schokoriegel gewesen. "Den hat aber unser Hasch-Hund entdeckt."Mit allem rechnen

Solche Geschichten überraschen ihn nicht mehr. "Du rechnest immer mit allem." So auch, wenn er und seine Kollegen die Zellen aufschließen - zum Beispiel im Nachtdienst. Angst davor hat er nicht, "aber der Puls geht hoch, wenn du siehst, dass ein Gefangener etwas will". Einmal hat er Glück gehabt, hat bei einem Häftling rechtzeitig einen Gegenstand entdeckt, mit dem er hätte geschlagen werden können. Passiert ist ihm noch nichts. Vermutlich auch, weil er die gefährliche Linie zum Gefangenen in 36 Jahren nie überschritten hat.