Kay Voges: Letzter Vorhang gilt der Liebe zum Theater

Theater Dortmund

„Play: Möwe / Abriss einer Reise“ zum Abschied des Dortmunder Schauspielintendanten Kay Voges ist ein toller Abend geworden. Es ist ein Rückblick auf die Inszenierungen in seiner Ära.

Dortmund

, 13.10.2019, 13:52 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kay Voges: Letzter Vorhang gilt der Liebe zum Theater

Die Videos in „Play: Möwe“ beeindrucken. Hier sprechen Anke Zillich und Frank Genser über das Leben als Dichter, Alexandra Sinelnikova versucht sie zu begreifen. © Hupfeld

Für ein Testament ist Kay Voges (47) noch zu jung. Aber die letzte Inszenierung des scheidenden Intendanten an „seinem“ Dortmunder Schauspiel ist doch eine Art Vermächtnis – ein schillernder, bunter, lustiger und wehmütiger Gedankenpalast über dieses seltsame Ding, das wir Theater nennen.

Zu Beginn melancholisch

Von Anfang an liegt Melancholie über dem Stück „Play: Möwe/Abriss einer Reise“, das am Freitagabend mit viel Applaus Premiere feierte. Es ist der letzte Akt einer zehnjährigen Dortmund-Ära, eine Liebes- und Leidenserklärung an die Bühne, entwickelt von Voges selbst, seinen Dramaturgen und Schauspielern. Zeigen sie neue Formen oder denselben alten Mist? Lieber Schmerz oder Scherz? „Bin jetzt auch am Theater! Habe also auch nie wieder Zeit!“, heißt es einmal.

Ein Text über die Schönheit im Spiel stammt von Filmemacher Jean-Luc Godard. Auch Anton Tschechows „Die Möwe“ dient nur als Steinbruch. Den Regisseur Voges interessieren daran die Krisen der Dichter Treplew und Trigorin. Ihr Schreibtisch und ein Bett sind die einzigen Konstanten, die sich Bühnenbildner Michael Sieberock-Serafimowitsch und Kostümbildnerin Mona Ulrich erlauben. Ansonsten gehen Samt- und Gazevorhänge im Akkord auf und zu, geben den Blick frei auf viele verschachtelte Stücke im Stück. „Wir brauchen neue Formen“, sagt Dichter Treplew, den Andreas Beck tief beeindruckend spielt. Im Laufe des Abends setzen aber auch andere seine Kappe auf und denken übers Theater nach.

Figuren aus zehn Jahren

Neue Formen – das schrieb Tschechow 1896 und das gilt für Voges 2019. Noch nie hat der Meister der Technik dabei so viel Schrift und so raffinierte Überblendungen verwendet. „Echo und Erinnerung – alles benutzen“ lesen wir zu Beginn auf der Leinwand und sehen dann die Echos aus zehn Jahren Lust am Spiel. Es wirken mit: der rosa Hase (ikonisch für die Voges-Ära) aus dem „Goldenen Zeitalter“, die Mädchen aus der „Borderline-Prozession“, das blaue Alien aus den „Nachrichten ans All“ und unzählige mehr. Dieser Gedankenpalast hat viele Zimmer und bietet ein Suchspiel für Fans.

Das herausragende Ensemble liefert die schönsten, die ehrlichsten Szenen – etwa, wenn sich die Schauspielerinnen an ihre weißen Bühnenkleider erinnern und eine (wunderbar: Anke Zillich) darum trauert, dass sie noch nie eines tragen durfte. Sie wird es am Ende bekommen. Oder wenn Bettina Lieder eine Panikattacke erleidet, weil eine Schauspielerin mit 60 noch wie 25 auszusehen hat. Ein verzweifelter, urkomischer Monolog, für den es Szenenapplaus gab. Kaum weniger lustig ist eine Szene mit Fäkalhumor, in der Treplew (diesmal Ekkehard Freye) trotz lautstarker Verdauung auf der Toilette von einen Fan belästigt wird. Gefurzt wird hier mit perfektem Timing.

Wenig Handlung

Ein Nachteil des Abends ist, dass er wenig durchgehende Handlung hat. So hängt die Uraufführung nach einer genussvollen Stunde durch, findet ihre Spannung dann wieder und mündet nach zweieinhalb Stunden ohne Pause in ein Finale, von dessen eindrucksvollen Szenen jede als Schlussbild getaugt hätte und das darum etwas schwergewichtig wirkt.

Und doch: Das ist ein toller Abend für alle, die das Theater lieben. Wir als Zuschauer begreifen die Schmerzen, mit denen ein Stück geschrieben wird. Die Zweifel, mit denen Schauspieler jeden Abend um ihren Ausdruck ringen. Den Wunsch, etwas Wichtiges über die Welt zu sagen. Kay Voges ist das seit 2010 in Dortmund gelungen.

Termine: 16. / 23. / 25. 10., 10. / 15. / 24. 11., 19. 12., 11. / 25. 1.; Karten: Tel. (0231) 502 72 22 und unter www.theaterdo.de
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