Kindlich und schamlos

Museum Folkwang

Tomi Ungerer kann provozieren, schockieren und liebreizend erzählen: Das Essener Museum Folkwang widmet dem Künstler nun die Ausstellung "Tomi Ungerer. Incognito" mit 170 weitgehend unveröffentlichten Collagen, Zeichnungen und Plastiken aus fünf Jahrzehnten.

ESSEN

, 17.03.2016, 16:17 Uhr / Lesedauer: 1 min
Kindlich und schamlos

Die Collage "Pride and Prejudice" ist 2012 entstanden.

Es ist eine Ausstellung, die in weiten Teilen auch wehtut: Bilder von Gewalt, Krieg, Faschismus, aber auch sexueller Potenz und den Zwängen in der Liebe. Der größte Teil der im Museum Folkwang ausgestellten Werke stammt aus dem Archiv Ungerers, der für die Mitgestaltung der Schau extra aus seiner Heimat Irland, wo er seit den 70er-Jahren lebt, angereist ist - begleitet wird er dabei von seiner Tochter. Dass Ungerer sowohl als Kinderbuchautor aber als auch schockierender Künstler erfolgreich ist, sieht er nicht als Gegensatz.

Stets nebenher entstanden

Die Kinderbücher seien als Projekte stets nebenher entstanden. "Ich bin immer ziemlich kindlich und ziemlich schamlos geblieben", sagt er. Als Künstler müsse er, was ihn beschäftigt "aus dem System zu bekommen". "Ich habe mir aber häufig Sorgen gemacht, dass Kinder einige meiner Bücher lesen könnten - aber das liegt dann auch in der Verantwortung der Eltern". Als politischer Künstler hat sich Ungerer auch häufig mit Faschismus auseinandergesetzt. Ob ihm die jüngsten politischen Entwicklungen in Europa Sorge bereiten? "Ganz enorme", sagt der bekennende Atheist, "ich habe eine neue Serie dem Neo-Faschismus gewidmet. Sie wird nächsten Monat in Berlin ausgestellt".

Ob ein Kind, dass lachend neben einem scheinbar verwundeten Mann steht oder ein Koch, der ein Baby auf den Grill wirft: Ungerers Motive können verstören, beim Betrachter mehr Fragen aufwerfen als beantworten. "Ein Plakat muss den Betrachter treffen wie ein Faustschlag" steht beispielsweise unter Ungerers politischen Plakaten.

"Werfe es von mir"

Und das trifft auf viele Arbeiten dieser Schau zu - zumal auch einige mit Sehnsüchten Ungerers spielen. Welche seiner Arbeiten seine liebste ist, kann oder will der Franzose nicht sagen. "Natürlich habe ich meine Lieblinge, aber wenn ich mit einem Werk erst mal fertig bin, werfe ich es von mir. Es ist wie eine Missgeburt, ich will es nicht mehr sehen."

Museum Folkwang, "Tomi Ungerer. Incognito", 18.3. - 16.5., Bismarckstraße 60, Di - Sa 10 - 18 Uhr, Fr bis 22 Uhr. Katalog 49 Euro. Sa, 20.3., 16 Uhr, Künstlergespräch.