"Komm Helmut, erzähl mich dat Tor!"

Das Wunder von Bern

Rahn schießt ... und erzielt das 3:2 für die deutsche Elf gegen Ungarn und macht damit das Wunder von Bern bei der Fußball-WM 1954 perfekt. 60 Jahre danach erinnert Chefredakteur Hermann Beckfeld an das Wunder und "Boss" Helmut Rahn. Hier veröffentlichen wir das ungekürzte Vorwort aus der Neuauflage von Rahns Autobiografie.

Dortmund

, 30.05.2014, 19:05 Uhr / Lesedauer: 4 min
Rahns Treffer zum 3:2-Endstand im Finale gegen die hochfavorisierten Ungarn bedeuteten den ersten Weltmeisterschaftstitel für die Bundesrepublik Deutschland.

Rahns Treffer zum 3:2-Endstand im Finale gegen die hochfavorisierten Ungarn bedeuteten den ersten Weltmeisterschaftstitel für die Bundesrepublik Deutschland.

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Die besten Bilder aus der Karriere von Helmut Rahn

Helmut Rahn war einer der erfolgreichsten deutschen Fußballer der Geschichte. Er hatte mit seinen beiden Toren im Berner WM-Finale am 4. Juli 1954 wesentlichen Anteil am 3:2 Sieg der Nationalmannschaft über Ungarn. Anlässlich des bald anstehenden 50. Jahrestages des Endspiels zeigen wir die besten Bilder aus der Karriere des "Bosses".
27.05.2014
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Helmut Rahns sportlich erfolgreichste Zeit begann nach seinem Wechsel vom SV Katernberg zu Rot-Weiss Essen 1951 - dem Klub blieb er acht Jahre treu. Während dieser Phase konnte er den DFB-Pokal sowie eine deutsche Meisterschaft gewinnen. Als Spieler von RWE wurde er erstmals in den Kader der Nationalelf (4. v.l.) berufen und stand mit ihr 1954 im Finale der Weltmeisterschaft in Bern (Foto).© Foto: dpa
Rahns Treffer zum 3:2-Endstand im Finale gegen die hochfavorisierten Ungarn bedeuteten den ersten Weltmeisterschaftstitel für die Bundesrepublik Deutschland.© Foto: dpa
Hier sieht man Helmut Rahn (r.) bei der Siegerehrung mit einigen seiner Mannschaftskameraden und Trainer Sepp Herberger (l.)© Foto: SWR
Darüber hinaus wurde Rahn auch durch den amtierenden Bundespräsidenten Theodor Heuss mit dem silbernen Lorbeerblatt geehrt.© Foto: dpa
Den Erfolg mit der Nationalmannschaft konnte Rahn (l.) bei der Weltmeisterschaft 1958 trotz seines 1:0-Siegtreffers über Jugoslawien (Bild) und dem damit verbundenen Einzug ins Halbfinale jedoch nicht wiederholen.© Foto: dpa
Nach Stationen beim 1. FC Köln und in den Niederlanden beim FC Twente Enschede landete Rahn 1963 beim MSV Duisburg, wo er noch zwei Jahre spielte, seine Karriere jedoch verletzungsbedingt beenden musste.© Foto: dpa
18 Jahre nach dem Triumph von Bern feiert Rahn mit seinem ehemaligen Kapitän Fritz Walter (l.) den Geburtstag von Alt-Bundestrainer Sepp Herberger (M.).© Foto: dpa
Am 11. Juli 2004 wurde am Georg-Melches-Stadion in Essen eine Bronze-Statue zu Ehren des am 14. August 2003 verstorbenen Helmut Rahn eingeweiht. Die Fans von Rot-Weiss Essen verehren ihn bis heute.© Foto: dpa

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Die besten Bilder aus der Karriere von Helmut Rahn

