Kneipensterben geht weiter: "Karos Erpel" hat geschlossen

Bei Facebook verkündet

Dortmund erlebt gerade gefühlt eine Flut an Kneipen- und Restaurantschließungen. Das geht auch an Hörde nicht spurlos vorbei. Zuletzt erwischte es mit der "neuen Ess-Klasse" ein Restaurant im Schatten des Phoenix-Sees und eine weitere alteingesessene Eckkneipe, das "Karos Erpel". Dabei war Hörde früher eine Gaststätten-Hochburg.

HÖRDE

, 19.08.2017, 01:05 Uhr / Lesedauer: 3 min
Kneipensterben geht weiter: "Karos Erpel" hat geschlossen

Die Kneipe „Karos Erpel“ an der Gildenstraße ist seit Anfang August geschlossen.

Im Juli gaben die Betreiber von "Die neue Ess-Klasse" in den Räumen des ehemaligen Treppchens auf. Anfang August schlossen in „Karos Erpel“ an der Gildenstraße zudem die Türen einer weiteren Eckkneipe für immer.

Die letzte Runde wird heutzutage oft am virtuellen Tresen ausgeschenkt. Bei Facebook verkündete der Betreiber von „Karos Erpel“, Roland Schulte-Mattler, vor zehn Tagen „ziemlich traurig“ ohne weitere Angabe von Gründe die Schließung. „Nichts desto trotz werden die ganzen Freunde die wir dort gefunden haben, jede coole Party, jeder Tanz auf den Tischen, jedes Spiel unserer Dartmannschaften, jeden Musikwunsch, jede große Liebe, die im Erpel entstanden ist, für immer in unserem Herzen behalten“, schreibt er. Sie danken „für eine wundervolle Zeit und die schönen Erinnerungen, die wir mit euch teilen durften“.

Unter dem Beitrag steht eine ganze Reihe von erschrockenen Kommentaren. Weinende Emojis finden sich da, ein Hoch auf die alten Zeiten, viele Worte des Dankes. Anscheinend haben Roland und Katrin im Umgang mit ihren Gästen vieles richtig gemacht. Am Ende ist wieder eine Hausecke weniger im Hörder Zentrum, die durch eine Kneipe belebt wird.

Durst wegen Staub und Hitze

Dabei gehörte die Eckkneipe einmal zum Erscheinungsbild Hördes dazu wie die Fackel oder der Hochofen. Eduard Frantzen lag mit der Gründung der Hörder Stiftsbrauerei 1867 goldrichtig. Er hatte erkannt, dass die im Hörder Werk Beschäftigten bei enormer Hitze und Staub viel Durst bekommen würden. Diesen stillten sie in von Stifts belieferten Kneipen.

Neben Gaststätten mit Bier ab 25 Pfennig entstanden zahlreiche Trinkhallen, es gab Privatverkäufe unter Nachbarn. Die Eckkneipe für die Arbeiter entsteht dort, wo es schon historisch gewachsene Gasthäuser wie „Treppchen“ oder „Wüstefeld“ gibt.

100 Gastwirtschaften allein in Hörde

Die Jahre zwischen 1908 und 1926 sind das Gegenteil der Entwicklung zwischen 2000 und heute. Die Gastronomieszene in Hörde vervierfacht sich auf gut 100 Gastwirtschaften. Bis in die frühen 1930er-Jahre sind viele Gründungen verzeichnet. Kaum ein Stadtviertel bleibt unversorgt. Dafür für stehen Namen wie Bergmann, Böllhoff, Bültmann, Dräger, Eickelpasch, Heimsoth, Gruttmann und viele andere Gastronomen-Familien dieser Zeit.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hängen Kneipensterben, Brauereiveränderungen und Stahlkrisen stets eng zusammen. Die Bedingungen für Gastwirte verändern sich immer wieder radikal. Wirtinnen und Wirte sind oft zäh. Dennoch verschwinden die meisten der Traditionskneipen mit den Jahren. 2013 kommt spätestens mit dem strikten Raucherschutzgesetz für viele das Aus. In diese Zeit fällt etwa die Schließung der „Kümmel-Ecke“ oder von „Haus Gruttmann“.

Neues Leben in der "Kümmel-Ecke"

In die "Kümmel-Ecke" ist vor Kurzem wieder neues Leben eingezogen: Inhaber Karl-Heinz Da Cunha und seine leitende Angestellte Andrea Kesselmeier die Kneipe wieder eröffnet. „Es beginnt gerade, sich wieder herumzusprechen. Die alten Gäste kommen peu à peu wieder“, sagt Andrea Kesselmeier über die ersten Wochen.

Die Fußballübertragungen in der „Kümmel-Ecke“ gehören ab diesem Wochenende wieder zu den regelmäßigen Möglichkeiten, hier an der Hermannstraße zusammenzukommen.

Etwa auf dem Stand von 1906

Die alten Namen fallen heute immer noch, wenn wieder jemand schließt. „Ker, wat war dat schön“, heißt es dann. Dabei ist Hörde immer noch nicht unterversorgt. „Kluseneck“, „Poststübchen“, „Hörder Treff““, „Oller Kotten“, „Poststübchen Hörder Treff“, „Haus Kilp“, „Bistro Kontrast“, „Zum Sternenkieker“ – solche Orte gibt es noch immer, und es sind mehr als in vielen anderen Dortmunder Vororten. Zusammen mit Restaurants und Spezialgastronomien wie dem „Cabaret Queue“ ergibt das etwa den Stand von 1906, als es zwischen 25 und 30 Gastronomiebetriebe in Hörde gab.

Paradox: Am Phoenix-See boomt die Gastronomie mit einem guten Dutzend neuer Betriebe. Die klassische Bierkneipe zieht aber seit Jahren immer weniger.

Ohne Konzept geht es nicht

„Du brauchst ein Konzept. Jeder muss seine Nische finden“, sagt Thomas Wüstefeld, Inhaber des gleichnamigen Gasthauses und Vorsitzender des Aktivkreises Hörde. Bei ihm sind es lokales Bier und eine daran angepasste Karte. Viele andere Gastwirte sind eingeschränkt. Valentina Rüweid, Inhaberin des „Sternenkiekers“ in unmittelbarer Nachbarschaft von „Karos Erpel“ hat einen 75-Quadratmeter-Raum. „Da kann ich nicht viel machen.“

Ihr Geschäft funktioniert, aber auch nur, weil sie zugleich Eigentümerin des Hauses an der Gildenstraße ist. „Aber es ist nicht so einfach.“ Sie lebt von den Rentnern, die vormittags kommen, ganz wie in alten Schichtwechselzeiten. Von Stammkunden, Abendbesuchern und gelegentlichen Hörder Kulturgästen. „Vom See?“, sagt Valentina Rüweid auf Nachfrage. „Davon merkst du hier gar nichts“.

Das sind die Probleme: Die Preise der Brauereien steigen stetig an und belasten viele Gastwirte. Eine weitere Schwierigkeit laut Wirtin Valentina Rüweid: die Sky-Abonnements für Fußballspiele, die rund 600 Euro monatlich kosten. „Das musst du haben“, sagt sie. Aber dafür auch viele Getränke verkaufen, um die Kosten hereinzuholen. Ein Bier kostet im „Sternenkieker“ 1,40 Euro.

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