Kleingärten wandeln sich

Nur grillen allein geht nicht

Elmar Langhammer schiebt bester Laune die Schubkarre vor sich her. Er ist in seiner Kleingartenanlage, gleich geht es in seine Parzelle. Und wenn der kräftige Mann da in wenigen Minuten durch die Beete krabbelt, bei fünf Grad Celsius und nervigem Nieselregen, dann wird er trotzdem sagen: „Nur so kann ich wirklich meine Ruhe finden.“

Bochum

, 27.01.2018, 05:50 Uhr / Lesedauer: 4 min
Kleingärten wandeln sich

Klaus Jüttner (v.l.), Hans-Joachim Bilitizki und Elmar Langhammer lassen sich auch von frostigen Temperaturen nicht abschrecken und sind in der Anlage Vogelsang anzutreffen. Fotos (3) Strohmann

Der Mann mit dem Schalke-Schal unter der dunklen Jacke hat erst vor drei Jahren hier in der Kleingartenanlage Vogelsang in Wattenscheid-Höntrop seine Laube zugeteilt bekommen. Er wusste, wie begehrt die Parzellen sind, dann war er überrascht, wie schnell er nach seiner Bewerbung einen Platz bekam. Als Zehnjähriger habe er zu seinem großen Erstaunen gesehen, wie so eine Schlangengurke an einem Strauch wachse, das habe ihn beeindruckt „und das Interesse an Natur und Garten war geweckt“.

Nun werkelt er mit wachsender Begeisterung auf seiner Parzelle und seine Frau, die anfangs mit einer mehr als gesunden Skepsis an die Sache heranging, sei längst ebenfalls eine überzeugte Kleingärtnerin. „Jetzt krabbelt sie genauso durch die Beete.“ Die Langhammers nennen es ihre kleine Hüpfburg, hier können sie sich austoben, hier können sie vor allem etwas wachsen sehen.

Tief durchatmen

Die Anlage Vogelsang ist ein Schmuckstück, es lässt sich ganz tief durchatmen. Die Parzellen sind begehrt, Leerstände gibt es nicht, dafür aber immer wieder mal eine Warteliste. Die Motivation, sich hier ein Fleckchen Erde zu sichern, ist eigentlich ganz einfach. „Viele wollen einfach raus aus ihrer Wohnung, nicht immer nur auf der Couch sitzen, und wenn sie keinen Garten haben, dann ist eine Kleingartenanlage eine prima Alternative“, sagt Klaus Jüttner, seit 25 Jahren Kassierer in dem Verein. Und da sei es nun wirklich nicht die wichtigste Voraussetzung, „einen grünen Daumen zu haben.“ So ein Kleingarten sei eine prächtige Schule, hier lerne man, wie Zwiebeln gepflanzt werden, hier erfahren Kinder, „dass Möhren nicht im Bund geerntet werden“.

In der Kleingartenanlage Vogelsang lebt der Mief von gestern und vorgestern allenfalls noch im Ausnahmefall. Das klassische Spießertum ist ausgerottet, es ist auch eher eine Rarität, kleine süße Gartenzwerge zur Schau zu stellen. Aber auch die Idylle aus älteren Zeiten, der Plausch über den Gartenzaun hinweg, die gemeinsame Flasche Bier auf der Bank – all das steht nicht mehr auf der Liste ganz weit oben. Jeder, der hier aufschlage, „soll schon naturverbunden sein“, sagt Hans-Joachim Bilitzki, der stellvertretende Vorsitzende des Vereins. Es sei schon gewünscht, und es wird auch erwartet, den Garten zu hegen und zu pflegen, dazu gehöre auch, lästigen Pflichten wie Unkraut jäten nachzukommen. „Nur grillen und eine kalte Kiste Bier geht nicht.“

Eine Million Kleingärten

102 Parzellen hat die Kleingartenanlage Vogelsang, es ist herrlich ruhig hier, die Wege sind schön breit, nach links und rechts erstrecken sich Weiden und Wiesen, die ersten Häuser sind mindestens hundert Meter weit entfernt. Insgesamt sind in diesem Land rund eine Million Kleingärten registriert, und die Nachfrage steigt. Bundesweit nutzen 97 Prozent der Kleingärtner Regenwasser zum Bewässern, 96 Prozent kompostieren, 54 Prozent der Neu-Kleingärtner betreiben biologischen Anbau, knapp Zwei Drittel verzichten auf Kunstdünger. Die Parzellen werden gepachtet, gut 2000 Euro kostet so ein Stückchen Erde in Wattenscheid einmalig, dazu kommen die laufenden Kosten für Strom und Wasser, und jeder Quadratmeter kostet jährlich 24 Cent Pacht. Da kommen im ersten Jahr mit anderen kleineren Unkostenbeiträgen wie Mitgliedsbeitrag etc. schon 3500 Euro zusammen.

