Mit Holzscheiten im Wohnzimmer ein Feuer im Kaminofen zu entzünden, ist hip. Doch was ist mit dem Umweltschutz? Zum Kaminofen gibt es nur extreme Meinungen. Alten Schätzchen droht das Aus.

Dortmund

, 19.11.2018, 07:48 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die mollige Wärme im Wohnzimmer der Dortmunder Familie Bettzieche steht im harten Kontrast zum nasskalten Herbstwetter draußen. Tim Bettzieche (30) zeigt stolz auf die Quelle der Wohfühl-Wärme: In der Ecke lodert in einem quaderförmigen Kaminofen ein Holzfeuer. Es qualmt nicht, es stinkt nicht. „Wir achten darauf, dass wir wirklich trockenes Holz nehmen“, erzählt der Vater von zwei kleinen Kindern – die Tochter drei Jahre, der Sohn sechs Monate.

Vor drei Jahren sind sie in die Erdgeschosswohnung des Mehrfamilienhauses gezogen. „Und dann kam die Heizkostenabrechnung und die fiel saftig aus“, berichtet Nina Bettzieche (27). Sie sprachen mit der Vermieterin, dann mit dem Schornsteinfeger. „Es zeigte sich, dass das Haus einen dreizügigen Kamin hat und ein Zug noch frei war“, sagt Tim Bettzieche.

Geld gespart bei den Heizkosten

Die Vermieterin stimmte einem Kaminofen zu und beteiligte sich an den Kosten – rund 700 Euro. Das war vor einem Jahr. „Die neue Heizkostenabrechnung ist noch nicht da, aber die Vermieterin hat schon gesagt, dass wir deutlich weniger verbraucht haben“, sagt Tim Bettzieche. Seine Frau und er sind sich einig: Sie haben richtig entschieden. Sie lieben ihren Ofen. Und von den Nachbarn habe sich noch keiner beschwert. „Warum auch?“, fragt Nina Bettzieche.

„Es nimmt einem die Luft zum Atmen“

Sandra Walker könnte da schon einiges nennen – nicht zum Ofen der Bettzieches in Eving, aber zum Ofen ihres Nachbarn im Dortmunder Stadtteil Hombruch. Sie sagt: „Wenn ich selbst einen Kaminofen hätte, würde ich ihn toll finden. Aber die Nachbarn, die haben einen und der stinkt. Man kann die Balkontür nicht mehr auflassen und nicht einmal nachts das Fenster im Schlafzimmer. Es nimmt einem die Luft zum Atmen. Wenn’s kälter wird, hat der seinen Ofen fast täglich an“, klagt sie. Sie wisse nicht, was der Nachbar da verbrenne, es rieche jedenfalls penetrant.

„Ja, das gibt es“, sagt Nina Bettzieche. Ein Nachbar ihrer Eltern in Lindenhorst, der verbrenne auch wirklich alles. „Das stinkt unerträglich.“

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Aktuell nur ein Verfahren in Dortmund

Wenn sich Dortmunder über Kaminöfen beschweren, tun sie das direkt, nicht bei der Stadt. Die Zahl offizieller Beschwerden sei überschaubar, sagt Stadtpressesprecher Frank Bußmann. Meist reiche die Aufklärung der Betroffenen. „Die Einleitung von Ordnungswidrigkeitsverfahren ist entbehrlich“, sagt er. Aktuell sei beim Umweltamt nur ein Verfahren aktenkundig: „Dort wurden im Kaminofen Gartenabfälle verbrannt.“

Beim Kaminofen gibt es kaum Platz für einen Mittelweg. Entweder man liebt das Knistern und den Duft brennenden Holzes, oder man hasst ihn, den Ruß, den Feinstaub. Entweder man verteidigt ihn als umweltfreundlichste Wärmequelle oder beschimpft ihn als Feinstaub-Monster. Wahrscheinlich ist beides irgendwie richtig.

Sechs Millionen Kaminöfen in Deutschland

In Deutschland gibt es laut Umweltbundesamt rund elf Millionen „Einzelraumfeuerungen“. Dazu gehören neben Kamin- auch Kachel- und Pelletöfen sowie offene Kamine. Die Zahl der Kaminöfen beziffert das Umweltbundesamt auf Anfrage auf rund sechs Millionen, Tendenz leicht steigend. Wie viel in Dortmund betrieben werden, ist nicht bekannt.