Helmut Rahn war einer der erfolgreichsten deutschen Fußballer der Geschichte. Er hatte mit seinen beiden Toren im Berner WM-Finale am 4. Juli 1954 wesentlichen Anteil am 3:2 Sieg der Nationalmannschaft über Ungarn. Anlässlich des bald anstehenden 50. Jahrestages des Endspiels zeigen wir die besten Bilder aus der Karriere des "Bosses".
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Helmut Rahns sportlich erfolgreichste Zeit begann nach seinem Wechsel vom SV Katernberg zu Rot-Weiss Essen 1951 - dem Klub blieb er acht Jahre treu. Während dieser Phase konnte er den DFB-Pokal sowie eine deutsche Meisterschaft gewinnen. Als Spieler von RWE wurde er erstmals in den Kader der Nationalelf (4. v.l.) berufen und stand mit ihr 1954 im Finale der Weltmeisterschaft in Bern (Foto).© Foto: dpa
Rahns Treffer zum 3:2-Endstand im Finale gegen die hochfavorisierten Ungarn bedeuteten den ersten Weltmeisterschaftstitel für die Bundesrepublik Deutschland.© Foto: dpa
Hier sieht man Helmut Rahn (r.) bei der Siegerehrung mit einigen seiner Mannschaftskameraden und Trainer Sepp Herberger (l.)© Foto: SWR
Darüber hinaus wurde Rahn auch durch den amtierenden Bundespräsidenten Theodor Heuss mit dem silbernen Lorbeerblatt geehrt.© Foto: dpa
Den Erfolg mit der Nationalmannschaft konnte Rahn (l.) bei der Weltmeisterschaft 1958 trotz seines 1:0-Siegtreffers über Jugoslawien (Bild) und dem damit verbundenen Einzug ins Halbfinale jedoch nicht wiederholen.© Foto: dpa
Nach Stationen beim 1. FC Köln und in den Niederlanden beim FC Twente Enschede landete Rahn 1963 beim MSV Duisburg, wo er noch zwei Jahre spielte, seine Karriere jedoch verletzungsbedingt beenden musste.© Foto: dpa
18 Jahre nach dem Triumph von Bern feiert Rahn mit seinem ehemaligen Kapitän Fritz Walter (l.) den Geburtstag von Alt-Bundestrainer Sepp Herberger (M.).© Foto: dpa
Am 11. Juli 2004 wurde am Georg-Melches-Stadion in Essen eine Bronze-Statue zu Ehren des am 14. August 2003 verstorbenen Helmut Rahn eingeweiht. Die Fans von Rot-Weiss Essen verehren ihn bis heute.© Foto: dpa

Du bist in Essen geboren, in Essen gestorben. Für Essen gezeugt. Einen wie Dich kann man nicht erfinden. Helmut, der Rotzbengel, einer aus der Kolonie. Drei Brüder, Vater auf dem Pütt, Fußball im Kopf. Weil Du gut kicken kannst, musst Du nicht auf Zeche. »Du tanzt mit einem Weltmeister«, wirst Du später den Frauen ins Ohr flüstern. »Rahn ist der erste Held der Bundesrepublik Deutschland«, schreiben Historiker. – Diesen Satz hättest du nie gesagt.

Als ich im Hotel Belvédère nach Dir suche, ist der Geist von Spiez schon über alle Berge.  Aber an der Tür von Zimmer 303 hängt ein poliertes Schild und verrät, wer hier 1954 geschlafen hat. Fritz Walter, der Kapitän, der sensible Schönspieler, der Filigrane, der Sekttrinker, der stete Selbstzweifler. Und Du. Der ungestüme Junge aus dem Revier, der Kraftbolzen, der immer ein Pils auf Halde bestellte, kein Kind von Traurigkeit, strotzend vor Ener-gie, überzeugt von eigener Stärke, der Lebenskünstler: »Fritz, wir machen das schon.« Ich habe in Deinem Zimmer im dritten Stock geschlafen, auf den türkis funkelnden Thunersee geschaut und mir vorgestellt, wie Du auf dem Balkon Deine Show abgezogen hast. Die Markhändlerin-Nummer für die Kameraden, die auf der Terrasse Skat dreschen: »Prima schnittfeste Tomaten, Leute! Oma-Lutsch-Birnen für zahnlose Großmütter. Rotkohl, Weißkohl, Wirsing, Spinat; Leute, heut wird alles verschenkt! Wenn keiner kommt, dann leckt mich am A…« In der Vorrunde der Fußball-WM bist Du der Reservist, der zum Frusttrinken in die Niesenbar am Bahnhof ausbüchst. Die Kneipe ist heute eine Bruchbude und keine Sünde mehr wert. 

Natürlich war ich auch in Bern, doch alles ist weg. Das alte Wankdorfstadion, die Holztribünen, die Sprecherkabine, aus der heraus Reporter Herbert Zimmermann Richtung Deutschland schrie: »Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister.« Sie nennen Dich Boss, weil Du Verantwortung übernommen hast, wie es eben nur Kerle aus dem Revier vorleben. Wenn mein Vater von Dir sprach, dann sagte er allerdings nie Boss, auch nicht kumpelhaft Helmut. Für ihn, für eine ganze Generation zwischen Duisburg und Dortmund warst Du der Helmut Rahn, für den er und so viele andere Väter und Großväter sich am 4. Juli 1954 die Nase an der Scheibe des Radiofachgeschäftes plattgedrückt haben, um bloß kein Wort, keinen Pass, kein Tor zu verpassen. Und das Wunder schon gar nicht. Es ist schlichtweg einmalig, es ist ein Phänomen: Mein Vater hat seine Hochachtung vor Dir, vor dem besten Ruhrgebiets-Fußballer aller Zeiten, an mich vererbt – auch wenn Du nur noch im Himmel Tore schießt.

