Katja Ebstein bietet anspruchsvolle Unterhaltung

Hansa-Theater

Schlager ist anders. Das, was Katja Ebstein im aktuellen Programm „Na und – Wir leben noch!“ bietet, ist anspruchsvoll, inhaltsstark, sehr politisch. Die 71-Jährige hat etwas zu sagen. Das tut sie in Liedern, Gedichten und Texten. Von ihr, aber auch von Tucholsky, Kreisler, Heine, Hüsch und Wecker. Am Ende wird das „Wunderkind“ dafür im vollen Hansa-Theater mit stehenden Ovationen gefeiert.

HÖRDE

, 30.10.2016 / Lesedauer: 2 min
Katja Ebstein bietet anspruchsvolle Unterhaltung

Anspruchsvoll, inhaltsstark, sehr politisch: So präsentierte sich Katja Ebstein im Hansa-Theater.

„Ich hatte ganz was anderes erwartet“, sagt ein Zuschauer. Er hat Schlager hören wollen. Die aber gibt es nicht, dennoch lautet sein Urteil: „Sehr gut.“ Katja Ebstein kann politisch, sogar rebellisch sein. „Wir alle müssen auf die Straße gehen, für unsere Rechte kämpfen!“, ruft sie zum Ceta- und TTIP-Protest auf. In bester Kurt-Tucholsky-Manier fragt die Berlinerin rhetorisch: „Publikum, bist zu dumm?“ Die Zuhörer sind dies beim intellektuellen Programm nicht, verstehen selbst feinste Ironie und Satire. Auch wenn Karin Ilse Überall, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, nicht so deutlich wird wie bei Sigmar Gabriel, so kommen ihre Botschaften an. Den aktuellen SPD-Vorsitzenden greift sie an: „Wie sich die SPD selbst zerlegt, ist beispiellos.“ So geißelt die Wahlkampfhelferin des früheren Vorsitzenden Willy Brandt den heutigen Parteikurs.

Kein Blatt vor dem Mund

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, erklärt klar ihre Linie pro Umwelt- und Kinderschutz sowie soziale Gerechtigkeit, wider die Profitgier, Nazis und Krieg. Protestsongs wie „Feste Jungs, macht nur weiter so!“ von Robert Long und „Prost Deutschland“ von Konstantin Wecker gehören ebenso zu ihrem Repertoire wie Liebesgedichte á la „Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht“ von Heinrich Heine, Anklagen wie „Frieden beginnt beim Frühstück“ des Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch und Polit-Lieder wie „Drama einer Kellerassel“ von Bertolt Brecht.

Singendes Zirkuskind

Beim a cappella vorgetragenen „Kinder“ (Sind so kleine Hände) von Bettina Wegner und „Sag’ mir, wo die Blumen sind“, das sie zur Klavier-Minimalbegleitung des exzellenten Pianisten Stefan Kling intoniert, gibt’s Gänsehaut pur. Da spürt man, dass Ebstein mehr als nur Schlager kann. Gar das von Friedrich Holländer komponierte „Wunderkind“ ist. Als singendes Zirkuskind spielt sich die Schauspielerin gestenreich in den Vordergrund, zeigt ihren Facetten-Reichtum. Und der ist völlig anders als Schlager. Bravo!

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