Kein Leichtgewicht: Jean-Paul Sartres "Nekrassow"

Dortmunder Schauspielhaus

DORTMUND Prallvoll ist dieser Theaterabend. Prallvoll an optischen Eindrücken, Themen, Anspielungen, Symbolen, Deutungsmöglichkeiten, aktuellen Bezügen und schauspielerischen Kabinettstückchen.

von Von Andreas Schröter

, 15.11.2009, 13:20 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der falsche russische Innenminister Nekrassow (Michael Kamp, Mitte) mischt die Presse auf. Links Journalist Sibilot (Barbara Blümel), rechts Inspektor Goblet (Claus Dieter Clausnitzer).

Der falsche russische Innenminister Nekrassow (Michael Kamp, Mitte) mischt die Presse auf. Links Journalist Sibilot (Barbara Blümel), rechts Inspektor Goblet (Claus Dieter Clausnitzer).

Als Besucher von Jean-Paul Sartres "Nekrassow", das Samstag Premiere im Dortmunder Schauspielhaus hatte, ist man am Ende mit Theatralem abgefüllt. Aber auch wenn etwas weniger gereicht hätte, muss man Regisseur Philipp Preuss bescheinigen, den Dortmundern sieben Monaten vor dem Ende der Ära Gruner noch einmal eine große Produktion geschenkt zu haben.

Beeindruckend intensiv ist bereits die erste Szene, in der Matthias Scheuring und Barbara Blümel ein Clochardpaar geben, das den Hochstapler Georges de Valéra (Michael Kamp) am Selbstmord hindert. Ein voller Eimer Wasser, mit dem Kamp sich überschüttet, sorgt hier für einen ersten Knalleffekt.Wandlungsfähigkeit

Besagter de Valéra, der vor der Polizei flüchtet, dient sich später einem Journalisten an, der von seiner Zeitung den Auftrag erhalten hat, irgendeine Schreckensnachricht aufzutun, mit der die Konservativen im Frankreich der 50er Jahre bei der Bevölkerung die Angst vor den Kommunisten schüren können. Der Hochstapler wird zum furchteinflößenden russischen Innenminister Nekrassow und Michael Kamp stellt seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis.

Der falsche Nekrassow enthüllt eine Liste von Todeskandidaten, auf der nur ein einziger Name fehlt: der von Mouton (Andreas Vögler). Perverserweise bilden die "zukünftig Erschossenen" ausgelassen feiernd einen Club, während Mouton in Panik daneben steht.

"Nekrassow" behandelt gleich eine ganze Reihe von Themen: die Rolle von Politikern und Medien, ihr Spiel mit der Angst und was diese Angst mit den Individuen anstellt, sind nur einige wenige davon. Bezüge zur Gegenwart - Stichwort Angst vor dem Fundamentalismus - liegen auf der Hand.

Ramallah Aubrecht hat dafür ein Bühnenbild erfunden, das aus zahlreichen Türen besteht. Lauter Raus' und Reins und viel Geknalle werden möglich. Und sogar die Ruhr Nachrichten kommen vor: stapelweise als Sitzgelegenheiten und um die Zeitungsredaktion darzustellen.

Auch wenn man beim ersten Anschauen sicher nicht alle Anspielungen versteht, bietet "Nekrassow", das Sartre selbst als "satirische Farce" bezeichnete, gleich eine ganze Reihe von sehenswerten Szenen und Details: Harald Schwaiger als kühle Sekretärin, Barbara Blümel als duckmäuserischer Journalist Sibilot mit Bart oder eine eindrucksvoll mit Masken agierende Zeitungsbesatzung.Hochkonzentriert

"Nekrassow" ist kein Leichtgewicht für ein entspanntes Zurücklehnen am Wochenende, es ist ein Theaterstück, bei dem man hochkonzentriert auf der Stuhlkante sitzt, um auch ja alles mitzukriegen, und das einen noch lange nach dem Schlussapplaus beschäftigt.

Termine: 28.11.; 9., 17.12.; Karten: Tel. (02 31) 5 02 72 22.

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