Karl Ove Knausgård erklärt Hitler

Neues Buch "Kämpfen"

Lange haben die Fans auf den sechsten und letzten Band des autobiographischen Werks von Karl Ove Knausgård warten müssen. Jetzt ist "Kämpfen" erschienen. Wer in die glücklichen Gesichter der Menschen in der ausverkauften Lesung im Frankfurter Schauspiel blickt, ahnt, was der norwegische Schriftsteller ihnen bedeutet: Er wurde zu einer unverzichtbaren Stimme in ihren Leben.

FRANKFURT

, 24.05.2017, 13:51 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård dpa

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård dpa

Der amerikanische Kritiker Evan Hughs hat das Phänomen des Knausgård-Lesens treffend auf den Punkt gebracht: "Es ist wie das Tagebuch eines anderen zu öffnen und die eigenen Geheimnisse zu entdecken."

Als Moderator Alf Mentzer den Autor auf der großen Bühne des Frankfurter Schauspiels mit dieser Aussage konfrontiert, lächelt er nur schüchtern. Seine Leser glauben in diesem Moment genau zu wissen, wie der 48-Jährige mit dem zerfurchten Gesicht und den schönen, grauen, schulterlangen Haaren sich fühlt.

Autobiografie erzählt offen von Unsicherheit in der Öffentlichkeit

In den ersten Bänden seines autobiographischen Werks, das im norwegischen Original "Min Kamp" (also "Mein Kampf") heißt, erzählt er in seinem schonungslos ehrlichen, radikal offenen Stil auch davon, wie ihn die Unsicherheit bei öffentlichen Auftritten und Interviews fast zerreißt.

In "Kämpfen", der von der Zeit vor und nach der Veröffentlichung des ersten Bandes handelt, hat das Autor-Ich eine Entwicklung durchgemacht: Knausgård weiß die öffentliche Aufmerksamkeit jetzt zu schätzen und fragt sich sogar, ob er sie vermissen wird, "sollte der Wind sich drehen, mein Stern sinken und ich zu einer Nachricht von gestern werden."

Mit "Kämpfen" ist ein gewaltiger Abschluss gelungen

Mit fast 1300 Seiten hat "Kämpfen" den doppelten Umfang der vorherigen Bände. Der gewaltige Abschluss ist gelungen und fügt dem autobiographischen Projekt Neues hinzu.

Er funktioniert wie ein Überbau, Knausgård gibt hier eine Erklärung für seinen Ansatz des nicht-fiktionalen Schreibens, er liefert die Poetik nach für ein Projekt, das er eigentlich intuitiv begonnen hat.

500-seitiges Essay beginnt mit Paul Celan und endet mit Adolf Hitler

Durch detaillierteste Beschreibungen von alltäglichen Handlungen, vom grauenvollen Tod seines Vaters, den höchsten Höhen und abgründigen Tiefen seiner Beziehung gibt er darin ein Beispiel für das Leben eines Menschen in unserer Kultur.

In "Kämpfen" mündet das in einem 500-seitigen Essay, der mit der Analyse des Gedichts "Engführung" von Paul Celan beginnt und zur intensiven Auseinandersetzung mit Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" wird.

Autor versetzt sich in Figuren seines Romanprojekts

Bei der Frankfurter Lesung gesteht Knausgård ein, dass er sich unsicher war, ob er damit in Deutschland auf Lesereise gehen soll, weil er eine Grenze überschritten habe: "Ich bin in eure Geschichte eingetaucht."

Aber seine besondere Außenperspektive ergibt ein spannendes Bild. Der Autor versetzt sich mit einer Fülle an Quellenmaterial und Querbezügen in den jungen und heranwachsenden Hitler wie in die anderen real existierende Figuren seines Romanprojekts und gibt in der freien Form des Essays lesenswerte Erkenntnisse über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust.

 

Zur Person

  • Karl Ove Knausgård wurde am 6. Dezember 1968 in Oslo geboren.
  • Sein literarisches Debüt gab er 1998 mit dem Roman „Ute av verden“, das den norwegischen Kritikerpreis bekam.
  • 2009 veröffentlichte Knausgård die ersten drei seines sechs Bände umfassenden, autobiografisch angelegten Romanzyklus „Mein Kampf“.
  • 2011 kam der erste Band unter dem Titel Sterben auf Deutsch heraus.

Das letzte Buch "Kämpfen" ist am 22.5. erschienen: Karl Ove Knausgård: „Kämpfen“, 1280 S., Luchterhand, 29 Euro, ISBN 978-3-63 08 74 15-9.