Helmut, wir drei haben was gemeinsam. Mein Vater, Du und ich werden unsere Rot-Weißen immer lieben. Du hast später auch für andere Vereine gestürmt, aber Dein Denkmal, das gehört nur an die Hafenstraße.  Mein Vater und ich, wir sind von Bottrop zum Georg-Melches-Stadion gelaufen, um das Geld für die Straßenbahn zu sparen. Da gab es noch die echte Westkurve, es roch nach Kohle, Schweiß, Bier, Bratwurst und Zigarren. Bei Freitagabend-Spielen konnte das Flutlicht gegen den diesigen, verqualmten, nebligen Himmel über dem Revier kaum anfunzeln, und beim Einlauflied »Adiole«, eigentlich ein Schlager von Siw Malmkvist, bekamen wir regelmäßig Gänsehaut. Oh RWE … Auf dem Rasen, da kickten, da ackerten Deine Erben, die es gar nicht abwarten konnten, die arroganten Bayern in Grund und Boden zu spielen.  Mein Freund Aki Schmidt vom BVB kann so manche Geschichte von Dir erzählen. Vor Länderspielen habt ihr euch das Zimmer geteilt. Du, der Weltmeister, er, der Neuling. Auf dem Platz, sagt Aki, da warst du ein Egoist, einer, der immer den Ball haben wollte und ungern wieder abgab, der fluchte und störrisch sein konnte, einer mit großer Klappe und Ellbogen. Aber vor und nach dem Spiel da warst Du der beste Kumpel, hilfsbereit, herzlich, witzig, einfühlsam. Mal Schweiger, dann wieder Sprücheklopfer und Geschichtenerzähler. Geschichten aus Deiner Zeit als Gebrauchtwagenhändler, als Handelsvertreter, als der Weltmeister, der für den Titel 2400 Mark, Kühlschrank, Motorroller und Sofagarnitur bekam. Der ein Angebot von einem argentinischen Fußballclub ablehnte, weil er in der Heimat bleiben wollte. Der seinen Wagen volltrunken in eine Grube fuhr und sich mit der Polizei anlegte. Und auch mal hinter Gitter musste.

Schade. Falsche Kollegen und allzu fette Schlagzeilen über Eigentore und Alleingänge haben Dich vorsichtig gemacht. Interviews? Öffentliche Selbstdarstellung? Für kein Geld in der Welt.  Deine Welt, das waren Essen-Frohnhausen, Schrebergarten, Familie, Deine Gerti. Und der Stammplatz an der Theke in der »Friesenstube« und die Kumpels, die sich nicht leidhören konnten am Wunder von Bern: »Helmut, erzähl mich dat Tor …« Ich kam zu spät. Als ich mein erstes Pils in der »Friesenstube« bestellte, da blieb Dein Stammplatz frei. Auf der anderen Straßenseite erwies der Deutsche Fußballbund Dir in der St. Elisabeth-Kirche die letzte Ehre. Aber mit dieser Geschichte lassen wir uns noch Zeit. Erst sollst Du machen, was der Junge aus dem Revier, der Weltmeister wurde, am besten konnte: Tore schießen.  

Helmut Rahns Autobiografie „Mein Hobby: Tore schießen“ 
Die Autobiografie erschien zum ersten Mal im Jahre 1959. Jetzt hat der Verlag Henselowsky Boschmann eine Neuauflage herausgegeben. ISBN 978-3-942094-40-5, 264 Seiten, 14,90 Euro.
In seinem Buch berichtet der „Boss“, wie er nach der WM 1954 genannt wurde, von seiner Kindheit in Essen, von den Kriegsjahren und dem Beginn seiner Karriere bei Rot-Weiß Essen und in der Nationalmannschaft.
In dem Buch geht es aber nicht nur um Fußball. Helmut Rahn erzählt unter anderem, wie er seine Frau Gerti kennen lernte, warum er ins Gefängnis musste und wie Bundestrainer Sepp Herberger darauf reagierte.
Helmut Rahn schoss in 40 Länderspielen 21 Tore, spielte für SV Altenessen 1912, FC Stoppenberg, SC Oelde 09, Sportfreunde Katernberg, Rot-Weiß Essen, FC Köln, SC Enschede und Meidericher SV. 1965 beendete er seine Fußballerkarriere und zog sich zurück. Er starb am 14. August 2003 und ist auf dem Margarethen-Friedhof in Essen-Holsterhausen begraben.
Vor- und Nachwort in der Neuauflage wurden vom Chefredakteur Hermann Beckfeld geschrieben.