Für mehr Staub verantwortlich als alle Autos

„Kaminöfen stoßen in Deutschland etwa 6000 Tonnen Staub aus. Die Stickoxid-Emissionen aus Kaminöfen dürften etwa 13.000 Tonnen betragen“, sagt Anja Nowack vom Umweltbundesamt. Damit seien, so Nowack, kleine Holzfeuerungen für mehr Staubemissionen verantwortlich als die Auspuffemissionen von Pkw und Lkw. Umgekehrt sei es auch richtig, dass der Kohlendioxid-Ausstoß von Kaminöfen niedrig sei und in dieser Sparte Kaminöfen eine bessere Bilanz aufwiesen als mit fossilen Brennstoffen gespeiste Kraftwerke.

Umwelthilfe hat eine zwiespältige Meinung

Wer bei der Deutschen Umwelthilfe, der nicht-staatlichen Verbraucherorganisation, zu Kaminöfen nachfragt, bekommt ein „Ja“ mit einem langen „aber“ zu hören. Grundsätzlich könne Heizen mit Holz als nachwachsendem Rohstoff einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten, sagt Patrick Huth von der Umwelthilfe. Auf der anderen Seite würden Kaminöfen oft ineffizient genutzt, seien oft überdimensioniert und anfällig für Fehler in der Bedienung. „Selbst bei einer optimalen Bedienung mit gut getrocknetem Holz sind die Emissionen vergleichsweise hoch“, sagt Huth. Vor allem die Emissionen von kleineren, besonders gefährlicheren Feinstaub-Partikeln sei hoch, sagt Huth.

Klaus Egly, Vorsitzender des Bundesverbandes Brennholzhandel/ Brennholzproduktion, weist die Kritik zurück. Ja, Kaminöfen produzierten Feinstaub. „Aber auch beim Nutzen anderer Brennstoffe entsteht Feinstaub, nicht nur bei der Verbrennung, auch beim Transport – da muss man schon die ganze Kette mit in die Berechnung einbeziehen“, sagt Egly.

Alte Öfen müssen stillgelegt werden

2010 trat eine neue Bundesverordnung in Kraft. Ältere Kaminöfen müssen schrittweise nachgerüstet oder stillgelegt werden. Zuletzt mussten bis Ende 2017 Kaminöfen ausgemustert werden, die vor Ende 1984 gebaut wurden. Der nächste Termin ist der 31. Dezember 2020, der die bis Ende 1994 gebauten Kaminöfen betrifft. Bis Ende 2024 müssen dann alle bis 21. März 2010 gebauten Öfen außer Dienst gestellt werden. Neue Öfen haben einen höheren Wirkungsgrad, heizen also besser, und sondern – unter anderem durch Filtersysteme – weniger Feinstaub ab.

Dirk Jansen, Geschäftsleiter beim Landesverband des BUND, rät dringend, nicht bis zum letzten Termin zu warten: „Gerade alte Kaminöfen sind mitunter wahre Feinstaub-Schleudern.“

Alexis Gula aus dem Vorstand des Bundesverbandes des Schornsteinfegerhandwerks, sagt: „Der Behauptung von der ein oder anderen Seite, dass Kaminöfen auch neuerer Bauart in Wahrheit Dreckschleudern sind, muss ich entschieden widersprechen.“ Die durch Hausbrand hervorgerufene Feinstaubmenge sei in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken.

„Blauer Engel“ als Ziel

Diskussionen gibt es auch um die Herstellerangaben. „Im Durchschnitt sind die Emissionen in der Praxis höher als auf dem Prüfstand“, sagt Anja Nowack vom Umweltbundesamt. „Die Herstellerangaben sind mit höchster Vorsicht zu genießen“, sagt auch Patrick Huth von der Deutschen Umwelthilfe. Die Umwelthilfe sei, sagt Huth, kein genereller Gegner von Kaminöfen, sondern suche nach Lösungen. Dazu gehöre neben einem Einsatz für realistischere Messmethoden auch, dass man gemeinsam mit Forschungseinrichtungen, dem Umweltbundesamt und den Herstellern versuche, einen „Blauen Engel“ für Kaminöfen zu entwickeln.

Rechtlich nur begrenzte Möglichkeiten

Denn in einem Punkt sind sich Kaminholz-Lobbyisten, Schornsteinfeger und Umweltschützer einig: Die schlimmsten Emissionen verursachen Kaminöfen, weil sie nicht richtig bedient werden.

Übrigens: Wer sich als Nachbar über den stinkenden Kaminofen des Nachbarn aufregt, hat übrigens nur begrenzte Möglichkeiten, etwas dagegen zu tun. Kaminöfen dürfen grundsätzlich ohne eine Mengenbeschränkung betrieben werden. Abfall verbrennen darf man allerdings nicht. Wenn man einen solchen Verdacht habe, solle man die Behörden einschalten, rät Patrick Huth von der Umwelthilfe.