Krimi aus Algerien in einem neuen, spannenden Raum

Ruhrtriennale

Industriekulturdenkmäler sind heute herausgeputzte, Abendkleid-taugliche Kulturräume. Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons hat für die Uraufführung seines neuen Musiktheaterstücks "Die Fremden" einen kultur-jungfräulichen, archaischen Raum entdeckt: In der Zeche Auguste Viktoria in Marl wurde vor neun Monaten noch gearbeitet; seit Freitag ist die riesige, 250 lange, nicht komplett geschlossene Halle ein spannender Theaterraum.

MAR

, 04.09.2016, 13:06 Uhr / Lesedauer: 1 min
Krimi aus Algerien in einem neuen, spannenden Raum

Sandra Hüller und Benny Claessens in Johan Simons’ Inszenierung „Die Fremden“ in der Zeche Marl. Ju/Ruhrtriennale

Spektakuläre Bilder hat Simons in seinem Musiktheaterexperiment nach dem Roman "Der Fall Meursault" von Kamel Daoud in die karge Halle, die knapp zwei Stunden lang ein fremder Raum bleibt, gebracht. Extrem steil steigen die Zuschauerreihen an, es ist zugig und wie eine Mondlandschaft breitet sich der schwarze Schotterboden zu Füßen des Publikums, darunter Bundespräsident Joachim Gauck mit Lebensgefährtin Daniela Schadt und der Autor Kamel Daoud, aus.

Monster auf Schienen

In der Mitte der Halle steht der Kohlenwäsche-Rücklader, ein Maschinenmonster, das später auf Schienen zurückfährt und die fünf Schauspieler und das 15-köpfige Orchester noch verlorener und kleiner wirken lässt (Bühne: Luc Goedertier).

Es ist ein Musiktheaterexperiment mit passender Musik von Kagel, Vivier und Ligeti - großartig gespielt vom Ensemble "Asko Schönberg" unter Reinbert de Leeuw. Und mit Videos (Aernout Mik), die erst Kriegsszenen 1942 in Algerien, später in der Zechenhalle gedrehte Bilder von Flüchtlingen heute zeigen.

Perspektive der anderen

Daoud hinterfragt in seinem Bestseller aus dem Jahr 2013 den Roman "Der Fremde" von Albert Camus. Und er gibt der Figur, die bei Camus nur "Der Araber" heißt, einen Namen. "Mein Bruder heißt Moussa", schreit Sandra Hüller (aus dem Film "Toni Erdmann"). Sie ist eine der fünf tollen Schauspieler, die Moussas Geschichte erzählen. Feste Figuren gibt es nicht in Simons Musiktheater, alle sind die Erzähler des Krimis von Moussa und der Befreiung der Algerier von der französischen Herrschaft.

Das lässt das Stück distanziert wirken. Und Simons verfremdet, macht in den Videos Flüchtlinge zu Westeuropäern, die von arabisch aussehenden Polizisten bewacht werden.

Die Perspektive "der anderen" soll das Publikum einnehmen. Das gelingt nicht immer. Der Star dieser Produktion der Ruhrtriennale ist der Raum, der starke Bilder liefert.

Termine: 8./ 9./10.9.; Karten: Tel. (0221) 280210.