Kafkas Josef K. gerät in die Fänge grauer Apparatschiks

Westfälisches Landestheater

Ohnmächtig in den Fängen eines bürokratischen Molochs, zerrieben in den Mühlen eines Apparatschik-Staates. Kafkas "Der Prozess" transportiert schon die Vorahnung mörderischer totalitärer Systeme.

CASTROP-RAUXEL

, 11.10.2015, 16:43 Uhr / Lesedauer: 1 min
Kafkas Josef K. gerät in die Fänge grauer Apparatschiks

Bülent Özdil als Josef K. in der Kafka-Inszenierung „Der Prozess“ im WLT-Studio.

Eine kranke Welt, die sich jeder Ratio entzieht, treibt den Angeklagten Josef K. in die Arme des Wahnsinns. Christian Scholzes Inszenierung von "Der Prozess" (Premiere war Samstag am Westfälischen Landestheater) greift als Beispiel für die Folgen einer Willkürherrschaft den Völkermord an den Armeniern auf: Millionen werden zu Tätern erklärt und "ausgemerzt". Es passierte etwa 1915, in der Zeit, als Kafka den "Prozess" schrieb.

Schädelpyramiden

Das Stück schleust diesen Kontext über Dia-Projektionen ein, wenn Josef K. (Bülent Özdil) einen Maler (Guido Thurk) besucht, der seine "Heidelandschaften" preist, wo wir Schädelpyramiden sehen. Wenn Justitia abdankt, sind Mördern Tür und Tor geöffnet. Hier weist die Inszenierung über Kafka hinaus.

Gleichwohl funktioniert sie auch auf der Ebene des Absurden, als Studie einer gemarterten Seele und einer Beklemmung, die wir so schön "kafkaesk" nennen. Bülent Özdil in der Rolle der tragischen Figur schultert diese Dimension mit Bravour: Erst flackert sein gehetzter Blick, später lesen wir Qual, Ekel, Schaudern, Nichtbegreifen in seinem Gesicht - stummes Schreien.

Namenlose Paranoia

Einmal scheint der Mann jenseits von Raum und Zeit zu stehen, da wispert namenlose Paranoia. Graue Richter und Schergen spielen Schicksal in Büros auf endlosen Fluren, Rädchen in einem unüberschaubaren Getriebe. Im kleinen WLT-Studio gibt es nicht die Versuchung, ein Labyrinth bauen zu wollen: Die Bühne (Ausstattung: Anja Müller) ist ein Nicht-Ort, ein konsequent gedachtes Überall-Gefängnis.

Eine konzentrierte Inszenierung, die zeigt, wie visionär Kafka kommende Katastrophen geahnt und gefühlt hat.

 

Termine: 14./15./16. 10; Karten: Tel. (02305) 978020.

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