Kleingärten wandeln sich

In seinem Garten findet Elmar Langhammer den Ausgleich und die Ruhe.

Haustiere nicht gestattet

Dauerhaft wohnen darf man hier nicht, das steht nicht auf dem Plan, aber eine Nacht mal das Lager aufschlagen, wenn es spät geworden ist, ist dann schon erlaubt. Haustiere sind auch nicht gestattet, allenfalls Bremsen und Wespen. Wenn die Naturfreunde Laube an Laube werkeln, wenn sie miteinander auskommen müssen, weil sie sich ihre Nachbarn ja nicht aussuchen können, dann ist es schon hilfreich, den Anderen mit Toleranz und Hilfsbereitschaft zu begegnen, gleichzeitig aber auch ein paar Regeln aufzustellen. Da muss der Rasen nicht mit der Pinzette gepflegt werden, aber wer seinen Garten verwildern lässt, der könnte schon seinen geregelten Ärger bekommen.

Der Pächter wird geladen, erst droht ihm eine Abmahnung, danach auch eine Kündigung. „So leicht lassen wir uns einen extrem ungepflegten Garten nicht als besonders ökologisch wertvoll verkaufen“, sagt Klaus Jüttner. So gern man den Geruch des eigenbrötlerischen Laubenpiepers von sich weisen will, nur großzügig oder gar weltoffen geht auch nicht. Und so gehört es auch zum guten Ton, mindestens sechs Stunden jährlich in die Gemeinschaftsarbeit zu stecken. Hecken müssen geschnitten werden, Wege sollen sauber bleiben. „Ohne geht es nicht“, sagt Elmar Langhammer, er ist für die Fachberatung zuständig, er weiß, dass manche erst mal eindringlich überredet werden wollen.

Rasen kann man nicht essen

Kleingartenanlagen sind natürlich mehr als ein Ort der Entspannung, eine Oase der Ruhe. So schön ein herrlich grüner und saftiger Rasen auch aussehen mag, „Rasen kann man nicht essen“, lautet einer der beliebtesten Sprüche. Und so wird munter Obst und Gemüse angebaut, es gibt jede Menge Beeren für Marmelade, alles für den Eigenbedarf, „aber doch als Wirtschaftsfaktor, als Nahrungsquelle“, sagt Hans-Joachim Bilitzki. Gerade in den letzten Jahren hätten sich viele Bewerber mit Migrationshintergrund gemeldet, „vor allem auch Russen, Georgier, Kasachen, in der Regel deutschstämmig“. Vor allem sie nutzen den Platz für Kartoffeln, Kohlrabi, Tomaten, auch Grünkohl. Die Lebensmittelpreise sinken ja nicht gerade, da ist es schon hilfreich, seine eigene Scholle zu haben, „eine eigene Nahrungsquelle als Wirtschaftsfaktor“, wie es Bilitzki formuliert.

Sprachschwierigkeiten

Die Kultur der Geselligkeit werde durch die Nutzer mit Migrationshintergrund, die teilweise auch Sprachschwierigkeiten hätten, nicht gerade gefördert, „sie hat sich grundsätzlich ein wenig zerschlagen“, klagt Hans-Joachim Bilitizki. Aber dennoch: Sie sind stolz auf ihre Anlage. Jährlich sucht die Stadt Bochum unter 80 Kleingärten in verschiedenen Kategorien die schönsten, besten, vor allem gepflegtesten, „und wir landen jedes Jahr auf dem Treppchen“, sagt Klaus Jüttner. In diesem Sommer gab es eine besondere Auszeichnung: Beim 8. Landeskleingartenwettbewerb NRW holte die Anlage Vogelsang Bronze. Sie hatten sehr viel Arbeit hineingesteckt, hatten vor allem noch einmal das Bienenhotel mitten in der Anlage aufgehübscht. Auch Elmar Langhammer macht sich wieder ans Werk, „Fremde sind überrascht, wenn sie einmal sehen, wieviel Arbeit dazugehört“. Aber für ihn ist es ja keine Arbeit.