Kafkas "Verwandlung": Zaungast im Leben

Westfälisches Landestheater

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." Mit diesem Satz beginnt Franz Kafkas berühmte, viel interpretierte Parabel vom Mann, der zum Käfer wurde.

CASTROP-RAUXEL

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 30.03.2014 / Lesedauer: 2 min
Kafkas "Verwandlung": Zaungast im Leben

Thomas Zimmer (l.) und Bülent Özdil im Kafka-Stück.

Ein monströses Insekt, das denkt und fühlt wie der Mensch, der es einst war. Es scheint kaum möglich, diesem surrealen Albtraum auf der Theaterbühne gerecht zu werden. Ralf Ebeling hat es am Westfälischen Landestheater (WLT) versucht, am Samstag feierte "Die Verwandlung" ihre Premiere im Studio.

Mit einem kleinen, feinen Kniff gelingt die Visualisierung des eigentlich Unfassbaren. Links an der Bühne ist eine Puppenstube aufgebaut (Ausstattung: Jeremias Vondrlik), Gregors Zimmer mit Bett, Schreibtisch, Kanapee.Schwarzer Käfer Mittendrin ein fetter schwarzer Käfer in der Größe eines Krebses. Eine starre Kamera filmt das Zimmer, die Bilder werden auf Banner auf der Bühne projiziert. So haben wir einen räumlichen Eindruck von der Szenerie.

Die Regie lässt Kafkas Text von mehreren Darstellern sprechen, meist im Erzählduktus, mal im Chor, fast dialogisch, auch atemlos wie in einem Horrorstück. Psychologischer Realismus kann bei diesem Sujet nicht greifen, es ist eine szenische Lesung, wenn auch eine durchaus lebendige, in der wir das Beklemmende von Gregors Mutation als leises Wispern hören.

Sind die Akteure als Schatten zu sehen, nehmen sie Posen von Angst und Abwehr ein, ganz wie im Stummfilm.

Auf Deutungs-Ebene hält das Stück sich bedeckt. Ist "Die Verwandlung" (geschrieben 1912) als Entfremdungs-Metapher zu lesen? Der Käfermann als Zaungast im Leben der anderen? Als Familien-Aufstellung? Oder als Studie sozialer Verwahrlosung? Die Aufbereitung gefällt, die Sinnfrage müssen wir selbst beantworten.

Termin: 10.4.; Karten: Tel. (02305) 97 80 20.